18.01.2008

Hessens Ministerpräsident setzt auf seine Stammwähler und droht mit der Linken Koch im Umfragetief

Der Donnerstag war kein leichter Tag in der Karriere von Roland Koch. Soeben hatten die Umfragen den Absturz seiner CDU auf unter 40 Prozent gemeldet. In Hessen ist etwas ins Rutschen gekommen. Die SPD ist nur noch einen Prozentpunkt entfernt, und auf einmal droht dem sieggewohnten Hessen der Verlust der Macht. Denn im Augenblick hätten die Hessen lieber SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti als Ministerpräsidentin - zumindest laut der Umfragen.

Hier in Volkmarsen wollen sie Roland Koch. Die Stadthalle platzt mit 3500 Menschen aus allen Nähten. Draußen begehren weitere 600 Menschen wütend Einlass, drinnen kocht die Stimmung schon vor Beginn der Veranstaltung. Als hätten sich die Umfragen herum gesprochen, ist die Stimmung angespannt-aggressiv. Die CDU-Anhänger wollen Zuspruch, und sie wollen ihn jetzt. Roland Koch weiß das."Ihr seid Klasse", ruft er den ehrenamtlichen Helfern im Saal zu, lobt die großen Erfolge der Region Nordhessen, spricht von gestärktem Selbstbewusstsein. "Es gibt eine Mehrheit für die bürgerliche Politik in diesem Land", sagt Koch, und es klingt wie eine Beschwörung. Inständig bittet er den Saal: "Für die letzten Tage brauchen wir Ihre Hilfe!"Koch wäre nicht Koch, wenn er nicht kämpfen würde Die Mobilisierung der eigenen Anhängerschaft ist das Ziel. Koch weiß seit Monaten, dass die absolute Mehrheit von 2003 mit 48,8 Prozent nicht mehr zu halten ist. Schon früh im Wahlkampf propagierte er deshalb als Ziel, erneut 1,3 Millionen Wähler zu binden - das reiche für eine Mehrheit. Nun ist selbst die Mehrheit in Gefahr, und Koch sagt Sätze wie "Hessen war schon immer ein knappes Land" und "wir brauchen jede Stimme, auch meine."Also appelliert er bei der Seniorenunion in Stadtallendorf, "es muss jeder mitmachen", und bei den Landwirten in Steinau-Umbach rät er, "das Auf und Ab der Stimmungen in den Umfragen" einfach zu ignorieren. Die CDU in Fulda beschwört er: "Ihr müsst oberhalb der 70 Prozent nach Hause kommen". Wenn sich die Hochburg "auf die Diaspora verlässt, wird's gefährlich", warnt er.Und noch immer das Thema Jugendkriminalität Das Thema Jugendkriminalität ist immer noch ein Baustein in Kochs Reden, doch inzwischen klingen seine Beiträge dazu deutlich differenzierter. Am Abend in Volkmarsen wird er gar Sätze sagen wie: "Es kommt nicht auf die Herkunft der Täter an." Viel Beifall bekommt Koch für seinen Appell, die Zivilgesellschaft zu stärken und Gewalt zu ächten. "Das ist ein Problem, das uns drückt, deshalb reden wir darüber", sagt Koch bei den Landwirten in Steinau-Umbach.Im mittelhessischen Büdingen sitzen viele junge Gesichter im Saal. Das örtliche Gymnasium hat seinen Oberstufenschülern für den Wahlkampfauftritt frei gegeben. Gekommen sind die 17- und 18-Jährigen, begeistert sind sie nicht. Das Abitur nach acht Jahren funktioniere doch nicht, sagt die 18 Jahre alte Michèle, und als Koch über Videokameras spricht, kommentiert sie nur lapidar: "Der mit seinem Überwachungsstaat". Härtere Strafen brächten gar nichts, findet sie, über die Bestrafung "denkt doch keiner vorher nach".Auf der Bühne geißelt Koch unterdessen die SPD für eine ideologisch gewollte "Einheitsschule" und wirft Ypsilanti wegen ihrer Aussage "Abitur oder Abstieg" Arroganz vor. Vor allem aber malt Koch in diesen Tagen das Schreckgespenst der Linken an die Wand: Der Erfolg des Landes, die Wirtschaftskraft, all das stehe auf dem Spiel, wenn "die Altkommunisten" in den Landtag kämen, warnt er: "Die Linkspartei schickt sich an, das Zünglein an der Waage zu sein."Von ddp-Korrespondentin Gisela Kirschstein