Erzbischof Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof Joachim Kardinal Meisner

16.01.2011

Das Thema PID droht die Kirchen zu entfremden - Kardinal Meisner: Grundlage für Zusammenarbeit entfällt "Ein großer Rückschlag" für die Ökumene

Dem Ökumeneprozess der deutschen Kirchen droht ein eklatanter Rückschlag. Die Bestrebungen des Vorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Präses Nikolaus Schneider, vom Konsens der Ablehnung der Präimplantationsdiagnostik (PID) abzurücken, stößt bei der katholischen Kirche, namentlich bei dem Kölner Kardinal Joachim Meisner, auf entschiedene Kritik: Sogar eine Aufkündigung der Zusammenarbeit im Rahmen der ökumenischen "Woche für das Leben" sei möglich, da es an "gemeinsamer Überzeugung in den ethischen Fragen" mangele.

Im Rahmen des Neujahrsempfangs des Diözesanrats im Erzbistum Köln sagte Kardinal  Meisner gegenüber domradio.de: "Wir haben so viele Dinge, wo wir keine gemeinsame Überzeugung in den ethischen Fragen haben. Das ist jetzt bei der PID besonders deutlich geworden. Das ist ein großer Rückfall, denn die Politiker argumentieren ja immer, die Kirchen seien sich auch nicht einig. Das ist ein großer Rückschlag der Ökumene! Sie wird immer am gemeinsamen Abendmahl gemessen. Aber wir sollten erstmal gemeinsam das Leben verteidigen, dann können wir auch über die anderen Fragen sprechen." Kardinal Meisner wies auch darauf hin, dass die Haltung der evangelischen Kirche zur Homosexualität eine andere als die der katholischen Kirche sei.

Auf die Frage nach Konsequenzen dieser Einschätzung, auch im Hinblick auf die Ausrichtung der ökumenischen "Woche für das Leben" sagte Meisner: "Wir haben die Woche für das Leben alleine als eine katholische Einrichtung begonnen und nach zwei oder drei Jahren haben wir gesagt, wir können es eigentlich ökumenisch machen. Und jetzt fragen wir uns, ob es überhaupt noch möglich sein wird in Zukunft eine gemeinsame Woche für das Leben durchzuführen". Diese Zweifel hatte der Kardinal auch zuvor in seinem Vortrag vor dem Diözesanrat geäußert.

Schneider: Ein Unterschied zur Abtreibungsdebatte
Der Hintergrund: Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) soll nach Ansicht ihres Ratsvorsitzenden, Nikolaus Schneider, die Haltung zu Gentests an Embryonen neu beraten. Wichtig sei der Blick auf "die konkrete Not von Menschen", hatte er am vergangenen Montag vor der Synode der rheinischen Landeskirche in Bad Neuenahr betont. Anders als in der Abtreibungsdebatte gehe es bei der umstrittenen Präimplantationsdiagnostik (PID) darum, "Leben zu ermöglichen und auf die Welt zu bringen".

Manche Paare, die durch erbliche Vorbelastungen eine schwere Behinderung ihres künftigen Kindes befürchten, befänden sich in einem existenziellen Dilemma, sagte der rheinische Präses: "Das Gleiche gilt für Paare, die vielleicht schon mehrfach erlitten haben, dass ihr Fötus nicht im Mutterleib gehalten werden konnte oder totgeboren wurde." Diese Paare erhofften sich von der künstlichen Befruchtung in Verbindung mit der PID die Erfüllung eines oft schon lange gehegten Kinderwunsches.

Die EKD hatte sich 2003 für ein PID-Verbot ausgesprochen, will ihre Haltung aber auf Initiative Schneiders hin neu diskutieren. Der oberste Repräsentant der rund 24 Millionen deutschen Protestanten hält eine Anwendung der PID unter strengen Auflagen für denkbar. Bei dem Verfahren werden im Reagenzglas erzeugte Embryonen vor der Einpflanzung in den Mutterleib auf Erbkrankheiten gentechnisch untersucht. Das Ziel ist, mittels Selektion die Weitergabe von Erbkrankheiten zu verhindern. Eine gesetzliche Neuregelung der PID steht an, weil der Bundesgerichtshof im Juli 2010 das bisherige Verbot gekippt hatte.

