25.07.2007

Agenturen vermitteln nach EU-Recht Polinnen als Pflegehilfen in deutsche Familien "Keine Chance gegen Konkurrenz aus Polen"

Etwa zwei Drittel der rund zwei Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland werden zu Hause betreut - Tendenz steigend. Viele wünschen sich eine Pflege rund um die Uhr. Aus der Pflegeversicherung stehen aber für schwere Fälle in der Regel nur maximal 1.432 Euro monatlich zur Verfügung, was für eine 24-Stunden-Versorgung durch deutsche Pflegedienste nicht reicht.
Viele Familien greifen daher auf polnische Kräfte zurück. Sie kommen über Vermittlungsagenturen nach Deutschland und kosten deutlich weniger.

Seinen Vater in ein Heim zu geben, war Ingo F. nie in den Sinn gekommen. „Er soll auf jeden Fall in seiner vertrauten Umgebung alt werden", sagt der 35-Jährige. Doch der 92-jährige Vater braucht mittlerweile Hilfe bei der Körperpflege, zum Teil auch beim Essen und Gehen. Die Familie allein kann das nicht mehr leisten. Ingo F. informierte sich über mögliche Hilfen. „Ein deutscher Pflegedienst kostet zwischen 8.000 und 10.000 Euro pro Monat", sagt er.Ingo F. suchte günstigere Möglichkeiten und fand im Internet die Münchner Vermittlungsagentur „24h rundumversorgt". Sie arbeitet eng mit polnischen Firmen zusammen, die Betreuerinnen nach Deutschland schicken. Dabei beruft sich die Agentur auf die EU-Dienstleistungsfreiheit, wonach die Firmen ihre Mitarbeiter ohne Einschränkungen durch arbeitsrechtliche Genehmigungen für maximal zwölf Monate ins EU-Ausland entsenden können.Ingo F. bekam über die Agentur innerhalb von zehn Tagen eine helfendeHand: Olga R., Polin, 45, Lehrerin mit Zusatzausbildung im Pflegebereich. 1.400 Euro zahlt ihr die Familie pro Monat. Die Agentur bekam 800 Euro Vermittlungsgebühr. „Es funktioniert wunderbar", sagt Ingo F. Die Polin sei eine liebevolle und patente Frau, die sich reibungslos eingefügt habe.Das Angebot von „24h rundumversorgt" ist offenbar für viele interessant. „Der Bedarf ist riesig", sagt Vermittlerin Beata Urbaniak. Die Agentur wurde Anfang dieses Jahres gegründet und hat bereits 25 Betreuerinnen vermittelt. Ihre Sozialabgaben und Steuern werden von einem Unternehmen in Polen entrichtet, weshalb Interessenten nur zwischen 1.300 und 1.600 Euro pro Monat bezahlen müssen. Dazu kommen Kost und Logis für die Helferinnen.Agenturen wie „24h rundumversorgt" gibt es inzwischen viele. Deutsche Anbieter können da nicht mithalten. Zwischen 5.000 und 8.000 Euro etwa kostet die 24-Stunden-Versorgung beim „Pflegeverbund Deutschland", einer Kooperationsgemeinschaft von privaten Pflegediensten, die sich auf häusliche 24-Stunden-Pflege spezialisiert haben. Der Unterschied: Hier arbeiten mehrere qualifizierte Pflegekräfte in einem Haushalt zusammen.Bernd Tews, Geschäftsführer beim Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste, lässt kein gutes Haar an den Agenturen, die osteuropäische Pflegehilfen vermitteln. „Dieses gesetzliche Konstrukt ist doch Augenwischerei." Schon allein, dass die Agenturen mit 24-Stunden-Versorgung werben, belege das. „Auch in Polen darf man nur48 Stunden pro Woche arbeiten", meint Tews. Seine Erfahrung zeige, dass in vielen Fällen eine richtige Beratung helfen könnte. „Oft ist eine 24-Stunden-Versorgung gar nicht nötig." Meist reiche ein Pflegemix aus ambulantem Dienst, Hausnotruf und anderen Elementen.Vor dramatischen Folgen für den deutschen Arbeitsmarkt wegen der zunehmenden Versorgung alter Menschen durch polnische Kräfte warnt der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe. „Reguläre ambulante Pflegedienste kämpfen ums Überleben", sagt Geschäftsführerin Marliese Biederbeck. Die Leistungssätze der Pflegeversicherung seien so niedrig, dass die Unternehmen die Tariflöhne der angestellten Pfleger kaum bezahlen könnten. Außerdem zahlten sie ihre Steuern und Sozialversicherungsbeiträge in Deutschland. „Der neuen Konkurrenz aus Osteuropa stehen sie fast chancenlos gegenüber", beklagt Biederbeck.Bei „24h rundumversorgt" sieht man sich nicht in Konkurrenz zu deutschen Pflegediensten. Vielmehr sei das Angebot als Ergänzung gedacht, denn die eigentliche Pflege der alten Menschen dürften die polnischen Kräfte nicht übernehmen. Nach Angaben der Pflegeverbände gibt es deutschlandweit allerdings zahlreiche Fälle, in denen dies doch passiert.