04.10.2002

Nachrichtenarchiv 04.10.2002 13:40 Nach Meisner-Predigt: Breite Empörung

Zwischen Kardinal Joachim Meisner und großen Teilen des Laienkatholizismus ist es zu einem tiefen Zerwürfnis gekommen. Auslöser hierfür war eine Predigt des Erzbischofs von Köln, die er während der Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe in Fulda gehalten hatte. Darin beklagte Meisner, die Kirche in Deutschland drohe vor lauter Strukturen, Statuten, Sekretariaten und Kommissionen zu einer reinen Organisation zu erstarren. In Gremien redeten Personen mit, bei denen es vielfach an Glaubenswissen mangele. Anstelle eines vitalen Glaubens habe ein „selbst gezimmerter, ideologischer Glaube " Einzug gehalten, der nur noch dem Namen nach katholisch sei. Die Apparate seien oft so mächtig geworden, dass sich selbst die Bischöfe häufig hilflos und machtlos vorkämen und gute Miene zum bösen Spiel machten. In seine Kritik schloss Meisner auch Erzieherinnen, Katechetinnen und Religionspädagogen ein.In einer ersten vorab verbreiteten Fassung der Predigt, die später wieder zurückgezogen wurde, die allerdings in der jüngsten Ausgabe der Kölner Kirchenzeitung dokumentiert ist, zitiert der Kardinal aus einem Leserbrief, der im Kontext der Debatte um das „C" in den Unionsparteien verfasst wurde. „Was vertritt denn Frau Reiche anderes, als unsere sich christlich nennenden Verbände BDKJ, kfd, ZdK, KAB und andere propagieren? Die sich ihre antikatholische und antirömische Verkündigung - im Gegensatz zu Frau Reiche - sogar aus dem Kirchensteuertopf honorieren lassen. Keine öffentliche Zurechtweisung eines Bischofs, kein Verlangen, das 'K' aus ihrem Verbandsnamen zu streichen...", so der Leserbrief. Dem Zitat folgt die Bemerkung Meisners: „Man wird dieser Kritik aus dem Volke kaum widersprechen können."Empört reagierte der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Hans Joachim Meyer, auf diese Angriffe, Meisner habe offenbar keine Ahnung davon, mit welchem Engagement und Glaubenszeugnis katholische Laien sich in Kirche und Politik einsetzten, erklärte er in Bonn. Wohl in Kenntnis des ursprünglichen Predigttextes bemerkte der ZdK-Präsident, dass der von Meisner sich zu eigen gemachte       Leserbrief „törichte und verleumderische Behauptungen" sowie ungerechte Angriffe gegen in Kirche und Politik engagierte Christen enthalte. Ihnen werde ein zu geringes Glaubens wissen und die Unfähigkeit zu richtigen Gewissensentscheidungen unterstellt. Meyer wörtlich: "Jeder, der diese Frauen und Männer kennt, weiß, dass sie es mit dem Erzbischof von Köln in ihrem Glaubenswissen, in ihrer Glaubenstreue und in ihrem Glaubenszeugnis getrost aufnehmen können." Dass der Kardinal dies nicht wisse, sei wesentlich auch seine Schuld, weil er den Dialog seit langem verweigere. Die katholische Kirche könne auf die tägliche Arbeit, Verantwortungsbereitschaft und das ständige Zeugnis einer großen Zahl von Katholiken in Verbänden und Institutionen nicht verzichten. Die Kirche wäre ohne sie eine „bedeutungslose Sekte, die in Wahrheit nur sich selbst genügen würde", so der ZdK-Präsident.Auf diese Äußerungen hin erneuerte Meisner im Köln« „domradio" seine Kritik am Zustand der deutschen Kirche und forderte eine Verschlankung der Strukturen. Mit seiner Analyse habe er im Übrigen nicht not Laien, sondern auch Priester und Bischöfe gemeint. Immer mehr Organisationen und Gremien