17.11.2009

Vor 75 Jahren starb Pietro Gasparri Eine Unterschrift für den Vatikan

Ohne diese Unterschrift gäbe es die Vatikanstadt als unabhängigen Staat nicht: Am 11. Februar 1929 setzte Kardinalstaatssekretär Pietro Gasparri seinen Namen unter die Lateranverträge, in denen unter anderem die Gründung der 44 Hektar großen Citta del Vaticano vereinbart wurde.

Erstmals seit 1870, als italienische Truppen Rom besetzten, verfügte das Papsttum damit wieder über ein eigenes, wenngleich stark geschrumpftes Territorium. Die von Benito Mussolini angelegte Via della Conciliazione, die Pilger und Touristen in Rom vom Tiberufer zum Petersplatz führt, verdankt dieser Übereinkunft zwischen dem faschistischen Italien und dem Heiligen Stuhl ihren Namen. Der Diktator ließ die Lateranverträge als "Aussöhnung" (Conciliazione) zwischen Kirche und italienischem Staat feiern. Der aus der mittelitalienischen Region Umbrien stammende Gasparri hatte zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses schon eine lange Karriere in päpstlichen Diensten hinter sich. 1896 war der Kirchenrechtler in den diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhls eingetreten. Nach zwei Jahren ernannte ihn Leo XIII. zum Apostolischen Delegat für Ecuador, Bolivien und Peru. 1901 kehrte Gasparri nach Rom zurück und wurde Sekretär der Kardinalskongregation für außerordentliche Angelegenheiten. Unter Benedikt XV. und Pius XI. diente er dann von 1914 bis 1930 als Kardinalstaatssekretär, also ranghöchster Kleriker nach dem Papst. Pius X. machte den Kirchenmann 1904 außerdem zum Sekretär und später zum Berichterstatter der Kodifikationskommission für die Neugestaltung des Kirchenrechts. Der 1918 in Kraft getretene Codex Iuris Canonici (CIC), das Gesetzbuch der Katholischen Kirche, ist vor allem Gasparris Werk. Der CIC diente der Vereinheitlichung des bislang sehr unübersichtlichen Kirchenrechts und trug der wachsenden Trennung von Kirche und Staat im 19. Jahrhundert Rechnung. Bis zur Veröffentlichung einer überarbeiteten Fassung im Jahr 1983 war der CIC von 1918 geltendes Kirchenrecht. Lateranverträge führten zur lebhafter DebatteWährend die Neugestaltung des Kirchenrechtes in der breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurde, führten die Lateranverträge zu einer lebhaften Debatte. Kritiker auch innerhalb der Kirche fragten, ob eine solche Verständigung zwischen katholischer Kirche und italienischem Staat nicht zwangsläufig auch die faschistische Diktatur Mussolinis mit ihrer gewaltverherrlichenden und staatsvergötternden Ideologie aufwerte. Gasparri und Papst Pius XI. konnten hingegen darauf verweisen, dass keine der demokratischen Vorgängerregierungen in Rom dem Heiligen Stuhl je ein so weitgehendes Angebot unterbreitet habe. Außerdem stand für Gasparri die Seelsorge im Vordergrund und nicht die Politik. Er glaubte - oder hoffte zumindest - dass man auch in einer Diktatur beides voneinander trennen könne. Kirchenhistoriker debattieren bis heute über die angemessene Bewertung der Lateranverträge. Ein Jahr nach Abschluss dieser grundlegenden Vereinbarung trat der inzwischen 78 Jahre alte Gasparri schließlich als Kardinalstaatssekretär zurück. Sein Nachfolger wurde Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII. Vier Jahre später, am 18. November 1934, starb Gasparri in Rom. Dort wird man sich seiner vermutlich zuletzt nicht wegen der Lateranverträge oder des Codex Iuris Canonici erinnert haben, sondern wegen seiner Vorreiterrolle im Dialog zwischen der katholischen Kirche und den Anglikanern. Leo XIII. hatte Gasparri 1896 zum Berichterstatter der Päpstlichen Kommission zur Gültigkeit anglikanischer Weihen 1896 ernannt. Der Kardinal sprach sich wiederholt für eine mögliche Anerkennung anglikanischer Weihen aus. Papst Leo XIII. ließ sich nicht überzeugen. Er erklärte diese im selben Jahr für ungültig.

Thomas Jansen