13.04.2007

Bischöfin Käßmann über die Ökumene und den Jubilar Benedikt XVI. "Ich mache mir nicht die Illusion einer Einheitskirche"

Die Wahl eines Papstes aus dem Land der Reformation hat auch den ökumenischen Dialog vor neue Herausforderungen gestellt. Am 16. April feiert Benedikt XVI. seinen 80. Geburtstag. Mit einer Mischung aus Ernüchterung und vorsichtiger Hoffnung blickt die evangelische Hannoveraner Bischöfin Margot Käßmann auf den Stand der Ökumene. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) äußerte sie sich in Hannover über aktuelle Diskussionen, mögliche Kompromisslinien zwischen den Konfessionen sowie über ihre Wünsche für das katholische Kirchenoberhaupt.

KNA: Frau Bischöfin, seit zwei Jahren ist Benedikt XVI. Papst.Wie hat sich die Ökumene in dieser Zeit entwickelt?Käßmann: Das Verhältnis zwischen evangelischer und katholischer Kirche ist doch etwas angespannter geworden. Es gibt die Aussage von Kardinal Kasper in Gnesen, wir würden als Evangelische eine Einheit praktizieren, die theologisch nicht abgesichert sei. Das war ein deutliches Abgrenzungssignal. Und in seiner Regensburger Rede, die ja vor allem bei Muslimen Kritik ausgelöst hat, sagte der Papst über die Protestanten, sie hätten mit der Aufgabe der Symbiose von Hellenismus und Christentum einen Irrweg beschritten. Da müssen Lutheraner natürlich sagen: Zurück zur Bibel, zur Schrift, das ist für uns von ganz zentraler Bedeutung. Die Protestanten haben ja insbesondere in der Aufklärung den kritischen Dialog mit der Philosophie geführt.KNA: Sie haben kritisiert, dass das ökumenische Gespräch auf Leitungsebene zu wenig Fortschritte bringt. Was muss sich ändern?Käßmann: Ich wünsche mir ein paar Signale, die unseren Gemeinden zeigen, dass sich etwas tut. Zum Beispiel, dass der Zehn-Uhr-Gottesdienst am Sonntag ökumenisch offiziell möglich ist oder konfessionsverbindende Ehepaare zusammen zum Abendmahl kommen können. Das würde manches an der Basis erleichtern.KNA: Zurzeit ist viel von einer "Ökumene der Profile" die Rede.Katholiken empfinden das eher als Moment der Abgrenzung. Wo sehen Sie das gemeinsame Profil der Kirchen?Käßmann: Für mich ist der schönste Zielbegriff immer noch die "versöhnte Verschiedenheit". Denn darin liegt auch eine Dynamik von Versöhnung, die nicht leugnet, dass wir verschieden bleiben werden. Ich mache mir nicht die Illusion einer Einheitskirche - ich will sie auch gar nicht. Die Verschiedenheit fasziniert ja auch. Ich kann verstehen, dass manche die Profile abgrenzend empfinden. Wahrscheinlich ist es ganz wichtig, dass Vertrauen zwischen den handelnden Personen neu wächst.KNA: Muss die Ökumene in jeder Generation neu beginnen?Käßmann: Viele junge Leute sagen, eigentlich interessiert mich Ökumene überhaupt nicht. Wenn sie dann aber anfangen, intensiver nachzudenken, kommen sie an dieselben Punkte wie wir auch: Wie verstehe ich Abendmahl, ist das Brot und Wein, gibt es eine Wandlung? Letzten Endes müssen sie dann selbst wieder anfangen zu diskutieren.KNA: Wie lässt sich die Vorstellung von katholischer Eucharistie und evangelischem Abendmahl zusammenbringen?Käßmann: Wenn ich katholische Theologen wie Wolfgang Thönissen vom Paderborner Möhler-Institut nehme, würde ich sagen: Da kommen wir durchaus zusammen. Ein Lutheraner sieht Brot und Wein nicht nur als Zeichen. Das Geheimnis ist, dass Jesus Christus in leiblicher Form gegenwärtig ist. Da ist die Theologie zum Teil weiter als die Kirche. Wir sollten Formen der Praxis finden, selbst wenn wir nicht zu 100 