19.01.2008

Christen im Irak: Erzbischof im Interview Kampf ums Überleben

Die Lage ist Ernst. Anfang der Woche berichtete der Leiter einer Hilfsorganisation im domradio: "In fünf Jahren leben keine Christen mehr im Irak." Lesen Sie hier ein ausführliches Interview mit Louis Sako. Der Erzbischof von Kirkuk kämpft ums Überleben der Christen im Irak.

Vor dem Sturz des Saddam-Regimes gab es im Irak noch mindestens 700.000 Christen. Heute sind es durch Abwanderung noch maximal 400.000. Die Stadt Kirkuk im Norden war bislang eine vergleichsweise sichere Region für Christen. Zu Jahresbeginn explodierte dort wie in anderen Städten des Landes eine Serie von Bomben vor Kirchen. Der Erzbischof von Kirkuk, Louis Sako, sprach am Donnerstag im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Bonn über die politische Botschaft der Attentäter, den Kurs der USA, aber auch über den Moscheenstreit in Deutschland.KNA: Herr Erzbischof, die jüngsten Attentate haben den Rückkehr-Hoffnungen christlicher Flüchtlinge vorerst ein Ende gesetzt.Sako: Ja. Viele haben das Land Richtung Syrien, Libanon oder Jordanien verlassen. Im vergangenen Jahr gab es eine Verbesserung der Sicherheitslage in Bagdad und Basra: mehr Polizisten, mehr Soldaten.Nun, seit den Anschlägen, wissen die Christen gar nicht mehr, was sie tun sollen: bleiben oder anderswo Zuflucht suchen. Als Christen werden wir oft mit den Amerikanern in Verbindung gebracht. Überall im Mittleren Osten herrscht das Gefühl eines Kreuzzugs gegen den Islam. Die vielen Reden und Artikel über die vermeintliche Verknüpfung von Terrorismus und Islam sorgen auf muslimischer Seite für Aggressivität gegen Christen.KNA: Wie deuten Sie die Attentate?Sako: Ich persönlich glaube, dass sie eine Art politischer Botschaft für uns sein sollten; um die Christen zu fragen: Wo stehst du? Auf unserer Seite? Auf der der Amerikaner? Sie könnten aber auch mit dem Besuch von US-Präsident Bush in der Region zusammenhängen. Für uns ist es nicht leicht, unsere Position festzulegen. Es gibt Christen überall im Land. Wenn wir sagen: Wir sind gegen dies oder für das, dann werden uns die anderen attackieren. Daher müssen wir uns sehr diplomatisch äußern.KNA: Sie sprechen von einer politischen Botschaft - aber Sie können sie nicht so recht deuten. Die Botschaft scheint also nicht allzu klar formuliert zu sein.Sako: Das habe ich auch in meiner öffentlichen Erklärung gesagt! Ich habe gefragt: "Warum schickt ihr uns eine politische Botschaft mit Bomben? Besucht uns doch lieber und redet mit uns!" Ich denke, die Terroristen wollen wissen: Seid ihr für die Einheit des Landes? Oder für eine Teilung des Irak? Seid ihr für die amerikanischen Truppen? Und da müssen wir sagen: Wir sind es nicht. Die US-Soldaten sind nicht hier, um Christen zu beschützen. Im Gegenteil: Unsere Kirchen haben Schaden genommen - und auch unsere Leute.KNA: Und ist wenigstens der Zusammenhalt unter den Christen groß?Sako: Sie kennen die Situation im Land: Jeder hat Angst. Wir sind eine Minderheit - und wir sind zur Zielscheibe geworden. Manche Leutesagen: "Kauf das Haus von dem Christen nicht. Der muss sowieso bald gehen, dann bekommst du es umsonst." Das ist sehr ungut. Wir haben eine Mission - wir müssen hier bleiben. Mit unserer Aufgeschlossenheit können wir den anderen Religionen helfen, sehr viel besser ihre eigenen Beziehungen und Konflikte zu verstehen. Als Minderheit können wir ausgleichend wirken. Die einfachen Leute mögen uns. Da gibt es keinerlei Probleme.KNA: Was halten Sie von der Idee einer Art Sicherheitszone für Christen in der Ebene von Ninive?Sako: Befürworter dieser Idee sind heute vor allem Leute, die längst im Westen leben. Auch einige aus unseren Parteien und in christlichen Kanälen reden davon und fragen: "Wollt ihr nicht lieber ungefährdet in einer Sicherheitszone leben?" Und die einfachen Leute sagen natürlich: Ja, klar! Sicherheit, das ist