06.08.2007

Polnischer Erzbischof zu EU, Nationalismus und Benedikt XVI. "Wir sind zu stark in die Vergangenheit verwickelt"

Seit drei Jahrzehnten gehört der Erzbischof von Opole (Oppeln), Alfons Nossol, zu den Protagonisten der deutsch-polnischen Aussöhnung. Im Interview zu seinem 75. Geburtstag am Mittwoch äußert er sich zu den jüngsten Querelen um den EU-Gipfel und die Rolle der Polen in Europa.

KNA: Herr Erzbischof, in Ihren 30 Jahren als Oppelner Oberhirte haben sie sich beständig für die deutsch-polnische Aussöhnung eingesetzt. Beunruhigen Sie die jüngsten Querelen im Umfeld des EU-Gipfels?Nossol: Man muss tatsächlich traurig sein, dass nach so vielen Jahren konkreter Bemühungen nun auf beiden Seiten diese fehlende Sensibilität zutage tritt. Wir befinden uns immer noch auf einer Art Minenfeld und müssen äußerst vorsichtig sein. Eines ist klipp und klar: So wie es ohne die deutsch-französische Aussöhnung kein befriedetes Europa gegeben hätte, so gibt es auch kein vereintes Europa als Gemeinschaft des Geistes ohne eine vollkommene deutsch-polnischen Aus- und Versöhnung. Wir wollen hoffen, dass die Störfaktoren, die in der vergangenen Zeit zum Tragen kamen, vorübergehend sind.KNA: Wie können sie denn überwunden werden?Nossol: Man muss alle Bedenken offen aussprechen - und nicht nur emotional an die Probleme herangehen. Es braucht mehr Rationalität und Vernunft. Denn es geht um Europa. Nie zuvor in der Geschichte waren wir alle in Europa ausschließlich von befreundeten Staaten umgeben. Diese Gelegenheit müssen wir gemeinsam nutzen.KNA: Unter den 27 Regierungen der EU-Staaten gehört die polnische wohl - vorsichtig formuliert - zu den euroskeptischen. Die öffentliche Meinung sieht das meist als Ausdruck einer Distanz des ganzen Landes zu Europa - dabei zeigen Umfragen einen hohen Zuspruch zur EU in der polnischen Bevölkerung. Wie erklären Sie diesen Widerspruch?Nossol: Die polnische Bevölkerung als solche ist der EU wohlgesinnt. Aber nationale Bedenken müssen auf internationaler Ebene kontrollierter zur Sprache kommen. Eine gewisse Internationalität im christlichen Sinn gerade auf dem Boden des vereinten Europa als Gemeinschaft des Geistes, als Kultur- und Wertegemeinschaft ist notwendig.KNA: Aber der Kurs der polnischen Regierung scheint eine andere Sprache zu sprechen?Nossol: Das ist eine Art politischer Verengung. Man denkt zu wenig an die Mahnungen von Papst Johannes Paul II. Er hat uns hier im Land oft gemahnt, wir sollten endlich lernen, andere Völker und Nationen so zu lieben wie die eigene Nation. Gleichzeitig hat er gelehrt, dass Patriotismus nicht eine Gestalt des Hasses ist, sondern eine Gestalt der Liebe. Im Rahmen der großen Idee, die in Europa verwirklicht werden muss, müssen wir auch die Patriotismus-Frage konkreter angehen. Der Patriotismus kann im vereinten Europa auch zukunftsfähig sein.KNA: Sehen Sie eine konkrete Bedrohung für das Projekt EU?Nossol: Eine Bedrohung wohl nicht - denn dann müsste sich die Regierung gegen die Nation stellen. Dass das nicht funktioniert, dessen sind sich die Hüter unserer Politik bewusst. Übrigens sind der Präsident und der Ministerpräsident positiv zu Europa eingestellt. Es sind wohl die anderen Parteien, die das Nationale so hervorheben.KNA: Würden Sie mir widersprechen, wenn ich die These aufstelle, dass sich die Wahrnehmung der polnischen Kirche in den vergangenen Jahren verändert hat? Früher blickte man auf das Land des Papstes, derzeit eher auf das Land der Lustration, also der Aufarbeitung der kommunistischen Ära.Nossol: Das stimmt. Wir sind im Moment zu stark in die Vergangenheit verwickelt. Leider meistern wir damit die Gegenwart nicht, und wir steuern auch nicht die Gestaltung der Zukunft. Das ist verhängnisvoll. Natürlich darf man nicht versuchen, das große Neue im Sumpf der Vergangenheit aufzubauen. Aber wenn wir deshalb dauernd nur in der Vergangenheit herumwühlen, entgehen uns Gegenwart und Zukunft!KNA: Was muss also passieren?Nossol: Unsere dem Westen wie dem Osten gemeinsame Kulturtradition, das Element der christlichen Werte, muss zur Sprache kommen und konkret werden. Was Johannes Paul II. aufgezeichnet hat, muss jetzt umgesetzt werden. Aber rein politisch wird es uns nicht gelingen.KNA: Was bedeutet das konkret für die polnische Kirche?Nossol: Mehr Offenheit, mehr Akzeptanz für das Anderssein. Es als eine Gelegenheit zu begreifen, durch die wir uns gegenseitig bereichern. Anders zu sein, bedeutet nicht fremd sein. Der andere ist nicht der Fremde. Insofern können wir vieles voneinander lernen.KNA: Wie hat sich der Tod des "Papstes aus Polen" für die polnische Kirche ausgewirkt?Nossol: Gott hat seine Wege. Dass nach dem Papst aus Polen ein Papst aus Deutschland gekommen ist, das ist auch ein Wink des Himmels. Benedikt XVI. will auf seine Art die großen Pläne der Zivilisation, der Kultur, der Liebe und des Lebens fortsetzen. Wir sollten die Chance ergreifen und die Gunst der Weile zu nutzen versuchen. Bei der Papstwahl hat auch der Heilige Geist etwas zu sagen. Ebenso wie damals beim Zweiten Vatikanischen Konzil, als der Austausch der Hirtenbriefe zwischen der Deutschen und Polnischen Bischofskonferenz zu Stande kam mit dem berühmten "Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung" - und das, obwohl die Bischöfe sich bewusst waren, was ihnen darauf in der Heimat droht.KNA: Zum 75. Geburtstag bieten Bischöfe ja nach dem Kirchenrecht ihren Rücktritt an. Denken Sie schon manchmal an den Ruhestand?Nossol: Ich habe nicht nur daran gedacht - ich war überzeugt, dass ich jetzt gehen darf. Aber inzwischen kam vom Vatikan der Entschluss, ich soll noch weitere zwei Jahre machen, bis Ende August 2009.KNA: Und das nehmen Sie natürlich an?Nossol: Weil es auch eine Bitte des Heiligen Vaters ist und wenn man auch die ganze Situation bei uns berücksichtigt, habe ich eigentlich keine Alternative. Ehrlich gesagt mache ich es nicht allzu freudvoll. Ich wollte noch wissenschaftlich arbeiten, denn ich habe noch etliche Bücher, die ich zu Ende bringen möchte. Aber das ist wieder die Melodie der weiteren Zukunft geworden.KNA: Und was wünschen Sie sich zum Geburtstag?Nossol: Dass ich es aushalte - und dass ich unserem Volk Gottes wirklich zutiefst dienen kann. Und dass ich dank der Gnade Gottes bis zum letzten Atemzug kreativ bleiben kann.Interview: Alexander Brüggemann (KNA)