18.10.2007

Polens Kirche neutral im Wahlkampf - "Radio Maryja" nur zum Teil Kein Zünglein an der Waage

Am Sonntag wählen die Polen eine neue Regierung. Die katholische Kirche bietet unentschlossenen Wählern kaum eine Entscheidungshilfe. Äußerst strikt achten Polens Bischöfe auf Neutralität im Wahlkampf. Wenn ein Priester im Gottesdienst eine Partei empfehle, sollten die Gläubigen dies dem Ordinariat melden, heißt es etwa in der Erzdiözese Krakau. Der umstrittene Kirchensender "Radio Maryja" fährt vor dieser Wahl zwar keine Kampagne für Kaczynkis PiS, findet aber andere Wege der Wählerbeeinflussung.

Der Pressesprecher von Krakaus Erzbischof Stanislaw Dzwisz warnt: "Wenn die Priester Agitation betreiben würden, müssen sie mit einer entschiedenen Reaktion der Vorgesetzten rechnen."Andere Geistliche befürchten, der Klerus würde sich durch eine Wahlempfehlung nur selbst schaden. "Die Kirche kann auf diese Weise unabsichtlich die Verantwortung für die Sünden und die Unfähigkeit der Regierenden übernehmen", meint etwa der für die Journalisten-Seelsorge zuständige Priester Andrzej Luter.Die Zeiten, in denen die Kirche vor Wahlen Partei für Kandidaten ergriff, sind in Polen also längst vorbei. Insbesondere für Staatspräsident Lech Walesa sprachen sich früher zahlreiche Geistliche aus. Doch geholfen hat das dem Friedensnobelpreisträger nicht. Er verlor 1995 klar gegen den Ex-Kommunisten Aleksander Kwasniewski.Anderen erging es ähnlich schlecht: Die Wahlempfehlung durch einen Pfarrer habe im vergangenen Jahr einem Bürgermeisterkandidaten in der Erzdiözese Krakau sogar eine herbe Wahlniederlage beschert, sagt Luter. Die Kirchenleitung mahnte den Pfarrer wegen der Wahlwerbung ab.Vor den Parlamentswahlen am kommenden Sonntag gab es bisher keine Klagen, dass von der Kanzel aus für Parteien geworben worden sei. In Zeitungsanzeigen unterstützen jedoch Priester Kandidaten. So wirbt der im westpolnischen Poznan (Posen) sehr bekannte Dominikaner Jan Gora für einen Politiker der konservativen Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS).Der Partei von Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski steht ohne Zweifel auch der Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz, Jozef Michalik, nahe. In einem Interview der Kirchenzeitung "Niedziela" verteidigte er massiv die Regierung gegen die Kritik der Opposition. Kardinal Dzwisz werden dagegen Sympathien für die rechtsliberale Oppositionspartei Bürgerplattform (PO) nachgesagt.Beide wahren allerdings in der Öffentlichkeit Distanz zu den Parteien.Keine Partei habe das Recht, im Namen der Kirche zu sprechen oder sich auf ihre Unterstützung zu berufen, hieß es in einem am vergangenen Sonntag in allen Kirchen verlesenen Hirtenbrief.Geistliche und katholische Medien sollten "sich im Wahlkampf nicht für eine konkrete Seite engagieren", so die Bischöfe.Der Aufruf scheint zu wirken. Der umstrittene Kirchensender "Radio Maryja" fährt nun auch keine Kampagne für Kaczynkis PiS wie noch vor den Wahlen 2005, als er maßgelblich zu deren knappen Wahlsieg beitrug. In den Schlagzeilen ist das mit einer Million Hörern fünftgrößte Hörfunkprogramm Polens nun dennoch. Es geht darum, ob Kaczynskis Herausforderer, der PO-Vorsitzende Donald Tusk, in dem Sender auftreten darf.Zur Bedingung machte "Radio Maryja"-Chef, Pater Tadeusz Rydzyk, dafür angeblich, dass sich der Oppositionsführer zunächst für einen Wahlkampfspot bei ihm entschuldigt. In dem Spot wirft Tusk der Regierungspartei PiS vor, sie kusche vor Rydzyk und halte ihn für "unantastbar". Obwohl der Senderchef den Staatspräsidenten Lech Kaczynski übel beschimpft hatte, hält dessen Bruder Jaroslaw Kaczynski treu zu ihm. "Ich sehe keinen Grund, Pater Rydzyk als verpestet zu betrachten", sagte der Ministerpräsident kürzlich.Tusk scheint laut einem Bericht der Tageszeitung "Dziennik"(Mittwoch) mittlerweile selbst das Interesse an einen Auftritt bei dem Kirchensender zu verlieren. Auf jeden Fall schadet das Radioprogramm nach Ansicht zahlreicher Geistlicher der katholischen Kirche. Pfarrer Luter: "Ich befürchte, dass sich die jetzige Stimmungsmache von Radio Maryja und seine Narrenfreiheit negativ auf die katholische Kirche auswirkt."

Oliver Hinz