Das Ölgemälde auf Holz von Hendrik Goltzius (1558-1617) stellt die "Taufe Christi", 1608, dar
Das Ölgemälde auf Holz von Hendrik Goltzius (1558-1617) stellt die "Taufe Christi", 1608, dar
Domkapitular Josef Sauerborn
Domkapitular Josef Sauerborn

10.01.2021 - 10:00

Kapitelsamt im Kölner Dom am Fest der Taufe des Herrn Weise ist, wer seine Tage zählen kann

In seiner Predigt sprach Domkapitular Josef Sauerborn über die Zeit. „Je älter man wird, desto klarer wird einem, wie schnell die Zeit vergeht“, so Sauerborn. Wer sich seiner Endlichkeit bewusst sei, sei ein "weiser Mensch".

Anders als bei den Kindern, mit ihrer unbekümmerten Ursprünglichkeit, würden Ältere die Kürze der Zeit verdrängen, die mit dem Menschenleben gegeben sei. "Wir leben nicht selten in den Tag hinein und lassen uns aufschrecken, wenn wieder ein Jahr vergangen ist", sagte der Domkapitular.

Wer sich seiner Endlichkeit bewusst sei, werde in der Heiligen Schrift ein "weiser Mensch" genannt. In Psalm 90 heißt es: "Unsere Tage zu zählen lehre uns, dann gewinn en wir ein weises Herz."

Durst nach Leben

Die Schrift wisse, dass sich der Mensch in einer "Scheinewigkeit wähne". Diese Möglichkeit sei nicht neu, aber durch die Möglichkeiten heutzutage intensiver geworden. "Da glauben viele, sich die Zeit kaufen zu können, sie auszureizen mit immer neuen Erlebnissen, wie Reisen oder Medien bereithalten sollen." Wer aber an die Endlichkeit des Lebens erinnere, gelte als Schwarzseher, der Genuss verderben wolle. 

Hinter dem gekauften Leben und der Urlaubs- und Zerstreuung-Sehnsucht stecke ein Durst nach Leben – das decke die Heilige Schrift aus. Dieser Durst könne nicht mit Geld bezahlt werden. "Gott dringt den Propheten eindringlich zu fragen: Warum bezahlt ihr mit Geld, was Euch nicht nährt?"

Gott gibt es umsonst

Das Eigentliche sei nicht zu kaufen. "Gerade in dieser Zeit der Corona-Pandemie wird uns dies schmerzlich bewusst." Der weise Mensch, so wie die Schrift ihn skizziere, höre auf Gott – und werde so satt. 

Gott könne man nämlich nicht kaufen, ihn gebe es umsonst. Was Gott gebe sei Gratis, sei Gnade. "Darin scheint die Göttlichkeit Gottes auf, dass er nicht in den Leistungszusammenhang der menschlichen Lebensabsicherung gehört", so Sauerborn. Man könne Gott nicht gebrauchen, wie man sich seines Kontos bediene. Darum müsse ein er Zeit, die von der Machbarkeit der Dinge überzeugt sei, Gott überflüssig vorkommen, schloss der Domkapitular.

Gottesdienst bei DOMRADIO.DE 

DOMRADIO.DE hat am Fest der Taufe des Herrn, dem ersten Sonntag im Jahreskreis, das Kapitelsamt aus dem Kölner Dom mit Domkapitular Josef Sauerborn übertragen.

Am Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu berichten die drei synoptischen Evangelien (Markus 1, 9–11; Matthäus 3, 13–17 und Lukas 3, 21–22) von seiner Taufe im Jordan, der Evangelist Johannes kommt nur indirekt darauf zu sprechen (vgl. 1, 29–34). Johannes der Täufer hatte zur Umkehr aufgerufen und zur Bußtaufe. Jesus reiht sich in die Schar der Sünder ein, macht sich mit ihnen solidarisch, um von Johannes dem Täufer getauft zu werden. Als er aus dem Wasser steigt, öffnet sich über ihm der Himmel, und der Vater bezeugt ihn vor der Öffentlichkeit als seinen geliebten Sohn, den er der Welt sendet. Hier wird deutlich, dass die Taufe Jesu zur Epiphanie gehört, die wir am 6. Januar feiern. Der Geist Gottes ruht bleibend auf Jesus, und in der Kraft dieses Geistes Gottes geht Jesus seinen Weg zu den Menschen, lehrt sie, sich für Gottes Gerechtigkeit zu öffnen.

Im Tagesgebet heißt es: „Gib, dass auch wir, die wir aus dem Wasser und dem Heiligen Geist wiedergeboren sind, in deinem Wohlgefallen stehen und als deine Kinder aus der Fülle dieses Geistes leben.“ Auch uns hat Gott in der Taufe als seine geliebten Söhne und Töchter angenommen und uns seinen Geist geschenkt. In der Kraft dieses Geistes sollen wir unser Leben gestalten und uns als Brüder und Schwestern Jesu erweisen in Wort und Tat.

Aus: Magnificat. Das Stundenbuch. Januar 2021