11.06.2009

Einweihung des Greifswalder Doms mit Erich Honecker ist bis heute ein Politikum Zwischen Anpassung und Abgrenzung

Bis heute ist sie für viele Christen das Sinnbild eines umstrittenen Schmusekurses zwischen Staat und Kirche in der DDR: die Wiedereinweihung des Greifswalder Doms am 11. Juni 1989.

Ihr waren siebenjährige Restaurierungsarbeiten vorangegangen, mit der die rund 700 Jahre alte Kirche für sechs Millionen Mark vor dem Verfall gerettet worden war. Wie damals in solchen Fällen üblich, stammte das meiste Geld aus dem Westen, doch auch das staatliche Institut für Denkmalpflege der DDR hatte ein Fünftel der Baukosten beigesteuert.Für viel Streit innerhalb der Kirche sorgte allerdings der Umstand, dass der damalige Greifswalder Bischof Horst Gienke ohne Rücksprache mit Synode und Kirchenleitung den DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker zum Gottesdienst einlud. Der Staats- und Parteichef hatte bis dahin Kirchen lediglich zu kurzen Besuchen aufgesucht, war aber niemals zu ähnlichen festlichen Gelegenheiten begrüßt worden. Aus Protest gegen die Haltung Gienkes verließen noch während des Gottesdienstes einige junge Leute den Dom genau in dem Moment, als der Bischof auf die Kanzel stieg.Ebenfalls ohne kircheninterne Absprache ließ Gienke es zu, dass nach dem Festakt auch noch ein Briefwechsel mit Honecker im SED-Organ "Neues Deutschland" veröffentlicht wurde. Darin wurden die Kirchenzeitungen wegen ihrer kritischen Berichterstattung über die Domeinweihung angegriffen. Der Bischof geriet dadurch immer mehr ins Abseits und trat schließlich auf Druck der Synode im November des gleichen Jahres zurück - ein für die evangelische Kirche bis heute einmaliger Vorgang.Noch immer MinenfeldSelbst 20 Jahre danach gleicht der Versuch einer Einordnung der Ereignisse von damals dem Betreten eines Minenfelds. Zu unterschiedlich waren die Handlungsmotive der damals Beteiligten, zu groß die persönlichen Verletzungen, auch und gerade bei Horst Gienke.Hatte er doch in den folgenden Jahren immer wieder betont, er habe mit der Einladung des DDR-Staatsratsvorsitzenden zur Verbesserung des Verhältnisses von Staat und Kirche beitragen wollen.So schreibt er in seiner 1996 erschienenen Autobiografie "Dome, Dörfer, Dornenwege": "Die Möglichkeit des Zugangs zu den Staatsvertretern musste ich als ordinierter Pastor beherzt nutzen, um diesen Menschen, die weitgehend keine oder sogar schlechte Erfahrungen mit der Kirche (...) gemacht hatten, aufgrund der menschlichen Begegnung zu einer neuen Sicht zu verhelfen." So könne er auch seine 37 Gespräche mit der Staatssicherheit "bis heute nicht bedauern".Das sei "ein gefährlicher Irrtum der eigenen Selbstüberschätzung und der Verkennung der Gegenseite" gewesen, urteilt dagegen das langjährige Mitglied der Greifswalder Kirchenleitung, Wolfgang Nixdorf. In einem von der pommerschen Synode in Auftrag gegebenen und 2005 erschienenen Aufsatzband über die Ereignisse von damals spricht er gar von der Gefährlichkeit der "Gienkischen Staats-Kirchen-Politik".Zwar hätten auch andere Mitglieder der Kirchenleitung "ihren eigenen Umgang mit Staat und Partei gepflegt", räumt der heutige pommersche Bischof Hans-Jürgen Abromeit ein. Dennoch sei es keine bewusste Entscheidung der gesamten Kirchenleitung gewesen, eine besondere Nähe zum Staat aufzubauen, sagt er. Ein grundsätzlich anderes Verhalten als in anderen Landeskirchen, einen eigenen "Greifswalder Weg", habe es nicht gegeben. Zudem hätten die betroffenen Personen "früher oder später Konsequenzen ziehen müssen"."Der Verlust an Vertrauen wirkt bis in die Gegenwart"Nach Abromeits Einschätzung habe die pommersche Kirche durch die Veröffentlichung des von der Synode in Auftrag gegebenen Buches diesen Teil ihrer Geschichte "in kritischer Weise" aufgearbeitet. So dürfe neben dem Blick auf die einstigen kirchenpolitischen Akteure nicht in Vergessenheit geraten, dass die Renovierung des Doms "ein herausragender Akt" gewesen und es den Geldgebern von damals zu verdanken sei, "dass der Dom heute noch steht", betont Abromeit.Dass die Ereignisse rund um die Domeinweihung vor 20 Jahren bei vielen Beteiligten immer noch ein Thema sind, an dem sich die Geister scheiden, ist auch für die damalige Vorsitzende der Greifswalder Synode, Elke König, nicht zu übersehen. Im Vorwort der vor vier Jahren erschienenen Publikation schreibt sie: "Der Verlust an Vertrauen wirkt bis in die Gegenwart nach und lässt viele Fragen für die Zukunft offen."

Nicole Kiesewetter