Kardinal Meisner: Selektion und Tötung
Kardinal Meisner hat die Freigabe von Gentests an Embryonen in der Präimplantationsdiagnostik (PID) immer wieder aufs Schärfste verurteilt. "Die PID zieht immer Selektion und Tötung nach sich", hatte er zuletzt in einem Gottesdienst Ende Dezember im Kölner Dom betont. Wer PID zulasse, sage Nein zum Leben und Nein zu Gott. "Dieses Nein aber bedingt gleichsam lawinenartig eine weitere Lockerung des Lebensschutzes", warnte Meisner.

Der Mensch habe seine volle Würde, sobald eine Eizelle befruchtet werde, erläuterte Meisner. "Ab dem Moment ist nicht nur neues Leben vorhanden, das sich als Mensch entwickelt. Ab diesem Moment stehen wir vor einer neuen genetischen Identität, das heißt, einem einzigartigen neuen Ebenbild Gottes." Niemand habe das Recht, hier eine Auswahl zu treffen, betonte der Kardinal zum Fest der Unschuldigen Kinder, das die Kirche am 28. Dezember begeht. Es erinnert an den Befehl von König Herodes zur Zeit Christi Geburt, alle neugeborenen Jungen töten zu lassen.

"Diese Entscheidung ist falsch"
Auch Herodes habe damals eine Selektion vorgenommen, sagte Meisner. Das Evangelium spreche davon, dass er in Bethlehem und Umgebung alle Jungen bis zum Alter von zwei Jahren töten ließ, genau der Zeit entsprechend, die er von den Sterndeutern erfahren hatte. Die Kriterien also seien gewesen: Ort, Alter, Geschlecht und Stand der Forschung. Die PID-Befürworter hätten "auch ihre Kriterien und sie machen sich auch den Stand der Forschung zunutze". Zwar sei es politisch unkorrekt, diesen Vergleich zu ziehen, räumte der Kardinal ein. Schließlich hätten die PID-Befürworter um ihre Entscheidung gerungen. "Aber diese Entscheidung ist falsch", so Meisner.

Zugleich wies er auch das Argument der Befürworter zurück, wonach ein künstlich erzeugtes Kind ja später noch straffrei abgetrieben werden dürfe, während das Aussortieren vor der Einpflanzung, also noch in der Petrischale, verboten sei. "Das ist in der Tat absurd", so der Kardinal. Diese Absurdität der gesamten Abtreibungsproblematik könne jedoch niemals ein Argument für die PID sein. "Denn hier wird ein Tötungszeitpunkt gegen den anderen ins Feld geführt."

Die ökumenische Woche für das Leben
Im Jahr 2010 feierte die Woche für das Leben in Deutschland ihr 20-jähriges Bestehen. Sie geht auf eine Initiative der Deutschen Bischofskonferenz und des Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) zurück. Sie wollten in besonderer Weise auf den "Schutz des ungeborenen Kindes" - so auch das Motto der ersten Woche für das Leben im Jahr 1991 - aufmerksam machen. Nach der Wiedervereinigung in Deutschland war die Neuregelung der Abtreibungspraxis wegen unterschiedlicher Handhabe in Ost und West notwendig geworden. Die Woche für das Leben sollte also nach dem Willen ihrer Initiatoren die kirchliche Position in einer aktuellen Debatte vermitteln. Mit der Woche für das Leben wurde damals eine einzigartige Initiative in Westeuropa begonnen.

Seit dem Jahr 1994 wird die Woche für das Leben gemeinsam mit dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland durchgeführt. Kirchengemeinden, Einrichtungen und Verbände in 27 (Erz-)Bistümern und 22 evangelischen Landeskirchen nehmen an der Woche für das Leben teil und machen sie damit zu einer bundesweit erfolgreichen Aktion mit einem ausgeprägt ökumenischen Charakter. In vielen Regionen hat sich die ökumenische Zusammenarbeit bewährt und die Kampagne ist zu einer festen Größe des kirchlichen Miteinanders geworden.

Der rheinische Präses Schneider und der Kölner Kardinal sind seit vielen Jahren freundschaftlich verbunden: Ob beim Kirchentag 2007 in Köln oder bei den regelmäßig gemeinsam abgehaltenen ökumenischen Vespern, stets stand statt dem Trennenden das Verbindende im Vordergrund. Nun drohen die Differenzen in ethischen Fragen unüberbrückbar zu werden.

Ralf Walter

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