13.06.2001

Nachrichtenarchiv 13.06.2001 10:50 „Vom Dasein geht eine Botschaft aus"

PEK (010613) - Erzbischof Joachim Kardinal Meisner hat sich heute im Kölner „Domradio" zur aktuellen Gentechnik-Debatte geäußert. Das Interview hat folgenden Wortlaut:Domradio: Herr Kardinal, in der Gentechnik-Debatte der letzten Wochen hat der ein oder andere seine Position gesucht. Sie dagegen haben Ihre Position von Anfang an gefunden, Sie wackeln nicht?Kardinal Meisner: Da gibt es überhaupt keinen Zweifel. Die Tatsachen sind so offensichtlich, dass es für mich unverständlich ist, dass man darüber überhaupt in Meinungsverschiedenheit geraten kann. Wenn Sie eine menschliche Eizelle für sich betrachten, ist das noch kein Mensch, und auch eine menschliche Samenzelle nicht. Aber in dem Augenblick, in dem sie zusammen kommen und verschmelzen, wird aus dem „Was" ein „Wer", und diese verschmolzene Zelle entwik-kelt sich. Das ist die Entwicklungsstufe eines „Jemand", bis dann der „Jemand" auch biologisch voll entwickelt ist und zur Welt kommt. Wer eine solche menschliche Zelle zu Forschungszwecken verbrauchen will - selbst wenn man anderen helfen möchte -, tötet menschliches Leben. Da kann man nur sagen: Finger weg! Dass man überhaupt dazu gekommen ist, das ist nicht voraussetzungslos: Das ist eine unheilige Entwicklung, die bei uns in den letzten 50 Jahren angebrochen ist, die von der Antibabypille bis hin zur Euthanasie geht.Domradio: Jürgen Rüttgers, der maßgeblich am Grundsatzpapier der CDU mitgearbeitet hat, sagt jetzt, auf der einen Seite gäbe es eine christliche Position. Auf der anderen Seite aber müsse er als Politiker eine andere Position einnehmen. Es gibt wieder andere Stimmen, die sagen, das ist eine Gewissensentscheidung, die man treffen kann.Kardinal Meisner: Da muss ich Herrn Rüttgers sehr widersprechen. Was wir verkünden, ist zunächst keine christliche Position, sondern einfach die allgemein menschliche Position. Das Dasein oder das Sein ist nicht nur ein Vorhandensein, sondern vom Dasein geht eine Botschaft aus, die ich vernehmen und nach der ich mein Handeln einstellen muss. Darum habe ich Vernunft bekommen. Nun sagt das Sein, was ich gerade gesagt habe: Wenn eine Samenzelle und eine Eizelle zusammen kommen, wird aus dem Was ein Wer. Dann bedeutet das Tötung eines Menschen, und das hat nichts mit christlicher Position zu tun. Die christliche Position unterstreicht das noch; indem man sagt, was sich dort vereinigt hat und ein Mensch geworden ist, das ist sogar ein Ebenbild und Abbild Gottes. Für die Debatte genügt schon der erste allgemein menschliche Schritt, dass man sagt, ich darf einen Menschen - auch wer anfänglich Mensch ist, ist ganz Mensch, das sagt uns die Naturwissenschaft -, da darf ich nicht Hand anlegen, um ihn zum Mittel zum Zweck zu degradieren.Domradio: Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Wolfgang Clement - der Stammzellen importieren möchte - sagt, dieses Heilen und Forschen sei geradezu ein Gebot christlicher Nächstenliebe.Kardinal Meisner: Es ist ein Gebot der Liebe, dass man das ungeschützteste Leben am positivsten schützen muss. Das ist der Embryo. So schützenswert auch der Kranke und der alte Mensch ist - ich darf ihn nie „schützen", indem ich anderes Leben opfere. Das ist ein gewaltiger und gefährlicher Fehlschluss, mit dem ich mir etwas vormache, was nicht der Wirklichkeit entspricht.Domradio: Präses Kock hat in der Diskussion gesagt, dass man vielleicht in der Abtreibungsdebatte noch einmal überlegen sollte, ob man nicht die Frage der Spätabtreibungen diskutieren müsste. An die Gesamtproblematik der Abtreibung grundsätzlich möchte er aber nicht mehr heran, weil er glaubt, dass dabei mehr Schlechtes als Gutes herauskommen würde.Kardinal Meisner: Das ist natürlich auch nur eine halbe Sache. Viele Grünen-Politiker sagen heute sehr richtig, wenn wir für diesen Embryonenschutz eintreten, müsste man auch die Abtreibung verbieten. Und hier zeigt sich: Wenn man einen Schritt weitergeht, dass das schreckliche Folgen hat für das andere. Von der Befruchtung der Eizelle an bis zum Tod ist der Mensch eine Einheit, und wenn ich eine kleine Entwicklungsstufe herausnehme aus dem Gesamtprozess und ihn unter Sonderrecht stelle, verderbe ich alles. Unsere Gegner in dieser Debatte sagen: Wenn eine künstliche Unfruchtbarmachung der Frau möglich ist - sprich Antibabypille -, warum denn dann nicht auch eine künstliche Fruchtbarmachung? Hier muss man schlicht sagen: Hände weg! Wenn es keine Abtreibung gäbe, wäre man gar nicht auf den Gedanken gekommen, Embryonen auszuschlachten und zu töten und zu verarbeiten als „Ersatzteile" für kranke, beschädigte, menschliche Existenzen.Domradio: Sie treffen sich demnächst mit dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten. Welche Chancen sehen Sie, auch im gesellschaftlichen Dialog, die kirchliche Position durchzusetzen?Kardinal Meisner: Ich betone noch einmal, es ist zunächst die menschliche Position, und hier, meine ich, vertreten wir, vertrete ich als katholischer Bischof - Ich sage es noch einmal - keine katholische Sondermoral, sondern ich meine, hier fühle ich mich auch als Sprecher aller Menschen guten Willens in unserem Land, und das Katholische ist auch das menschlich Gültige. Hier werden wir unsere Stimme erheben. Und ich versuche, unsere Pfarrgemeinderatsmitglieder und unsere Gemeinden und unsere Verbände sensibel zu machen, sie sollen unser bischöfliches Papier „Der Mensch: Sein eigener Schöpfer?" und die bedeutende Rede unseres Bundespräsidenten nehmen und sich damit zur Wehr setzen und die öffentliche Debatte wirklich energisch mitgestalten.Domradio: Herr Kardinal, herzlichen Dank für dieses Gespräch.