12.08.2010

EU-Agrarexporte zu Dumpingpreisen zerstören einheimische Märkte in Afrika Durch Billig-Hühnchen in den Ruin

Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein gutes Geschäft für beide Seiten: In Europa gibt es zu viel Hühnerfleisch. Hähnchenreste werden billig weiterverkauft - nach Afrika, wo viele Menschen zu wenig zum Essen haben. Das Vorgehen hat jedoch verheerende Folgen für die dortigen Bauern.

Agrarprodukte aus der Europäischen Union werden zu Dumpingpreisen etwa in Ghana, Kamerun oder Liberia verkauft. Kleine einheimische Geflügelhalter können nicht mit den großen Billiganbietern konkurrieren und gehen pleite. Oft sind die Leidtragenden Frauen, die als Kleinbäuerinnen ihre Familie ernähren müssen. «In Ghana haben die Importe von billigen, gefrorenen Hähnchenteilen inzwischen fast die gesamte Geflügelproduktion zerstört und die Märkte ruiniert», kritisiert Stig Tanzmann, Landwirtschaftsreferent beim Evangelischen Entwicklungsdienst (EED) in Bonn. «Die Geflügelhalter verkaufen nicht mehr kostendeckend, ihnen fehlt das Geld für neue Küken und sie können ihre Kredite nicht zurückzahlen.» Der Internationale Währungsfonds und die Weltbank hätten höhere Einfuhrzölle verhindert. Export vervierfachtDer EU-Geflügelexport nach Afrika hat sich von etwa 35.000 Tonnen 1996 auf 150.000 Tonnen im Jahr 2009 mehr als vervierfacht, heißt es in der EED-Broschüre «Keine chicken schicken», die im Herbst erscheint. Die gefroren angelieferten Hühnchenteile liegen zumeist ungekühlt an Marktständen in der Hitze und gammeln vor sich hin - gekauft werden sie trotzdem, denn der Preis macht's. «Wir als deutsche Konsumenten kaufen die teure magere Hühnerbrust und die Schlegel - und bezahlen damit fast das ganze Huhn», sagt Tanzmann. «Damit ist das Geschäft gemacht. Der Export der Reste ist ein günstiges Zusatzgeschäft für Schlachtereibetriebe und Zwischenhändler.» Schweinefleisch, Milchpulver oder TomatenmarkHühnerfleisch ist nur eines von zahlreichen Überschussprodukten aus Europa, die seit den 90er Jahren als subventionierte EU-Agrarexporte zu Dumpingpreisen im Süden landen. Ähnliches gilt für Schweinefleisch, Milchpulver oder Tomatenmark. «Diese blinde Exportorientierung schadet auch den Bauern hier», meint die EU-Agrarexpertin Berit Thomsen von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). «Durch Überproduktion gehen auch bei uns die Preise kaputt, deshalb solidarisieren wir uns mit denen, die eine global verantwortliche Agrarpolitik wollen.» Die AbL und zwölf weitere Organisationen fordern in einem Papier eine neue EU-Agrarpolitik, die der Ernährungssicherheit im Süden der Welt Vorrang vor eigenen Exportinteressen geben soll. Auch der aktuelle Anstieg der Weizenpreise auf dem Weltmarkt macht dem EED zufolge deutlich, wie gefährlich es ist, wenn Entwicklungsländer bei der Ernährung zu stark von Einfuhren abhängig werden. Die Verteuerung dürfte sehr schnell auf den Brotpreis in Ghana oder Kamerun durchschlagen, glaubt der Agrarhandelsexperte Francisco Mari. Um Dumping-Exporte abzustellen, sollte die EU nach seinen Vorstellungen die Investitionsbeihilfen für die Landwirtschaftszweige abschaffen, die auf den Export abzielen. Auch diese indirekten Subventionen verzerrten die Preise, während die direkten Exportbeihilfen im Auslaufen begriffen seien. Aber auch die afrikanischen Staaten können etwas tun. Das bewies Kamerun, wo sich 2003 eine Bürgerbewegung gegen «Hähnchen des Todes» formierte. Die Regierung beschränkte die Einfuhren und erhöhte die Einfuhrzölle, zog 2005 schließlich alle Importgenehmigungen zurück - innerhalb kürzester Zeit stammten die Hühnchen auf den Märkten wieder von Einheimischen. Das Bundeslandwirtschaftsministerium verweist indes darauf, dass manche Staaten zögern, höhere Zölle zu erheben, weil die Regierungen billige Nahrungsmittel für die wachsende Stadtbevölkerung wollten. «Es ist wichtig, dass sich die betroffenen Staaten selbst schützen und eine gute Landwirtschaftspolitik machen,» sagt EED-Experte Tanzmann. Auch Senegal, Nigeria oder Kenia hätten das getan. Aber auch die Verbraucher in Europa seien gefordert: «Es kann doch nicht sein, dass die Menschen in Afrika unsere Reste essen müssen und dabei auch noch ihre eigene Landwirtschaft kaputt geht.»  

Bettina von Clausewitz

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