20.06.2007

Flüchtlingszahlen auf zehn Millionen gestiegen Wenn in der Heimat Gefahr für Leib und Leben droht

Die Zahl der Flüchtlinge weltweit ist laut dem UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR) zum ersten Mal seit 2002 gestiegen. Diese Entwicklung wird vor allem auf die Irakkrise zurückgeführt. Wie aus UNHCR-Jahrestatistik 2006 hervorgeht, ist die Zahl der Flüchtlinge, die unter das UNHCR-Mandat fallen, um 14 Prozent auf zehn 10 Millionen gestiegen - der höchsten Zahl seit 2002. Stefan Telöken vom UN- Flüchtlingshilfswerk gibt im domradio Ausklunft über die Gründe der Entwicklung.

Gleichzeitig stieg auch die Zahl der Menschen, die in flüchtlingsähnlichen Situationen leben und in der UNHCR-Statistik aufgeführt werden. Zumeist liegt der Grund hierfür in einem verbesserten Registrierungsverfahren und entsprechend veränderten Statistiken. "Die Zahl derer nimmt zu, die weltweit aufgrund von Verfolgung, Intoleranz und Gewalt entwurzelt werden. Deshalb sind wir gezwungen, uns den neuen Herausforderungen und Anforderungen einer sich verändernden Welt zu stellen. Gleichzeitig müssen wir unserem Mandat treu bleiben, die Rechte von Flüchtlingen und anderen schutzbedürftigen Menschen zu verteidigen, um die sich UNHCR kümmert", so UN-Flüchtlingskommissar António Guterres. Der UNHCR-Bericht begründet den Anstieg der Flüchtlingszahlen mit der Lage im Irak. Ende letzten Jahres ging man von rund 1,5 Millionen Flüchtlingen aus, die große Mehrzahl in Syrien und Jordanien. 2006 bildeten die Afghanen (2,1 Mio.) nach wie vor die größte Flüchtlingsbevölkerung, die unter das UNHCR-Mandat fallen, gefolgt von den Irakern (1,5 Mio.), Sudanesen (686.000), Somaliern (460.000) und Flüchtlingen aus der Demokratischen Republik Kongo und Burundi (jeweils rd. 400.000). Die UNHCR-Zahlen berücksichtigen nicht die 4,3 Mio. palästinensischen Flüchtlinge in Jordanien, Libanon, Syrien und Palästinensisch besetzten Gebieten. Diese fallen unter das Mandat einer anderen UN-Organisation, dem UN-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA). Abgesehen von Flüchtlingen kümmert sich UNHCR seit einigen Jahren auch verstärkt um sogenannte Binnenvertriebene - Menschen, die ihre Heimatregion zwar auch aus Furcht um ihre Sicherheit verlassen, aber keine international anerkannte Landesgrenze überschreiten. Dem Norwegischen Flüchtlingsrat zufolge betrug die Zahl der Binnenvertriebenen im Jahr 2006 weltweit 24,5 Millionen. Um die Hilfsleistungen und den Schutz von Binnenvertriebenen besser Rechnung tragen zu können, wurden im UN-System zwischen den verschiedenen UN-Organisationen neue Vereinbarungen mit Blick auf die operative Arbeit getroffen. In diesem Zusammenhang übernahm UNHCR eine führende Verantwortung für den Schutz und die Nothilfe für die betroffenen Binnenvertriebenen sowie Koordination und Management von Lagern in Ländern wie Uganda, der Demokratischen Republik Kongo, Liberia und Somalia. Zusätzlich wurden durch die Konflikte im Irak, Libanon, Sri Lanka, Osttimor und Sudan hunderttausende von Menschen zu Binnenvertriebenen. Ende 2006 erreichte die Zahl der Binnenvertriebenen, die von UNHCR im Rahmen des kooperativen UN-Engagements betreut wurden, eine Rekordzahl von 13 Mio. Dies ist mehr als die Hälfte der geschätzten Binnenvertriebenen weltweit und fast doppelt so viel wie im Vorjahr. Der massive Anstieg der unter das UNHCR-Mandat fallenden Personen im letzten Jahr - von 21 auf fast 33 Mio. - ist also hauptsächlich auf die Binnenvertriebenen zurückzuführen. „Wir sind Teil einer kollektiven Verantwortung von Seiten der Vereinten Nationen und der breiten Gemeinschaft der Humanitären Hilfe, die sich der Notlage Binnenvertriebener widmen," sagte Guterres. "Gleichzeitig sind Organisationen wie unsere angesichts von Situationen wie in Darfur bei ihrer Arbeit extrem eingeschränkt. Dies scheint untragbar, auch wenn unsere Verzweiflung nicht annähernd mit jener der furchtbare Not und Entbehrung leidenden Binnenvertriebenen vergleichbar ist." Staatenlose - Menschen ohne Staatsbürgerschaft und daher in Extremfällen offiziell nicht-existent - stellen eine weitere Gruppe, die in der neuen UNHCR-Statistik besser erfasst werden. Durch eine konsequente Datenerhebung verschiedener Länder konnte eine klarere Sicht auf das Ausmaß und die Komplexität dieses Themas gewonnen werden. 2006 hat sich die Zahl der identifizierten Staatenlosen auf mehr als 5,8 Mio. Menschen im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Diese Steigerung steht nicht im Zusammenhang mit neuen Fällen von Staatenlosigkeit, sondern spiegelt vielmehr die verbesserten Datenerhebungsmethoden wider. "Paradoxerweise bedeutet die höhere Zahl eher eine Verbesserung als eine Verschlechterung der Situation von Staatenlosen", so UN-Flüchtlingskommissar Guterres. "Die Anerkennung der Existenz von Staatenlosen, ist ein wichtiger erster Schritt, um Lösungen für ihre prekäre Lage zu finden. Und tatsächlich, nach Jahren des langsamen Fortschritts haben zunehmend Staaten begonnen - oder ziehen es ernsthaft in Erwägung - Maßnahmen für langfristige Lösungen zugunsten der oftmals vergessenen Staatenlosen zu einzuleiten."