Prozent übereinstimmen. Ich möchte die Vision einer "communio sanctorum" stärken, einer Gemeinschaft der Heiligen, die Anteil an Christus hat. Dafür würde ich in Kauf nehmen, dass das Verständnis nicht vollkommen übereinstimmt.KNA: Wo könnte ein Kompromiss in der Auffassung von Amt und Gemeinde liegen?Käßmann: Die Protestanten werden akzeptieren müssen, dass es im katholischen Bereich ein Weiheverständnis gibt. Und der Katholizismus wird uns letzten Endes als Kirche anerkennen müssen. Damit wäre dann auch unser Amt mit einer anders verstandenen apostolischen Sukzession anerkannt. Die Leuenberger Konkordie sagt, die Verschiedenheit bleibt, und trotzdem können wir die Kanzel tauschen und miteinander Abendmahl feiern, weil wir in die eine geglaubte Kirche Jesu Christi hinein taufen. Ich bin davon überzeugt, dass wir von der Taufe her über die großen Klippen gehen können. Das Zweite Vatikanische Konzil hat die konkrete Zuordnung von Kirche oder kirchlicher Gemeinschaft offen gelassen. In der vatikanischen Erklärung "Dominus Iesus" aus dem Jahr 2000 wird klar gesagt, wer die Kirchen sind und wer die kirchlichen Gemeinschaften. Das war für Protestanten natürlich eine Verletzung. Luther hat ganz klar gesagt: Wir sind Erben der alten Kirche, keine neue Kirche des 16. Jahrhunderts.KNA: Das Papstamt empfinden viele Nicht-Katholiken als erratischen Block, der der Ökumene im Weg liegt.Käßmann: Ich würde das Papstamt nicht als der Ökumene im Weg liegend ansehen, wenn der Papst als Oberhaupt einer Kirche verstanden wird. Ich kann ihn nicht als Oberhaupt aller Christen in der Welt sehen, dazu sind die Grundverständnisse zu verschieden. Meine Einheitsvorstellung ist die der Confessio Augustana von 1530. Dort wird gesagt, zur Einheit genügt es, dass das Evangelium rein gepredigt wird und die Sakramente evangeliumsgemäß verwaltet werden.KNA: Könnte ein gemäßigtes Konkurrenzdenken zwischen den Konfessionen auch förderlich sein für die Ökumene?Käßmann: Konkurrenzdenken finde ich im Moment so förderlich nicht. Das muss ich ganz offen sagen. Zum einen gibt es die Herausforderung der säkularen Welt, die zum Teil derartig fern von unseren Glaubensvorstellungen ist, dass ich schockiert bin. Da ist mir jeder Katholik näher als jemand, der überhaupt nicht mehr weiß, was das Neue Testament ist oder die Zehn Gebote bedeuten. Zum anderen drängt uns gerade die Herausforderung des Islam, das Gemeinsame stärker zu formulieren. Ich empfinde Verschiedenheit durchaus als Bereicherung, aber ich kann im Moment denen nicht folgen, die sagen: Konkurrenz belebt das Geschäft.KNA: Es ist zwei Jahre her, dass der Spruch "Wir sind Papst"geboren wurde. Wie denken Sie heute darüber?Käßmann: Ich finde ihn weiterhin gut lutherisch. Denn das ist genau unser Amtsverständnis. Jeder Mann, jede Frau muss für Glauben und Evangelium einstehen. Luther hat gesagt: die besenschwingende Magd und der Fürst, heute würde man sagen: die Erzieherin in der Kita und der Unternehmer. Insofern ist jeder Papst. Oder Päpstin.KNA: Was wünschen Sie dem Papst zum Geburtstag?Käßmann: Ich wünsche ihm auf jeden Fall Gottes Segen. Vielleicht auch ein wenig mehr Ruhe. Etwas weniger von diesem Druck, ständig in der Öffentlichkeit betrachtet zu werden. Ich stelle mir den Druck, in diesem Ausmaß öffentliche Person zu sein, gerade für einen 80-Jährigen enorm vor. Und schließlich Mut zur Ökumene, wie er ihn beim Ringen um die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre bewiesen hat. Also: Gottes Segen, viel Mut und genügend Ruhe.