Herbert Vorgrimler: Gehörte als - auch streitbarer - Hochschullehrer zu den berufenen Vermittlern
Herbert Vorgrimler: Gehörte als - auch streitbarer - Hochschullehrer zu den berufenen Vermittlern

04.01.2009

Der Konzilstheologe Vorgrimler wird 80 Ein Vermittler

Ein "Star" der theologischen Szene war Herbert Vorgrimler zu seiner aktiven Zeit nicht. Da waren andere, sein Münsteraner Vorgänger Karl Rahner oder Hans Küng, Karl Lehmann oder Johann Baptist Metz. Aber Vorgrimler ist bis heute ein Hüter des theologischen Erbes Rahners. Am Sonntag wurde Vorgrimler 80 Jahre alt.

"Die Theologin oder der Theologe muss ein wacher Zeitgenosse der Gegenwart sein. Er muss heutigen Menschen ein Mitmensch sein, ihre Lebensbedingungen teilen und sich in ihrer Sprache ausdrücken." Was der Münsteraner Dogmatiker Herbert Vorgrimler seinen wissenschaftlichen Mitstreitern einmal ins Stammbuch schrieb, kann er für sich selbst in Anspruch nehmen. Der Theologe aus der Konzilsgeneration, der am Sonntag 80 Jahre alt wird, gehörte als - auch streitbarer - Hochschullehrer zu den berufenen Vermittlern. Und er pflegt nach wie vor die klare Sprache bei hohem wissenschaftlichen Anspruch.Im Jahr 2000 legte Vorgrimler das "Neue Theologische Wörterbuch" vor, das mittlerweile in der sechsten Auflage erschienen ist und von ihm im Sommer 2008 eine Neubearbeitung erfuhr. Die Gattung passt zu ihm: die verständliche, präzise, zeitgemäße Vermittlung von Glaubensinhalten. Der Vorläufer, das "Kleine Theologische Wörterbuch" (mit 16 Auflagen), oder das mit dem seinem Freund und Vertrauten Karl Rahner bereits 1966 herausgegebene "Kleine Konzilskompendium" (mit 29 Auflagen) entschlüsselten vielen Studierendengenerationen die Entwicklung des Konzils (1962-65) und der jüngeren Theologiegeschichte. Er lernte Rahners Denken und lehrte es späterEin "Star" der theologischen Szene war Vorgrimler zu seiner aktiven Zeit nicht. Da waren andere, sein Münsteraner Vorgänger Karl Rahner oder Hans Küng, Karl Lehmann oder Johann Baptist Metz. Aber Vorgrimler ist bis heute ein Hüter des theologischen Erbes Rahners, dessen Todestag sich im März zum 25. Male jährt. Der Rahner-Schüler lernte dessen Denken und lehrte es später. 1972 wurde der gebürtige Freiburger, der in seiner badischen Heimatstadt und in Innsbruck Theologie und Philosophie studiert hatte, Nachfolger Rahners in Münster. Vorgrimler ähnelt nicht nur in der Christologie oder der Gotteslehre den Grundzügen Rahners: Er setzt gleichfalls konsequent bei der Situation des heutigen Menschen an und verwies als Professor die Studierenden auf die innere Erfahrung von Transzendenz, auf die mystische Dimension jeder Rede von Gott. Es passt, dass der Ruheständler als Seelsorger in Pfarreien und in einem Krankenhaus wirkt. So hat auch theologisch Heikles spirituelle Verankerung. "Die Kirche an Ort und Stelle weiß was sie glaubt, sie weiß was ihr Katechismus des Herzens ist", sagte der Theologe zu seiner Emeritierung 1994. Da betonte er die Gewissensfreiheit wie die Verantwortlichkeit der Ortskirche. Bereits 1962 veröffentlichte er in dem Buch "Exegese und Dogmatik" grundlegende Beiträge wichtiger Theologen, um die heute immer noch - oder wieder - gestritten wird. Gerade Aspekte des Kirchenbildes brachte Vorgrimler immer wieder deutlich pointiert in öffentlichen Stellungnahmen ein. Völlig passend titelte er seine 2006 vorgelegten Lebenserinnerungen "Theologie ist Biographie" - auch wenn die ein oder andere Passage allzu anekdotenhaft geriet. Kritik für Dialog mit marxistischen und humanistischen KreisenKritik ausgesetzt war der 1953 geweihte Priester, als er während seiner sechsjährigen Mitarbeit als Berater des vatikanischen Sekretariats für die Nichtglaubenden offen den Dialog mit marxistischen und humanistischen Kreisen suchte. Dies war nicht zuletzt Ergebnis langjähriger Zusammenarbeit mit dem damaligen Wiener Erzbischof Kardinal Franz König. Für den Münsteraner waren solche Gespräche mit Andersdenkenden oder Andersgläubigen die konkrete Umsetzung eines "ganz wichtigen Programmpunkts" des Konzils und eben auch ein Stück Öffnung zur Welt. Um die Gespräche wurde es schon Mitte der 70er Jahre ruhiger. Die Zeit ging darüber hinweg. Gleichwohl misst Vorgrimler, einst "Vorwärts"-Gastautor, ihnen im Rückblick eine "ganz wichtige Funktion" beim Abbau von Feindbildern und Aggressionspotenzial zu.  In seinen Erinnerungen zitiert er lobende Briefworte des damaligen Krakauer Kardinals Karol Wojtyla - seit 1978 Papst Johannes Paul II. - aus den Jahren 1967 bis 1973, der Vorgrimlers Dialog der philosophischen Systeme würdigt. Auch im lange gestörten Dialog der Theologie mit moderner Wissenschaft engagierte sich Vorgrimler bereits seit den 1950er Jahren, vor allem im Zusammenhang der 1955 entstandenen Paulus-Gesellschaft. Nicht zuletzt aus diesen Gesprächen erwuchs jene Klarheit und Verständlichkeit, die seine nach wie vor von vielen Theologiestudenten geschätzten Werke prägt.

Christoph Strack