13.02.2007

Tagesmütter werden gegen Kindertagesstätten ausgespielt Handlungsbedarf bei der Kinderbetreuung

Ihr Beruf ist Marianne B. lieb - und teuer: 700 Euro monatlich zahlt die Bonnerin, um die Stunden zwischen dem Schulschluss ihres siebenjährigen Sohnes und dem Ende der eigenen Teilzeitarbeit zu überbrücken. Im Ganztagsangebot der Grundschule war kein Platz frei, der Versuch einer Elterninitiative scheiterte. "Ich brauchte ganz schnell eine Lösung", sagt die 42-Jährige, die einen Gutteil ihres Einkommens an die Tagesmutter weiterleitet.

Dass bei der Kinderbetreuung Handlungsbedarf besteht, ist eindeutig:Eine im November vergangenen Jahres vorgestellte Studie des Deutschen Jugendinstituts konstatiert Defizite bei der Mittagsbetreuung und den Tagesrandzeiten. Vor allem die Betreuung von zwei- bis vierjährigen Kindern sei nicht ausreichend. Betreuungszeiten müssten flexibler und an Arbeitszeiten angepasst werden, empfehlen die Experten.Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) will die Betreuungsangebote für Kinder unter drei Jahren massiv ausbauen. Bis spätestens 2013 sollen nach den Plänen der Ministerin zusätzlich eine halbe Million Betreuungsplätze in Krippen und bei Tagesmüttern geschaffen werden. Doch die Finanzierung der ehrgeizigen Pläne ist bisher offen.Erste Schritte für den Ausbau der Betreuung hatte die Bundesregierung2005 mit dem Tagesbetreuungs-Ausbaugesetz und dem Kinderjugendhilfe-Weiterentwicklungsgesetz eingeleitet. Die vom Bund zugesagten zehn Millionen Euro für die bundesweite Qualifizierung von Tagesmüttern sind nach Ansicht von Experten allerdings nicht mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein.Gleichzeitig könnte es den Kindertagesstätten an den Kragen gehen:Denn die Kommunen entscheiden, ob sie die vorhandenen Gelder für die Kinderbetreuung in Tagesstätten oder für den Ausbau der Tagesbetreuung verwenden. Der Ausbau der Tagesbetreuung ist für die Kommunen in der Regel preiswerter. Eine Konkurrenzsituation zwischen Erzieherinnen und Tagesmüttern ist da programmiert.Bei den Kindertageseinrichtungen würden zunehmend Stellen abgebaut oder seien nur noch in Teilzeit möglich, kritisiert Kathrin Mengesdorf-Götz vom Bundesverband Evangelischer Erzieherinnen und Sozialpädagoginnen. Die Kommunen setzten verstärkt auf die Tagesmütter oder - beispielsweise bei der Hausaufgabenbetreuung - auf Ehrenamtliche."Für unsere Klientel ist das gleichbedeutend mit einer schleichenden Verarmung", sagte Mengesdorf-Götz. Auch die Frage der Qualität müsse diskutiert werden: "Man kann doch nicht einen Hochschulabschluss bei Erzieherinnen fordern und sich in der Tagespflege zugleich mit einer Ausbildung von 160 Stunden oder weniger zufrieden geben."Für Jutta Hinke-Ruhnau, Fachreferentin beim Tagesmütter Bundesverband, ist Kinderbetreuung in Einrichtungen oder durch Tagesmütter nicht vergleichbar. In der Tagesbetreuung lebten die Kinder in familienähnlichen Verhältnissen, sie erlebten Familienalltag, hebt sie hervor. Der Verband mit Sitz in Krefeld engagiert sich für die Professionalisierung der Tagesbetreuung.Bundesweit sind nach Verbandsangaben mittlerweile rund 4.000 Tagespflegepersonen zertifiziert worden, die das 160-Stunden-Curriculum des Deutschen Jugendinstitutes erfolgreich absolviert haben.Hinke-Ruhnau ist überzeugt, dass es einen Angebotsmix geben muss:"Die Bedürfnisse der Eltern sind sehr unterschiedlich, da muss es Flexibilität geben, beispielsweise in Randzeiten." Ähnlich sieht dies der Verband berufstätiger Mütter: "Es gibt für beide Formen - Kitas und Tagespflege - einen Markt", meint Sprecherin Eike Ostendorf-Servissoglou. Vor allem bei kleinen Kindern zögen viele Eltern die Tagesbetreuung vor, weil sie familienähnlichen Charakter habe. Andererseits brauchten Eltern Betreuungsgarantie - und die sei in einer Einrichtung besser gegeben als bei einer einzelnen Person, die auch einmal krank werden könne.Qualität ist auch Marianne B. wichtig. Doch noch wichtiger ist ihr, überhaupt eine Betreuung für ihr Kind zu haben: "Sonst kann ich meinen Job an den Nagel hängen. Das ist die Realität."