Tridentinischer Gottesdienst
Tridentinischer Gottesdienst

05.07.2010

Seit drei Jahren ist die tridentinische Messe wieder zugelassen "Es geht um das Zweite Vatikanum"

Am 7. Juli 2007 hat Benedikt XVI. in dem Erlass "Summorum pontificum" erlaubt, dass weltweit wieder Messen nach dem alten tridentinischen Ritus gefeiert werden dürfen. Ist es gelungen, der Liturgie ihre Würde wiederzugeben? Oder war es doch eher ein "Schritt rückwärts", wie einige Kritiker sagen? Einschätzungen des Theologen Thomas Schüller, Professor für Kirchenrecht an der Uni Münster

KNA: Professor Schüller, was genau unterscheidet die Messe nach dem tridentinischen Ritus von der neueren Liturgie? Schüller: Ein Hauptunterschied ist, dass in der neuen Liturgie neben dem Opfercharakter die Mahlgemeinschaft der versammelten Gemeinde betont wird. Der Priester, der in der tridentinischen Messe auch mit dem Rücken zum Kirchenvolk steht, ist nicht mehr alleiniger Akteur. Die ganze Gemeinde ist auf je unterschiedliche Weise an der Feier der Eucharistie beteiligt. Zudem gibt es in der alten Liturgie nur Mundkommunion, keine Handkommunion. Auch keine Ministrantinnen. Das Lateinische ist nicht der Unterschied. Man kann nämlich auch die neue Liturgie in Latein feiern. KNA: Welche Ziele hatte der Papst bei seinem Erlass? Schüller: Ich sehe drei Hauptziele: Zum ersten hat er immer schon Missbräuche der neuen Liturgie gegeißelt, schon seit seiner Zeit als Professor. Er hält die alte Liturgie für weniger missbrauchsanfällig. Ihm fehlt oft die rechte Anbetung, die Konzentration auf das Opfer, die angemessene musikalische Gestaltung und anderes mehr. KNA: Und die Ziele zwei und drei? Schüller: Das zweite hängt mit den Piusbrüdern zusammen. Denn eine von deren Forderungen für den Dialog mit der katholischen Kirche war, dass die alte Liturgie quasi aus der Schmuddelecke herauskommt. Und drittens ist es auch ein Grundanliegen des Papstes, allen Freunden der alten Liturgie einen unkomplizierteren Zugang zu solchen Messen zu ermöglichen. KNA: Hat der Papst seine Ziele erreicht? Schüller: Was die Würde der Liturgie angeht, hat er sicher heilsame Effekte ausgelöst. Gerade bei der Feier der regulären neueren Liturgie sehe ich jetzt mehr Sensibilität für die Frage, wie man würdevoll die Messe feiern kann, ohne das Volk Gottes auszusperren, aber auch ohne Aktionismus am Altar und ohne Showcharakter. Vielleicht ist auch allgemein das liturgische Bewusstsein größer geworden. KNA: Gibt es jetzt viel mehr Messen im alten Ritus? Schüller: Noch gibt es keine verlässlichen Zahlen. Aber ich habe den Eindruck, dass es sich weder verdoppelt noch verdreifacht hat. Nach einer ersten Welle der Neugierde bleibt die Gruppe der Interessierten doch sehr überschaubar. Allerdings haben sie jetzt wieder eine echte Heimat gefunden in der Kirche und können einfacher als früher ihre bevorzugte Form der Liturgie besuchen. KNA: Es heißt aber immer wieder, die Bischöfe würden unnötig hohe Hürden aufbauen... Schüller: Solche Vorwürfe sind meist haltlos. Manchmal mag die Umsetzung etwas länger dauern, aber man muss ja auch erst mal Priester finden, die solche Messen feiern können, was der Papst ja auch ausdrücklich einfordert. Insgesamt aber sehe ich bei den deutschen Bischöfen einen sehr verantwortungsvollen Umgang mit dem Thema. Die Franzosen und Schweizer zum Beispiel sind deutlich restriktiver. KNA: Sie haben einige positive Impulse angesprochen, aber auch schon das Stichwort Piusbrüder. Es gab ja auch Irritationen nach dem Erlass des Papstes... Schüller: Allerdings. Etwa von protestantischer Seite, aber auch von den Juden, gerade mit Blick auf die Karfreitagsfürbitte im alten Ritus. Insgesamt haben viele den Eindruck, dass der Papst Splittergruppen am rechten Rand sehr viel Aufmerksamkeit schenkt, während er auf der linken Seite - Stichwort: Befreiungstheologie - unversöhnlicher ist. Gerade im Blick auf die Piusbrüder ist da Porzellan zerschlagen worden. KNA: Will der Papst denn zurück hinter das Konzil, wie Kritiker ihm schon mal vorwerfen? Schüller: Auf keinen Fall! Mit ihm gibt es kein Zurück hinter das Zweite Vatikanum. Das passt auch nicht zu seinem theologischen Profil. Er möchte aber die Gräben zuschütten, die sich nach dem Konzil aufgetan haben zwischen verschiedenen Gruppierungen. Und dabei, fürchte ich, ist er manchmal bereit, einen zu hohen Preis zu zahlen. KNA: Werden hier Richtungskämpfe auf dem Rücken der Liturgie ausgetragen? Gerade mit Blick auf die Piusbruderschaft? Schüller: Der dramatische Begriff Kampf trifft es ganz gut. Es geht wirklich um die Deutungshoheit über die Verbindlichkeit der Beschlüsse des Zweiten Vatikanums. Und das finden viele befremdlich, nicht nur an der Basis, sondern auch unter Theologen und Bischöfen. Und man schaut mit Sorge auf die Gespräche Roms mit den Piusbrüdern... KNA: ...Gespräche mit der Glaubenskongregation, von denen ja nicht viel nach außen dringt... Schüller: Das stimmt. Aber hinter den Kulissen hört man immer wieder von der großen Sorge, dass man den Piusbrüdern zu weit entgegenkommen und Weichenstellungen des Konzils relativieren könnte - etwa bei der Religionsfreiheit. Und manche fürchten hier schon einen offenen Streit in der Kirche. KNA: Ist das ganze eigentlich eher eine akademische Debatte, oder wirkt es sich auch in den Gemeinden vor Ort aus? Schüller: Ich beobachte gerade bei den engagierten Katholiken, dass sie die Debatten sehr genau wahrnehmen. Viele, die aktiv in der Pfarrei mitarbeiten, tun das aus einer Art Konzilsgeist heraus. Und die sehen es mit großer Sorge, wenn ihre Ideale in Frage gestellt werden. Diese besonders aktiven Katholiken zwischen 50 und 60 wenden sich derzeit vermehrt enttäuscht ab, und das sollte uns nachdenklich machen. Interview: Gottfried Bohl