06.04.2010

Nachrichtenarchiv 06.04.2010 10:42 Opferverbände kritisieren den runden Tisch für Missbrauchsopfer

Mehrere Organisationen für Missbrauchsopfer sehen den geplanten Runden Tisch zum Thema sexueller Missbrauch kritisch. Die Selbsthilfegruppen "Tauwetter" und "Wildwasser" warfen der Bundesregierung in der "Frankfurter Rundschau" Aktionismus und eine "Debatte auf der Alibi-Ebene" vor. Auch der Kinderschutzbund, der am Runden Tisch teilnehmen will, zeigte sich skeptisch.
Der Runde Tisch soll unter Leitung der Bundesministerinnen für Bildung, für Familie und für Justiz am 23. April zum ersten Mal tagen. Der Zeitung zufolge wurden dazu der Deutsche Städtetag, die Wohlfahrtsverbände, der Olympische Sportbund, die Kirchen, das feministische Netzwerk BAG Forsa, eine Münchner Jugendberatungsstelle und ein Kinderpsychiater eingeladen. Die Organisationen "Tauwetter" für erwachsene männliche Missbrauchsopfer und "Wildwasser" für Frauen werden nicht dabei sein.
Der Trauma-Berater von "Tauwetter", Thomas Schlingmann, reagierte erstaunt. Immerhin seien es erwachsene Männer gewesen, die den Missbrauchsskandal aufgedeckt hätten. Dass die Regierung auf deren Perspektive verzichte, verheiße nichts Gutes. "Es sieht so aus, als wolle sich die Politik mal wieder mit Aktionismus und vielleicht drei Plakatkampagnen aus der Affäre ziehen", sagte Schlingmann der "Frankfurter Rundschau".
Auch die Geschäftsführerin von "Wildwasser", Iris Hölling, zeigte sich skeptisch. Es gelte, endlich Konsequenzen aus dem Skandal zu ziehen. Die Politik müsse als erstes dafür sorgen, dass Opfer flächendeckend Zugang zu Beratung und Hilfe hätten. Bislang werde nicht einmal ausgenutzt, was nach dem Strafrecht möglich sei.
Die Leiterin der Opferberatungsstelle "Zartbitter", Ursula Enders, warf der Regierung vor, bislang keinen Verhaltenskodex für Mitarbeiter von Institutionen, die mit Kindern arbeiten, aufgestellt zu haben. Enders kritisierte zudem die neue Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Christine Bergmann (SPD). Die ehemalige Bundesfamilienministerin habe von Versöhnung gesprochen und setze damit die Opfer unter moralischen Druck.
Der Präsident des Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, verwies auf die Finanznot vieler Beratungsstellen. Er werde sich dafür einsetzen, dass nicht aus Aktionismus neue Einrichtungen gegründet, "sondern erst einmal die bestehenden vernünftig ausgestattet werden".