Melaten: Ruhestätte für 300.000 Domstädter
Melaten: Ruhestätte für 300.000 Domstädter

10.07.2010

200 Jahre Melatenfriedhof Kölns steinernes Geschichtsbuch

"Funeribus agrippinensium sacer locus - den Gebeinen der Kölner ein heiliger Ort" - so ist über einem der Portale zu lesen. Was für die Amerikaner Arlington und für die Franzosen der Pere Lachaise, das ist für die Kölner der Melatenfriedhof. In diesem Jahr wird er 200 Jahre alt.

Begonnen hat die Geschichte des Friedhofs - wie vieles im Rheinland - mit Napoleon. Die städtischen Kirchhöfe waren Brutstätten von Krankheiten und Seuchen. Deshalb sah die "Napoleonische Begräbnisordnung" deren Schließung vor und forderte siedlungsferne Zentralfriedhöfe. Auch in Köln fand man einen Begräbnisplatz außerhalb der Stadtmauern, der auch noch in Jahrhunderten die Toten der Domstadt aufnehmen sollte: die städtische Hinrichtungsplatz an der Ausfallstraße nach Aachen, wo noch in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts 27 der Hexerei angeklagte Frauen ihr unglückliches Ende fanden. Den Namen "Melaten" führt die Kölner Volksfrömmigkeit auf "St. Melatus, den Patron der Friedhofskapelle" zurück. Doch diese Deutung ist falsch. Denn "Melaten" leitet sich von "Maladen" ab, den "Kranken" - vor allem Leprösen und Seucheninfizierten, denen das Betreten der Stadt strengstens verboten war und die hier Asyl fanden. Am 10. Juli 1810 erste BeisetzungDie erste Beisetzung fand am 10. Juli 1810 auf dem Friedhof statt. Der Begräbnisplatz wuchs stetig und hat heute die Größe von über 60 Fußballfeldern - Platz für 55.000 Gräber. Bislang haben hier 300.000 Kölner ihre letzte Ruhe gefunden. Zunächst fanden auf dem Friedhof nur Katholiken Platz; doch heute ist "Melaten" wie Köln überhaupt ein Schmelztiegel aller Rassen, Sprachen, Religionen und Kulturen. Freilich dient das "Veedel vun denne Dude" der Millionenstadt auch als "Grüne Lunge" - gemäß der Idee Goethes, dass die Lebenden die Gottesäcker auch zur Erholung nutzen. Eine hohe Mauer hält den Straßenlärm weitgehend ab. Ein gleichmäßiges Wegeraster teilt den Friedhof in 20 Fluren ein. Den Bepflanzungsplan entwarf der Düsseldorfer Gartenkünstler Max Weyhe. Heute brüten dort rund 30 Vogelarten. Gänge durch die GeschichteSpaziergänge über Melaten sind Gänge durch die Geschichte. Noch Anfang des 19. Jahrhunderts wurden die Toten auch in Köln nach Herkunft beigesetzt - obwohl Napoleon die Gleichheit aller auf dem Friedhof verlangte. Die Kölner Prominenz legte Wert darauf, an der Hauptachse beigesetzt zu werden, der so genannten "Millionenallee". Hier liegen die Mallinckrodts, von Oppenheims, Dumont-Schaubergs, Deichmanns, Bachems, Guillaumes sowie die von Rautenstrauchs, aber auch die bei den Rheinländern wenig beliebten preußischen Gouverneure der Rheinprovinz wie Robert Januarius von Frankenberg oder Ludwig Friedrich Ernst von Bothmer. In Sammelgräbern fanden die Kölner Pfarrer und bekannte Nonnen ihre letzte Ruhe, darunter die Ordensfrau Maria Clementine Martin, Erfinderin des "Klosterfrau Melissengeist". Die Kölner haben zu Kirche und den letzten Dingen ein sehr unbefangenes Verhältnis. Das äußert sich auch in vielen "Krätzchen" und "Witzchen", in denen auch "Melaten" eine Rolle spielt. Da finden sich zum Beispiel Tünnes und Schäl nach einem Abend mit viel Kölsch morgens auf einem Grabstein von "Melaten" wieder. Angstvoll ruftTünnes: "Schäl, Schäl, wat is he loss?" Dieser reibt sich schlaftrunken die Augen und antwortet mit feierlichem Unterton: "Mein Freund, damit hätten wir das Ziel unserer irdischen Pilgerschaft erreicht: Es ist der jüngste Tag, gleich beginnt die Auferstehung der Toten, und wir zwei sind die ersten." Den Witz erzählte der "Kölsche Jung" Willi Millowitsch. Nun ruht er selbst da, wo diese fröhliche, die Heilsgewissheit der Kölner so plastisch wiedergebende Anekdote spielt: auf "Melaten". In Gruft 72 a. Tausende säumten am 25. September 1999 beim Trauerzug vom Dom die Straßen. Der "sacer locus" hatte wieder einmal prominenten Zugang bekommen.

Helmut S. Ruppert

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