12.05.2006

Nachrichtenarchiv 12.05.2006 11:36 Predigt von Kardinal Meisner zur Bischofsweihe von Heiner Koch

Predigt zur Bischofsweihe von Prälat Dr.

Predigt zur Bischofsweihe von Prälat Dr. Heiner Koch im Hohen Dom zu Köln am 7. Mai 2006 (es gilt das gesprochene Wort) Liebe Schwestern, liebe Brüder!Lassen Sie mich beginnen mit einer Episode meiner eigenen Bischofsweihe vor genau 31 Jahren. Bischof Hugo Aufderbeck von Erfurt, der mir die Hände zur Bischofsweihe aufgelegt und dem der Heilige Vater mich als seinen Weihbischof zur Seite gestellt hat, sagte mir am Abend des Tages meiner Bischofsweihe: „Jetzt bist du mit mir unter das gleiche Joch gespannt". Dies sage ich dir, lieber Heiner, heute Nachmittag schon wenige Minuten vor deiner Bischofsweihe: „Du wirst hier und jetzt mit mir und den beiden anderen Weihbischöfen unter das gleiche Joch gespannt". Dieses Joch des Herrn hat die Form des Kreuzes.Bei aller Freude und Festlichkeit am Tag einer Bischofsweihe dürfen wir nicht vergessen, dass der Bischof hineingeweiht wird in die Dimensionen des Kreuzes Christi, das zum Siegeszeichen über Sünde, Tod und Teufel geworden ist. Der Bischof wird durch die Weihe in die vertikale Dimension der Kirche hineinversetzt, indem er in die Apostolische Sukzession hineingenommen wird. Er wird zum Glied einer Kette, die lückenlos von der Gegenwart über zwei Jahrtausende vertikal zum Ursprung, also zum Apostelkollegium und damit zu Christus zurückführt. 1. Die Aufgabe des Bischofs ist es, den Ursprung der Kirche zu vergegenwärtigen, damit alles ursprünglich, frisch, dynamisch und kreativ bleibt. Darum sagt Bischof Cyprian von Karthago im Jahre 250: „Wo der Bischof ist, dort ist die Kirche". Ohne Bischöfe wäre die Kirche nicht apostolisch. Der Bischof vergegenwärtigt den apostolischen Anfang der Kirche. Er wird selbst geweiht von einem anderen Bischof, der ebenfalls seine Bischofsweihe von einem anderen empfangen hat, und so geht es weiter zurück und nach vorn. In dieser Weise geht der bischöfliche Stammbaum bis auf die Apostel zurück. Darum ist das Bischofsamt ein apostolisches Amt. Das ist nicht die kühne Behauptung eines Bischofs aus dem 21. Jahrhundert, sondern das ist urapostolische Überzeugung.Schon Clemens von Rom schreibt um das Jahr 90 nach Christus der Gemeinde nach Korinth: „Christus wurde von Gott gesandt und die Apostel von Christus. Die Apostel hatten die Erstlinge ihres Apostolates als Bischöfe und Diakone eingesetzt" (42,1-4). Im Bischofsamt geht also die Sendung Christi weiter. Der Bischof ist in der Nachfolge der Apostel Beauftragter Christi und führt dessen Sendung sichtbar unter den Menschen weiter. Der Märtyrerbischof Ignatius von Antiochien, der noch ein Schüler des Evangelisten Johannes war, sieht das Verhältnis von Gottvater zu den Aposteln als Beziehungsmodell des Bischofs zu seinen Priestern, und dieses Verhältnis dauert im Bischof und seinem Priesterkollegium fort. Darum findet Ignatius auch so starke Worte, die uns heute nur schwer über die Lippen kommen, wenn er sagt: „Hört auf den Bischof, damit auch Gott auf euch höre!" (Polycarp 6,1). Oder „Wer hinter dem Rücken des Bischofs etwas tut, der dient dem Teufel" (Smyrna 9,1). 