ein Traum für uns alle. Aber wir sollten lieber eine klare Vision der Zukunft entwickeln. Ich halte diese Idee für gefährlich: Wir säßen zwischen Arabern und Kurden, wie in einem Sandwich. Es ist besser, da zu bleiben und zu wirken, wo wir sind. Das ist unsere Berufung als Christen. Nicht, in Gettos zu leben.KNA: Was brauchen die irakischen Christen am dringendsten?Sako: Sicherheit! Sicherheit! Wir haben sonst alles hier: Jede Menge Freiheit, anders als früher. Heute kann man die Regierung kritisieren, zur Wahl gehen. Es gibt Stadträte. Man kann so viele Parteien gründen, wie man will; Zeitungen, Fernsehsender. Bücher publizieren. Früher wurde alles von der Regierung kontrolliert. Die einzigen Probleme sind die Sicherheit - und Arbeitsplätze.KNA: Vermissen die Iraker heute noch Saddam Hussein?Sako: Nein - aber viele, und ich bin einer davon, waren sehr getroffen von seiner Hinrichtung. Sie haben uns gesagt, es wird einen Wandel im Land geben. Aber dazu muss doch eine Abschaffung der Todesstrafe gehören! Das menschliche Leben ist ein absoluter Wert.Niemand hat ein Recht, es zu vernichten. Wir leben doch nicht im Wald.KNA: Viele rechnen für den Herbst mit einem politischen Wechsel in den USA von den Republikanern zu den Demokraten.Sako: Der Eindruck eines Politikwechsels ist für uns sehr schal. Die Politik macht nicht ein Präsident. Der Präsident ist nur ein Gesicht. Es wird keine großen Umbrüche geben. Die Amerikaner haben selbst große Opfer gebracht: im Irak, in Afghanistan. Am Ende müssen sie sich mit leeren Händen zurückziehen. Keiner kennt den amerikanischen Fahrplan dafür. Es ist ein Trauerspiel: Der Irak ist eigentlich ein reiches Land: Öl, Tourismus, Altertümer überall. Nun ist es ein Chaos.KNA: Was würden Sie zu Herrn Bush sagen, wenn Sie ihn träfen?Sako: Tja, Sicherheit kann er ohnehin nicht gewährleisten. Vielleicht würde ich ihm sagen, er solle den Führern der verfeindeten Lager helfen, sich zu versöhnen. Das schließt auch manche Personen des alten Regimes ein. Nicht alle von ihnen sind Kriminelle. Viele Iraker mussten damals einfach in der Partei sein - allein, um einen Studienplatz oder einen Job zu bekommen. Es war ein großer Fehler, nach Saddams Sturz die Parteimitglieder ohne Unterschied zu feuern. Auch die Polizei und die Armee.KNA: Sind Sie mit der Haltung der Europäer zufrieden? Was erwarten Sie von uns, damit wir die Christen im Irak nicht im Stich lassen?Sako: Hier in Europa gibt es eine Menge Unwissen über den MittlerenOsten: über die Christen hier - und vor allem über den Umgang mit dem Islam, mit Muslimen. Ganz konkret brauchen wir zweierlei Unterstützung: wirtschaftliche, denn unsere Familien haben keine Einkommen mehr. Und politische. Die Europäer müssen auf die Einhaltung der Minderheitenrechte im Irak pochen. Die Demokratie fördern. Demokratie ist die einzige Möglichkeit, seine Rechte durchzusetzen: als Person und als religiöse Gemeinschaft. Wir brauchen eine Trennung von Staat und Religion.KNA: In Deutschland werden die Muslime derzeit selbstbewusster und wünschen sich größere Moscheebauten. Viele Deutsche haben davor Angst. Aus Ihrer Heimat haben Sie, Herr Erzbischof, einen sehr realistischen Blick auf die islamische Welt: Halten Sie diese Sorgen für begründet?Sako: Das ist eine Frage des Vertrauens - und das ist das Problem. Wir haben im Lauf unserer Geschichte eine Menge lernen müssen. Die Muslime müssen in die deutsche Gesellschaft integriert werden. Wenn sie in Ihrer Gesellschaft geprägt werden, dann gibt es kein Problem. Ansonsten leben sie einfach hier, bleiben aber in all ihrer Mentalität, in all ihrem Denken Iraker oder Türke oder Kurde - oder sind zerrissen zwischen beiden Welten. Die deutsche Regierung muss den Muslimen helfen, sich zu integrieren. Wenn sie hier bleiben wollen, dann können sie nicht auf Dauer Iraker oder Iraner bleiben.Interview: Alexander Brüggemann und Viola van Melis (KNA)