06.08.2010

Vor 50 Jahren ließ die SED die Wismarer Marienkirche sprengen Aufbauwerk für Generationen

Wie ein mahnender Finger ragt der gut 80 Meter hohe Turm der Wismarer Marienkirche in den Himmel über der Hansestadt. Seit vor 50 Jahren das im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigte Schiff der einstigen Haupt- und Ratspfarrkirche gesprengt wurde, markiert der Turm mit seinem ungewöhnlichen Anblick eine im Stadtbild klaffende Wunde.

Heimatforscher Detlef Schmidt, der etwa 150 Meter entfernt von der Marienkirche aufwuchs, hat die Sprengung des Kirchenschiffs hautnah miterlebt. Sein Elternhaus sei bis zur ersten Etage in Stroh gepackt worden, erinnert sich der heute 65-Jährige. Alle vier Sprengungen - die erste war am 6. August 1960, die letzte 20 Tage später - hat er aus nächster Nähe verfolgt.Während mancher Bewohner von Wismar zuvor noch gedacht haben mag: "Was soll das alte Zeug?", sei der Sprengung regelrechtes Entsetzen gefolgt, als der Schuttberg dann dalag. "Jetzt erst merkten viele, was sie verloren hatten", erinnert sich Schmidt."Das Antidemokratischste, was ich je erlebt habe"Der Beschluss dazu im Stadtrat ist für Detlef Schmidt "das Antidemokratischste, was ich je erlebt habe". Er kam von der SED-Kreisleitung, die den Oberbürgermeister aufgefordert hatte, in der Stadtverordnetenversammlung vom 4. August 1960 die Beseitigung der Kirchenruine beschließen zu lassen. Und so sei es dann auch geschehen, sagt Schmidt.Da half es auch nicht, dass der Philologe Jürgen Gundlach seine junge akademische Laufbahn aufs Spiel setzte und am 19. Juli 1960 in einem Protestschreiben den damaligen DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl (SED) darum bat, den Abbruch der Marienkirche zu verhindern. Oder dass der Wismarer Pastor Walter Lemcke ebenso mutig wie entschlossen in der Versammlung der Stadtverordneten noch am 4. August 1960 für den Erhalt der Kirchruine kämpfte. Aber weder der Pastor noch die Vertreter der Denkmalpflege konnten den einstimmigen Beschluss zum Abbruch des Kirchenschiffes verhindern.Schon zwei Tage später begann die erste Sprengung, die ohne Information oder gar Einwilligung der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs erfolgte. Offiziell begründet wurde das Vorgehen von staatlicher Seite vor allem mit den Gefahren für die Bevölkerung, den hohen Ausbau- und Sicherungskosten sowie dem angeblich mangelnden kirchlichen Interesse an dem Gebäude, berichtet Georg Diederich vom Heinrich-Theissing-Institut in Schwerin.Dabei zählte Wismar zu den 16 DDR-Städten, deren letzte Kriegsspuren nach einem Beschluss des V. SED-Parteitages bis 1962 beseitigt werden sollten. Für die Beseitigung der Ruinen St. Marien in Wismar und St. Jacobi in Rostock sowie anderer Kulturdenkmäler sei damit die SED verantwortlich gewesen, hebt Diederich mit Verweis auf entsprechende Nachforschungen hervor.Ausstellung "Erinnerung und Zukunft"Lange Zeit hat die Fläche des einst 60 Meter langen und 36 Meter breiten Kirchenschiffes als Parkplatz gedient. Seit einigen Jahren sind die Fundamente freigelegt und gesichert. Nach Vorstellung der Stadtverwaltung sollen sie bis auf eine Höhe von 1,60 Meter aufgemauert werden. Die Stadtverwaltung will die Grundrissfläche der einstigen Basilika als Skulpturenpark nutzen. Seit 2002 beherbergt der Turm Teile einer Ausstellung zur Backsteingotik.Seit 9. Juli erinnert im Turm der Marienkirche unter dem Motto "Erinnerung und Zukunft" auch eine Ausstellung an die Zerstörung des Backsteinbaus. Am 6. August, dem 50. Jahrestag der ersten Sprengung, ist eine öffentliche Lesung aus archivalischen Quellen vorgesehen. Dabei soll auch etwas vom geschichtlichen Hintergrund der Zerstörung zur Sprache kommen. Am 7. August folgt ein Schaumauern an den Fundamenten. Und am 7. und 8. August wird zudem ein Film gezeigt, der die Zerstörung der Marienkirche dokumentiert.In welchem Maße an diesen Tagen auch die Forderung laut wird, das Kirchenschiff wieder aufzubauen, bleibt abzuwarten. Detlef Schmidt ist jedenfalls für den Wiederaufbau. Und diesen Wunsch teilt er nach seiner Einschätzung mit der Mehrheit der Wismarer Bevölkerung.Dabei gehe es ihm nicht um eine "Hauruck-Aktion". Vorher müsse es eine Nutzungskonzeption geben, sagt der Heimatforscher und verweist darauf, dass derzeit alle Wiederaufbaupläne schon aus finanziellen Gründen utopisch seien. Doch Schmidt ist auch überzeugt, dass es ohne Visionen nicht geht. Außerdem müsse den nächsten Generationen etwas überlassen werden, das sie fortführen können.Dass Utopien auch Wirklichkeit werden können, zeigt die unweit gelegene und ebenfalls im Zweiten Weltkrieg stark beschädigte Georgenkirche. Ihr Wiederaufbau, sagt Schmidt, sei ja auch geglückt und erst im Mai mit einem großen Festakt gefeiert worden.

Anne-Dorle Hoffgaard