2. Der Bischof garantiert also die Einheit von kirchlichem Ursprung und kirchlicher Gegenwart, indem er für die Unversehrtheit der Lehre, für die Einheit des Glaubensbekenntnisses und für die authentische Feier der Eucharistie Sorge trägt. Die Kirche kann nicht aus eigenen Beschlüssen erneuert und revitalisiert werden, sondern immer nur von ihrem Ursprung her, d.h. vom Herrn selbst. Der Bischof hat für die Kontinuität von Mündung und Quelle zu sorgen. Hier ist keine Unterbrechung denkbar. Darum ist in der Kirche wohl Reformation angesagt, aber nie Revolution, auch wenn sie sich als Reformbewegung noch so gut tarnen sollte.Viele Menschen übernehmen heute aus verschiedenen Gründen nur jene Wahrheiten des Glaubens und der kirchlichen Lebenslehre, die ihnen passen, während sie andere ablehnen. Eine solche Selektion ist unannehmbar. Der Glaube verträgt keine Teilung, so wie Gott selbst unteilbar ist. Ein geteilter Glaube frustriert. Nur ein ganzer Glaube befreit und inspiriert. In einer solchen Verkündigung wird der Bischof - wie die Schrift sagt - „zum Helfer der Freude an der frohen Botschaft unseres Herrn" (vgl. 2 Kor 1,23). Der Bischof hat Verwalter eines Hauses zu sein, das ihm nicht gehört. Er ist nicht Herr, sondern Treuhänder Gottes. Er darf nicht über Dinge verfügen, die allein der Verfügbarkeit Christi vorbehalten sind. Er ist Tradent des Wortes, aber nicht Produzent. Denn das Evangelium ist nicht Menschenwerk. Der Bischof hat zusammen mit seinen Weihbischöfen, Priestern und Diakonen den Glaubensgehorsam gegenüber dem Worte Gottes vorzuleben. Und wir haben darin dem Volke Gottes nicht nur das Zeugnis einer erhofften, sondern einer wirklich gelebten Einheit zu geben. Helft mir und meinen Weihbischöfen, weiterhin Diener der Einheit unseres Erzbistums Köln zu sein!3. Der Bischof wird aber auch in die horizontale Dimension des Kreuzes Christi hineingeweiht. Von der Kathedra, dem Bischofsstuhl der Domkirche, verkündet der Bischof die Frohe Botschaft im Namen Christi in Gemeinschaft mit allen katholischen Bischöfen der Welt unter der Führung des Heiligen Vaters. Alle Priester des Bistums aber verkünden den Glauben im Auftrag des Bischofs und als seine Mitarbeiter. Der Ambo oder die Kanzel in jeder Kirche der Erzdiözese Köln ist - wenn wir so wollen - ein Ableger der Kanzel des Kölner Domes. Der erste Prediger in jeder Gemeinde ist der Bischof, und die Priester versprechen bei der Priesterweihe dem Bischof in die Hand, in der Verkündigung des Evangelium und in der Darlegung des katholischen Glaubens den Dienst am Wort Gottes treu und gewissenhaft zu erfüllen. Der Bischof nimmt diese Aufgabe auch direkt wahr, indem er ein- oder zweimal im Jahr seinen Priestern und Diakonen seinen Hirtenbrief, sein bischöfliches Wort, an die Gemeinden übergibt, damit er vollständig den Gemeinden zur Kenntnis gebracht wird. Und in der Kathedrale steht der Altar des Bischofs. Jede heilige Messe im Erzbistum wird gefeiert in Gemeinschaft mit ihm. Darum wird auch der Name des Bischofs ausdrücklich genannt. Und deshalb sind alle die vielen Altäre des Erzbistums der eine Tisch Christi, an dem wir mit dem geopferten Herrn und untereinander vereinigt werden. Den Priestern gilt darum am Altar das Wort: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!" (Lk 22,19) und nicht: „Macht, was ihr wollt!". Wie der Bischof nur recht verstanden werden kann in seiner Stellung zum Nachfolger Petri und zum apostolischen Kollegium des Gesamtepiskopates, so der Priester nur als Mitglied des Presbyteriums, das den Bischof umgibt. Er ist nicht denkbar als Solist, der individualistisch vor sich hin predigt. Der Priester bleibt nur geistlich gesund in lebendigem Kontakt mit dem Bischof im Kreis seiner priesterlichen Mitbrüder. Deshalb lautet die erste Frage des Bischofs an die Diakone unmittelbar vor der Priesterweihe: „Seid ihr bereit, das Priesteramt als zuverlässige Mitarbeiter des Bischofs auszuüben und so unter der Führung des Heiligen Geistes die Gemeinde des Herrn umsichtig zu leiten?" Papst, Bischof und