16.11.2007

Immer mehr Misstände und wachsendes Misstrauen im medizinischen Betrieb Reparaturfabriken ohne Seele?

Eine jüngst veröffentlichte Studie des Zentralinstituts für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM) hat gezeigt, dass viele Ärzte Burn-out-gefährdet sind, weil sie mit der Überlastung, frustrierenden Erlebnissen und den hohen Erwartungen im Beruf nicht mehr zurechtkommen. Gleichzeitig werden kritische Stimmen gegenüber dem Arzt-Beruf lauter: So kritisierte die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth ein hohes Defizit menschlicher Wertschätzung in der Medizin.

Jeder dritte Klinikarzt ist der Untersuchung zufolge gefährdet, ein Burn-out zu erleiden. In den vergangenen zehn Jahren ist dieses Risiko deutlich gestiegen - seit 1997 um rund 50 Prozent. Ein Vergleich zu anderen Berufsgruppen zeigt, dass Ärzte deutlich stärker gefährdet sind als andere Berufsgruppen wie etwa Richter, Architekten, Erzieher und Lehrer.Die Arbeitszeit allein lässt jedoch keinen Rückschluss auf die Burn-out-Gefährdung zu. Im Vergleich zu 1997 ist die Arbeitszeit stark zurückgegangen - auf durchschnittlich 56 Wochenstunden. "Burn-out ist auch keine Frage des Alters. Es kann bei Menschen auftreten, die seit längerer Zeit an ihrer Belastungsgrenze gearbeitet haben und bei denen dann zusätzlicher Druck von außen hinzukommt", erklärt Ralf Wegner vom ZfAM.Unternehmen sollen stärker in die Gesundheit investierenNeben menschlichen und medizinischen Aspekten hat Burn-out auch eine wirtschaftliche Seite. Experten wie der als Berater tätige Arzt Jörg-Peter Schröder weisen auf gravierende Folgen für betroffene Unternehmen hin, denn bei ausgebrannten Mitarbeitern sinkt die Produktivität und erhöht sich der Krankenstand. Schröder empfiehlt den Firmen deshalb, stärker als bislang in die Gesundheitsförderung ihrer Mitarbeiter zu investieren.Das Berufsbild überdenkenEin Übermaß an wirtschaftlichem und technischem Denken im Gesundheitswesen hat hingegen die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth kritisiert. Es gebe in der modernen Medizin ein erhebliches Defizit an Ethos und Wertschätzung menschlicher Beziehungen, sagte die CDU-Politikerin am Freitag in Bad Honnef. Die Folge sei ein wachsendes Misstrauen der Bevölkerung in den medizinischen Betrieb.Süssmuth sprach sich für eine Aufwertung der sogenannten sprechenden Medizin aus. Ärzte dürften nicht dafür bestraft werden, wenn sie Zeit für das Gespräch mit ihren Patienten erübrigten. Auch die Ausbildung von Ärzten und pflegenden Berufen müsse so verändert werden, dass Mitarbeiter in Krankenhäusern und Heimen für Alte und Behinderte mit den existenziellen seelischen und psychischen Konflikten der Patienten besser umgehen könnten."Menschen werden nicht nur durch Technik geheilt"Besorgt über die Entwicklung der modernen Medizin zeigte sich auch der Direktor des Freiburger Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin, Giovanni Maio. Viele Krankenhäuser hätten sich zu "Reparaturfabriken ohne Seele" entwickelt, deren Abläufe streng durchgeplant würden. Auch die Patienten würden zunehmend als Systeme betrachtet, deren Funktionieren wieder hergestellt werden müsse. "Die Menschen werden aber nicht allein durch Technik geheilt", sagte der Professor für Bioethik. "Die Kranken sind existenziell auf helfende Hände angewiesen."Süssmuth und Maio äußerten sich bei einem Kongress zu "Ethik im Gesundheitswesen" der Malteser Trägergesellschaft. Zu ihr gehören derzeit rund 6.000 Mitarbeiter in zehn Krankenhäusern und weiteren Einrichtungen der Altenhilfe, der Hospizarbeit und Palliativmedizin.