27.12.2007

Vernachlässigte Kinder: ZkF stellt im domradio Frühwarnsystem vor Start ins Leben

Fast täglich müssen in Deutschland Kinder aus verwahrlosten Wohnungen geholt werden. Die registrierten Fälle vernachlässigter Jungen und Mädchen sind nach Einschätzung des Präsidenten des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, in diesem Jahr deutlich angestiegen.- Im domradio stellt Dr. Elke Hümmeler das "Start ins Leben" vor. Das Projekt des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) in München soll als Frühwarnsystem für einen wirksamen Kinderschutz sorgen.

Deshalb fordert er ebenso wie der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg, nach dem Beispiel von Berlin und Hamburg Kindernottelefone in allen Bundesländern einzurichten. Nach Angaben des Bundeskriminalamtes (BKA) haben die gemeldeten Fälle, in denen Eltern ihre Fürsorge- und Erziehungspflicht verletzten, bereits von 2005 auf 2006 bundesweit um mehr als 30 Prozent von rund 1180 auf 1600 zugenommen. 1996 waren dies 1020. Die Zahl der erfassten Fälle pro 100 000 Einwohner sei von 1,4 im Jahr 2005 auf 1,9 im Vorjahr gestiegen, sagte eine BKA-Sprecherin. Zahlen für 2007 liegen frühestens im Mai vor. Hilgers vermutet, dass "die wahren Zahlen bei Vernachlässigungen noch viel höher" liegen als in der Kriminalstatistik ausgewiesen. "Allein in der schlimmsten Woche dieses Jahres sind zehn Kinder durch Vernachlässigung und Gewalt gestorben." Zudem geht der Kinderschutzbund von einer hohen Dunkelziffer aus. Angesichts dieser Entwicklungen plädiert der Kinderhilfe-Vorsitzende Ehrmann dafür, endlich eine aussagekräftige Statistik anzulegen. "Wir wissen in Deutschland, wie viele Autos in den Städten fahren, wann der TÜV abgelaufen ist, aber bei dem viel wichtigeren Thema Kinder haben wir keine vernünftigen Daten, um rechtzeitig eingreifen zu können." GDP-Chef Freiberg sprach sich zudem für ein "schärferes Hinschauen" aus. Verwandte, Nachbarn, Arbeitskollegen seien dabei ebenso gefragt, wie Mitarbeiter in Schulen und Kindergärten. "Wir müssen alle viel sensibler werden, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist", betonte der Polizist. Als wesentlichen Grund für die Vielzahl von Vernachlässigungen sieht Hilgers die zunehmende Armut. Die Zahl armer Kinder sei in wenigen Jahren von 1,1 Millionen auf heute 2,6 Millionen gestiegen. "Dadurch müssen auch immer mehr Kinder in verwahrlosten Wohnverhältnissen aufwachsen", sagte er. Familien, die keine Perspektive mehr für sich sehen, übertrügen dies oft auf ihre Kinder. "Weit mehr als 90 Prozent der schlimmen Fälle spielen im Armenmilieu", sagte der Kinderschutzbundpräsident. Ehrmann fügte hinzu: "Immer mehr junge Eltern sind aufgrund ihrer eigenen Lebensläufe überfordert." Die Jugendhilfe greife jedoch sehr oft erst ein, "wenn die Familie und ihre Kinder zum Fall geworden sind". Hilgers warnte zugleich davor, von der sozialen Not einer Familie pauschal auf die Lebensumstände zu schließen: "Es gibt viele arme Eltern, die sich liebevoll um ihre Kinder kümmern und sich das Letzte vom Mund absparen, damit es ihren Jungen und Mädchen mal besser geht.""Frühwarnsystem" der SkF/Caritas für wirksamen KinderschutzDen dramatischen Entwicklungen in psychosozial belasteten Familien, die in letzter Zeit immer wieder Schlagzeilen machen, will jetzt der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) in München mit einem neuen Angebot vorbeugender Hilfen begegnen, das in Zusammenarbeit mit den Schwangerenberatungsstellen „Bestandteil eines effektiven Frühwarnsystems" sein könne. Das Projekt "Start ins Leben" ist als sogenanntes "aufsuchendes Angebot" konzipiert. Fachkräfte und Ehrenamtliche der katholischen Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen des SkF sollen betroffene Familien aufsuchen und in konkreten Lebenssituationen Hilfestellungen leisten. Das Konzept wird vom Erzbischöflichen Ordinariat München ausdrücklich befürwortet und finanziell gefördert. Der SkF will damit vor allem psychosozial belasteten Müttern und Familien, allein Erziehenden mit fehlendem sozialen Netz, jungen Müttern und Paaren in prekären Lebenssituationen wie auch entwurzelten Familien mit problembelastetem Migrationshintergrund zur Seite stehen. Wirksamer Kinderschutz und vorbeugende Maßnahmen müssten gefährdete Familien bereits vor oder kurz nach der Geburt erreichen, heißt es in dem Konzept.