Priester stehen in ihrer unaufgebbaren geistlichen Zuordnung in einer gemeinsamen dienenden Beziehung zum Heilsauftrag Christi und damit zum Volke Gottes.Das Erzbistum ist mehr als ein kirchlicher Verwaltungsbezirk, mehr als eine Art Dachorganisation der Pfarrgemeinden. Durch die Einteilung in Bistümer, die durch die Nachfolger der Apostel geleitet werden, zeigt sich die Kirche als apostolisch. Sie ist auf dem Fundament der Apostel erbaut. Darüber hinaus ist der Bischof schließlich auch Garant der Einheit der Teilkirche mit der Universalkirche. Wenn Kirche „Communio" ist, dann hat sie auch mit den anderen Ortsbischöfen in Kommunion zu stehen, besonders mit dem Papst in ihrer Mitte. Das tägliche Memento bei der Eucharistiefeier, bei der immer der Papst und der Ortsbischof namentlich genannt werden, ist in erster Linie nicht ein Fürbittgebet, sondern die Legitimation des Priesters als authentischer Zelebrant vor dem Volke Gottes. Denn der Priester feiert nur dann wirklich authentisch die Eucharistie, wenn er in lebendiger Einheit mit dem Papst und dem Ortsbischof steht. Diese Einheit soll sich auch zeigen in unserer Mit- und Fürsorge um die anderen Ortskirchen, von deren geistlichen Gütern wir nehmen, und denen wir von unseren Gütern geben dürfen. Katholisch sein heißt: „In Querverbindung stehen". Eine Diözese, deren Blick an den Türmen der Kathedrale endet, verliert ihre Katholizität. Sie sieht sich nur noch selbst und kreist dann nur noch um sich selbst. Sie versinkt schließlich in einem kleinkarierten Provinzialismus und verliert ihre vom Herrn hinterlassene Universalität. Der Kirche ist es doch aufgegeben, engen Nationalismus und anachronistischen Provinzialismus in eine gottgewirkte und völkerverbindende Familiarität zu verwandeln. Müsste die Kirche im europäischen Einigungsprozess aus ihrer universalen Sendung und aus ihrer gesamteuropäischen Vergangenheit heraus nicht der Politik weit voraus sein? Wir dürfen unserem neuen bischöflichen Mitbruder angesichts dieser Aufgabe an seinem Weihetag sagen: „Hab Mut! Wen Gott belastet, den trägt er auch". Du hast die Aufgabe, in einem großen Bistum, das dir seit langem vertraut ist, neben dem Erzbischof und mit zwei anderen Mitbrüdern als Weihbischöfen das Wort Gottes zu verkünden, die heiligen Geheimnisse zu feiern und die Caritas Christi zu üben. Seien wir darin untereinander und miteinander „ein Herz und eine Seele". „Allen alles zu werden" (1 Kor 9,22), ist das apostolische Ideal, das Paulus für sich und alle Nachfolger im apostolischen Dienst gültig definiert hat. Nur wem Gott ein und alles ist, dem hilft die universale Gnade Gottes, auch allen anderen alles zu werden. Bischofsweihe bedeutet auch und wesentlich, Abschied zu nehmen. Ein Bischof wird sich von vielen liebgewordenen Kreisen und Bereichen verabschieden müssen, um neu in den Dimensionen bischöflicher Horizontalität ganz unter den Priestern, Diakonen und pastoralen Mitarbeitern zu Hause zu sein, und um somit dem Erzbischof zu helfen, dass unser Presbyterium vital und gesund bleibt oder wieder wird und um damit den Gemeinden zu helfen, die Freude an Gott und der Kirche nicht zu verlieren. In der Bischofsweihe gibt sich ein Einzelner an den Einen, damit er allen anderen alles werden kann, sodass er Augustinus berühmtes Wort nachsprechen kann: „Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ". Liebe Schwestern, liebe Brüder, helft unserm neuen Weihbischof Heiner Koch, dass er mit seinen beiden weihbischöflichen Kollegen und mit dem Erzbischof mit euch zusammen Christ und für euch Bischof ist! Amen.+ Joachim Kardinal MeisnerErzbischof von Köln