30.04.2007

Experten befassen sich mit dem Musizieren im Alter Es ist nie zu spät für die Musik

Ein Instrument lernen, sich für Musik neu begeistern - nur möglich für Kinder und Jugendliche? Mitnichten. Auch die Generation 50plus pflegt alte Leidenschaften oder erlernt neue. Bald kommen in Wiesbaden und Mainz Musik-Experten zusammen. Zum ersten Mal beraten sie die Konsequenzen des Demographiewandels für die Musikkultur.

Ältere Menschen denken oft, dass sie zu alt sind für MusikVor einigen Jahren hatte Christian Höppner ein Schlüsselerlebnis. In die Sprechstunde des damaligen Musikschulleiters kam ein 86-jähriger Mann. Der wollte mit seinem Anliegen nicht so recht herausrücken. Verschämt gestand er Höppner schließlich, dass er trotz seines Alters noch einmal die Geigenkenntnisse aus seiner Jugend auffrischen wolle - seiner Enkel wegen. Mit ihnen wollte der alte Herr unbedingt gemeinsam musizieren. "Ältere Menschen denken oft, dass sie dafür zu alt sind", sagt Höppner, der heute Generalsekretär des Deutschen Musikrates ist. Damals sei in seinem Kopf die Idee entstanden, zu diesem Thema einen Kongress zu veranstalten. Das hat er nun geschafft: Vom 1. bis 3. Juni diskutieren Spezialisten in Wiesbaden und Mainz auf der Fachtagung: "Es ist nie zu spät - Musizieren 50+". Veranstalter des bislang in Deutschland einmaligen Kongresses ist der Deutsche Musikrat in Zusammenarbeit mit dem Landesmusikrat Rheinland-Pfalz, der Wiesbadener Musikakademie, dem Verband deutscher Musikschulen und der Deutschen Orchestervereinigung. Sie werden sich eines Themas annehmen, das angesichts der älter werdenden Gesellschaft immer drängender wird: Etwa 250 Teilnehmer erörtern drei Tage die Konsequenzen des Demographiewandels für die Musikkultur.Musizieren hält jung und gesund"Wir wollen das Bewusstsein für das kreative Potenzial der älteren Generation fördern und die Chancen daraus für den Dialog zwischen den Generationen nutzen", erläuterte Höppner. So könnten Referenten auf Grundlage seriöser Untersuchungen beweisen, dass das Musizieren die Menschen jung und gesund hält. Auch Pflegebedürftigen und Sterbenden helfe die Musik erwiesenermaßen, ihr Schicksal leichter zu akzeptieren. Sie erreiche auch Menschen, die nicht mehr sprechen können.Klaus Eichenlaub kennt die Vorzüge der Musik nur zu genau. "Sie tut einfach gut, wenn man Schmerzen hat oder es einem schlecht geht", weiß der Geschäftsführer des Landesmusikrates Rheinland-Pfalz. Mediziner hätten herausgefunden, dass musikbegeisterte Menschen gar nicht oder viel seltener als andere an Demenz erkranken. Während der Fachtagung befasse sich beispielsweise Eckart Altenmüller in seinem Vortrag "Taugt Musizieren als Brainjogging?" mit den neurobiologischen Aspekten des musikalischen Lernens im Alter.Ziel: Rahmenbedingungen für die PolitikAm Ende wollen die Teilnehmer Rahmenbedingungen für die Politik formulieren, die älteren Menschen den Zugang zum Musizieren - sei es das Singen oder auch das Erlernen eines Instruments - erleichtern sollen. Besonderer Wert werde auf das generationenübergreifende Musizieren gelegt, betonte Höppner. Deshalb werde der Kongress von Orchesterkursen in der Musik- und Kunstschule sowie in der Musikakademie in Wiesbaden begleitet. Dafür hätten sich bereits 40 ältere Menschen angemeldet, die früher ein Instrument spielen konnten und die Kenntnisse bei der Gelegenheit wieder auffrischen wollen. Die Laienmusiker werden mit jungen Musikern beider Schulen musizieren und das Resultat ihrer gemeinsamen Proben am 2. Juni bei einem Konzert im Kurhaus Wiesbaden präsentieren.Die hessische Landeshauptstadt gilt von jeher als beliebter Standort für Ruheständler, weiß Christoph Nielbock, der Direktor der Musikakademie Wiesbaden. "Hier wird Musik konsumiert wie in anderen Städten Fußball", sagt der Akademiechef, der sich mit den Angeboten seines Hauses auf die zunehmende Zahl betagter Menschen mit einer großen Leidenschaft für die Musik einstellt.Auch der ältere Herr, der vor Jahren in Höppners Sprechstunde gekommen ist, hat schließlich seine Scheu überwunden und einen Geigenkurs belegt. Ein halbes Jahr später konnte der Senior ihm völlig begeistert von dem ersten gemeinsamen Opa-Enkel-Konzert berichten.