17.05.2009

Verleihung des Hessischen Kulturpreises verschoben Gegenteil von Kultur

Til Schweiger hat ihn erhalten und Jürgen Habermas, Marcel Reich-Ranicki wurde er verliehen und Volker Schlöndorff - der Hessische Kulturpreis, der seit 1982 vergeben wird. Mit der Auszeichnung für das Jahr 2009 wollte das Preis-Kuratorium darauf aufmerksam machen, dass Religion ein entscheidender Bestandteil des kulturellen Lebens einer freien Gesellschaft sei. Doch es ging schief. Denn die angedachten Preisträger sind sich nicht grün. Nun wird es eine Farce für alle Beteiligten: das Kuratorium mit Ministerpräsident Roland Koch an der Spitze setzt nun auf Zeit. - Hören Sie eine Einschätzung von Werner Höbsch, Leiter des Referats für Interreligiösen Dialog des Erzbistums Köln.

Die für den 5. Juli geplante Preisvergabe werde verschoben, teilte die Hessische Landesregierung am Montag in Wiesbaden mit. Damit folge das Kuratorium einer Anregung der Preisträger Kardinal Karl Lehmann, Peter Steinacker und Salomon Korn. Weithin auf Unverständnis war gestoßen, dass das Kuratorium von einer Verleihung des Preises an den muslimischen Schriftsteller Navid Kermani absah, nachdem Lehmann und Steinacker, der viele Jahre Präsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) war, Einwände erhoben hatten. Durch die Verschiebung der Preisverleihung solle den vier Persönlichkeiten Gelegenheit gegeben werden, in Abstand zur aktuell aufgeheizten Diskussion das nicht-öffentliche Gespräch zu suchen, hieß es. Laut Koch bekundeten Lehmann, Steinacker und Korn, der Vizepräsident des Zentralrats der Juden ist, ihre Bereitschaft zu einer derartigen Unterredung. Nach einem Gespräch mit Kermani habe er die Hoffnung, dass auch dieser ein solches Gespräch annehme. Das Kuratorium hatte Lehmann, Steinacker, Korn und Kermani den Kulturpreis für Verdienste um den interreligiösen Dialog zuerkannt. Lehmann und Steinacker lehnten es dann ab, zusammen mit Kermani ausgezeichnet zu werden, weil er sich in einem Zeitungsbeitrag kritisch mit der christlichen Kreuzessymbolik auseinandergesetzt hatte. Daraufhin entschied das Kuratorium zunächst, den Preis nun doch nicht an Kermani zu vergeben. Unterdessen kritisierte der katholische Philosoph Elmar Salmann die beiden christlichen Preisträger heftig. Kermani habe sich dem Thema des Kreuzestodes Christi mit großer Sensibilität und Taktgefühl genähert, schreibt der Professor an der Päpstlichen Universität Sant'Anselmo in Rom im "Kölner Stadt-Anzeiger". Dass Lehmann und Steinacker dies nicht wahrnehmen könnten, spreche "Bände über den Zustand der christlichen Religion in Westeuropa, der es offenbar an Glaubenskraft und Großmut zugleich fehlt". Auch der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik verteidigte die Haltung Kermanis und sprach von einem "integrationspolitischen Gau". Kermani habe mit seinen Worten zum christlichen Kreuzessymbol artikuliert, was vier Millionen Muslime in Deutschland ebenfalls empfinden dürften, sagte Brumlik der "Frankfurter Rundschau" (FR). Dass das Erschrecken darüber so groß sei, beweise nur, dass manbezüglich des interreligiösen Dialogs bisher in einer Scheinwelt gelebt habe. Auch das Abrahamische Forum, eine Einrichtung des Interkulturellen Rates in Deutschland, befürchtet, dass die Affäre dem interkulturellen Dialog schaden könne. In einem von der FR veröffentlichten Schreiben heißt es, durch die öffentliche Diskussion werde der Eindruck vermittelt, der Dialog von Juden, Christen und Muslimen sei "gescheitert". Das treffe jedoch nicht zu. Das Schreiben ist unterzeichnet von Axel Ayyub A. Köhler, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Petra Kunik, Jüdische Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Frankfurt, Karl-Josef Kuschel, Vizepräsident der Stiftung Weltethos, und Jürgen Micksch, Vorsitzender des Interkulturellen Rates in Deutschland. Unterdessen appellierte der Deutsche Kulturrat an Lehmann, seine Haltung näher zu begründen. Der Zentralrat der Juden erinnerte daran, dass der statt Kermani zunächst vorgesehene muslimische Preisträger, der türkische Orientalist Fuat Sezgin, den Preis abgelehnt habe, weil er nicht mit Korn gemeinsam geehrt werden wollte. Sezgin hatte auf Äußerungen Korns zum jüngsten Gazakrieg verwiesen. Das sei "klassischer Antisemitismus im Gewand des Antizionismus, wie er leider in erheblichem Maße auch in intellektuellen muslimischen Kreisen vorhanden ist", sagte Generalsekretär Stephan Kramer dem Berliner "Tagesspiegel".