erstickten die Kirche, wiederholte der Kardinal seine Kritik. Die Kirche werde ihre Vitalität nur dann wiederfinden, wenn sie sich entschlacke. Zur Reaktion des ZdK machte der Kardinal deutlich, er habe in seiner Predigt in Fulda keineswegs die Auflösung bestimmter Verbände gefordert, sondern ihre Bekehrung. Zudem verweigere er nicht den Dialog. Zugleich widersprach Meisner der Einschätzung Meyers, dass unter den engagierten Katholiken ausreichend Glaubenswissen vorhanden sei. „Von einer solchen Setbstgerechtigkeit halle ich gar nichts", sagte der Kardinal wörtlich.Heftige Kritik übte auch der Deutsche Katecheten-Verein an den Vorhaltungen Meisners. Selbst wenn seine Vorwürfe durch Einzelfälle zu belegen wären, sei es unverantwortlich, pauschal Erzieherinnen, Katechetinnen und viele ehrenamtlich tätige Laien öffentlich zu diskriminieren, betonte der Vorsitzende des rund 10.000 Mitglieder zählenden Vereins, Karl Heinz Schmitt, in einem in München veröffentlichten Schreiben an den Kardinal. Verbesserungen in den Strukturen und in der Qualifizierung von Mitarbeitern seien nur in einem sachlichen und vertrauensvollen Dialog zu erreichen, nicht aber durch eine machtvolle öffentliche Rede, bekräftigte Schmitt. Laien verdienten Respekt und „ermutigende Weggenossenschaft", keineswegs ober verbal-radikale Verdächtigungen.Der Vorsitzende des Bundes, der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ). Knuth Erbe, warf Meißner im „Kölner Stadtanzeiger" geistlichen Hochmut vor. Er vermisse eine Gegenerklärung" der anderen Bischöfe für die vielen engagierten Gläubigen in den kirchlichen Gemeinden, fügte Erbe hinzu. Mit dem Vorwurf an die Adresse des Kardinals, in seiner Kritik an die Laien „jede Bodenhaftung" verloren zu haben, reagierte der kirchenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Hermann Kues, auf die Predigt. Der Kardinal trete auf „wie ein vorgezogenes Jüngstes Gericht", fügte Kues hinzu. „Schockiert" zeigte sich auch die kirchenpolitische Sprecherin der Bündnisgrünen, Christa Nickeln. Der Erzbischof von Köln rufe zur Flucht aus der Wirklichkeit auf. Zugleich warnte die Grünen-Politikerin davor, den Glauben als Privatvergnügen oder als Selbstbeweihräucherung" zu begreifen.                              Bei der Abschlusspressekonferenz zur Herbstvollversammlung habe sich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, zurückhaltend zu dem Streit geäußert. Er wolle „kein Öl ins Feuer gießen", sehe aber mit vielen anderen Bischöfen „die Sache anders" als Kardinal Meisner, sagte Lehmann. Es gebe zwar da und dort Probleme, die man diskutieren müsse, aber die Frage sei, in welcher Form das geschehe. Deutlicher distanzierte sich der stellvertretende Episkopats-Vorsitzende und Bischof von Aachen. Heinrich Mussinghoff, von den Aussagen des Kölner Kardinals. Diese seien „nicht repräsentativ für die Bischofskonferenz, und das weiß auch jeder in Deutschland", sagte Mussinghohf im „Kölner Stadt-Anzeiger", Zugleich bedauerte der Bischof, dass der Vorgang öffentlich geworden sei. Es gebe im Einzelfall gewiss Anlass zu Klink, räumte der Aachener Bischof ein, er würde sich jedoch scheuen, Verbände wie das Zentralkomitee der deutschen Katholiken oder die Katholische Frauengemeinschaft pauschal anzugreifen Nach der Fuldaer Predigt Meisners habe er, Mussinghoff, gedacht: „Mein Gott, wie gottlos muss das Erzbistum Köln geworden sein."