26.05.2008

Das Beginentum in Flandern stirbt nach 800 Jahren langsam aus Im Niemandsland zwischen Ordensfrau und Laiin

Beginenhöfe gab es früher in jeder größeren Stadt des heutigen Belgien, etwa 70 in ganz Flandern. Nur 30 von ihnen haben die Jahrhunderte überdauert, die meisten davon schwer beschädigt.
Anderswo erinnert nur der Name einer Bushaltestelle oder einer Straße an die "frommen Frauen", die einst hier lebten. Die allerwenigsten Höfen werden noch von den letzten Beginen bewohnt. Am Montag wurde ein weiterer, unvermeidbarer Rückschlag bekannt: Die letzte Begine von Gent, Marcella Van Hoecke, ist im Alter von 99 Jahren gestorben.

Das Beginentum war Teil einer verbreiteten religiösen Aufbruchstimmung des hohen Mittelalters. Die Lebensweise der Beginen, im kirchenrechtlichen Niemandsland zwischen Ordensfrau und Laiin angesiedelt, verbreitete sich über ganz Europa. Beginen lebten meist gemeinschaftlich, aber nicht in einem Kloster. Sie gelobten Keuschheit und Gehorsam, jedoch nur für die Dauer ihres Aufenthalts auf dem Hof - spätere Heirat nicht ausgeschlossen. Als «frustrierte Nonnen zweiter Wahl» lässt die renommierte Frauenhistorikerin Edith Ennen (1907-1999) die Beginen zwar nicht gelten. Doch in der Tat hatten die wenigsten von ihnen, vor allem die Frauen der Mittel- und Unterschicht, auf einen Platz im Kloster hoffen können. Daher begannen sie, eigene Gemeinschaften zu gründen.Allerdings bewegten sie dabei nicht nur religiöse, sondern auch soziale und wirtschaftliche Motive: In den Städten herrschte ein chronischer Überschuss an ledigen Mädchen und jungen Witwen; zudem waren nur wenige Frauenberufe als ehrenhaft anerkannt. Das Beginentum erscheint so als eine Antwort auf die «Frauenfrage» des Mittelalters.Alleinstehenden Frauen bot der Beginenhof ein ehrbares Lebensziel und die Gelegenheit zur Ausübung eines Berufes. Die meisten Beginen verdienten ihren Unterhalt mit der Tuchherstellung, mit Waschen, Klöppeln und Spinnen; sie pflegten Kranke und kümmerten sich um das Totengedächtnis. Manche Gemeinschaft entfaltete eine erstaunliche wirtschaftliche Dynamik, was angesichts der engen Absatzmärkte des Mittelalters mitunter für Unruhe unter den Zünften sorgte.Wo sich die Beginen nicht zusammenschlossen, sondern über eine ganze Stadt verteilt in ihren eigenen Häusern lebten, gerieten sie jedoch rasch in den Verdacht der Ketzerei. Ähnlich den «Bettelorden», allerdings auch zahlreichen häretischen Gruppen, zogen einige von ihnen umher und standen damit außerhalb der sozialen Kontrolle. So entstanden unfromme Vorurteile.Nach jahrzehntelanger Unentschlossenheit der Kirchenoberen verurteilte das Konzil von Vienne das Beginentum 1312 als ketzerisch. Doch nahm ein päpstliches Dekret die Beginenhöfe der Niederlande von dem Verbot aus und ersparte ihnen so die Verfolgungen, die im restlichen Europa den Untergang der Bewegung einleiteten: In Deutschland gab es Ende des 16. Jahrhunderts kaum mehr eine Spur von ihr. In Flandern jedoch entstand eine Insel des Beginentums, das sein «Goldenes Zeitalter» noch vor sich hatte: Nach den Wirren der Reformation und der Religionskriege hatten Ende des 17. Jahrhunderts einige Höfe, wie Gent und Mechelen, bis zu 1.200 Insassinnen.Die Französische Revolution markierte jedoch auch in den belgischen Departements den endgültigen Niedergang des Beginentums. Die einst so kraftvolle Bewegung dämmerte immer weiter vor sich hin: In ganz Flandern gab es Ende der 70er Jahre nur noch 59 Beginen. Mit dem Tod von Marcella Van Hoecke sei nun nur noch eine einzige übrig, berichten belgische Medien: Die letzte Begine des Landes lebe in Kortrijk im Altersheim.Immerhin: Die Höfe wurden 1998 in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Dem malerischen Hof in Löwen war ein besonderes Schicksal bestimmt. Als ihm 1962 der Abriss drohte, kaufte die katholische Universität die 80 verbliebenen Backsteinhäuser und baute sie zu Wohnungen um. Wo einst die Spinnräder der Beginen summten, brummen heute die PC's der Studenten und erfüllen so einen fast vergessenen Teil des christlichen Erbes Europas mit neuem Leben.

Alexander Brüggemann