Theologe über industrielle Tierhaltung als "strukturelle Sünde"

"Wie beim Aussterben der Dinosaurier"

Vor einem Jahr war das Entsetzen groß: Corona-Ausbrüche in deutschen Schlachthöfen, unwürdige Arbeitsbedingungen, Leid von Mensch und Tier. Aus Sicht des Theologen Rainer Hagencord ist dem Aufschrei zu wenig gefolgt – in der Politik und bei den Kirchen.

Rainer Hagencord, Theologe und Biologe, sowie Leiter des Instituts für Theologische Zoologie / © Lars Berg (KNA)
Rainer Hagencord, Theologe und Biologe, sowie Leiter des Instituts für Theologische Zoologie / © Lars Berg ( KNA )

KNA: Herr Dr. Hagencord, wie sehen Sie die Situation ein Jahr nach den Schlachthof-Schlagzeilen?

Dr. Rainer Hagencord (Leiter Institut für Theologische Zoologie in Münster): Der Fleischkonsum nimmt ab, aber der Export von Fleisch, auf den das System der Tierhaltung ausgerichtet ist, kennt offenbar kein Ende. Ich hätte einen Ruck erwartet, von der Zivilgesellschaft und noch viel mehr von den Kirchen. Den habe ich nicht wahrgenommen. Daher frage ich mich: Was muss noch passieren, damit deutlich wird, dass in diesem System nicht nur die Würde der Tiere, sondern auch die der Menschen mit Füßen getreten wird? Die Mehrzahl der Menschen meint offenbar weiterhin, billiges Grillfleisch sei ein Menschenrecht.

KNA: Inwiefern sehen Sie speziell die Kirchen gefragt?

Hagencord: Die Kirchen verstehen sich als Anwältinnen des Lebendigen. Und wir wissen seit langem, dass es im System der industriellen Tierhaltung letztlich um strukturelle Sünde geht. Bis auf zwei Gewinner - nämlich Fleisch- und Pharmaindustrie - leiden alle. Nicht nur die Tiere und die Artenvielfalt, sondern auch kleinbäuerliche Betriebe. Der Globale Süden leidet, da 98 Prozent des in Brasilien angebauten Sojas in hiesige Mastbetriebe wandert, der Regenwald für Rindfleischproduktion abgeholzt wird. In einer Trias von Nachwelt, natürlicher Mitwelt und sogenannter Dritter Welt verlieren alle. Wo ist das Aufbegehren?

KNA: Stichwort Zivilgesellschaft: Der Einfluss des Konsumenten ist begrenzt, auch bei bewusster Ernährung. Müsste die Politik also aktiver werden?

Hagencord: Die Grünen-Politikerin Renate Künast war die letzte Landwirtschaftsministerin, die sich mit den Bauernverbänden angelegt hat, die für Artenvielfalt, ökologische Nachhaltigkeit und Tierwohl gekämpft hat. Danach landete das Landwirtschaftsministerium in den Händen der Union, und diese Politiker*innen haben das betrieben, was man eine unheilige Allianz nennt. Das hat in eine dramatische Situation geführt, die wir jetzt zu spüren bekommen. Als Gesellschaft verdanken wir den "Fridays for Future"-Demonstrationen viel, was das Bewusstsein angeht. Da erlebe ich schon eine Veränderung, auch im Bereich Fleischkonsum.

KNA: Viele Menschen lieben ihr Haustier; Nutz- oder Wildtiere sind dagegen offenbar weit weg. Woher kommt dieser Kontrast?

Hagencord: Der Biologe Rupert Sheldrake hat es vor 20 Jahren auf den Punkt gebracht: Ihm zufolge gibt es in unserer Kultur zwei Kategorien von Tieren, die einen verwöhnen wir mit Haustierfutter, die anderen verarbeiten wir dazu. Diese Entwicklung spitzt sich zu. Ich nehme es als Hoffnungszeichen wahr, dass die Menschen in der Pandemie mehr draußen sind. Denn es braucht mehr Einsatz für beide: für die Tiere in freier Wildbahn, denen wir die letzten Lebensräume nehmen, und für die Tiere, die in den Schlachthöfen ihr Dasein fristen. Auf eine grundsätzliche Veränderung habe ich jedoch wenig Hoffnung.

KNA: Warum?

Hagencord: Die kommenden Generationen wandern immer stärker in die digitale Welt ab. Dabei ist die natürliche Mitwelt unsere eigentliche Heimat. Das haben wir offenbar vergessen. Dabei müssten wir spätestens jetzt erkennen, dass wir nur das retten können, was wir kennen. An unserem Institut arbeiten wir daran, die Pandemie als Aufhänger zu nutzen, um unser Verhältnis zur Natur und zu den Tieren grundsätzlich zu überdenken. Das nächste Virus wird kommen, entweder aus der industriellen Tierhaltung oder aus einer vernichteten Wildtierregion. Also sollten wir dieses unsägliche Ereignis nutzen, um zu retten, was noch zu retten ist.

KNA: Vielleicht sind Tierethik und Tiertheologie deshalb im Aufwind begriffen. Wie schätzen Sie die Entwicklung ein?

Hagencord: Etwas frech könnte man sagen: Peter Singer hat sein Tierrechte-Buch vor Jahrzehnten geschrieben, und die Kirche kommt langsam mal auf die Idee, dass das eine Bedeutung hat. Das ist viel zu spät. Ich freue mich darüber, dass die Tiere ihren Platz finden, aber es geht zu langsam, und sie finden ihren Platz auch nur im Feld der Ethik. Mein Bestreben ist eine Theologie mit dem Gesicht zu den Tieren.

KNA: Was bedeutet das?

Hagencord: Wenn wir uns die Gottes- und Sinnfrage stellen, müssen wir die Tiere und die Umwelt in den Blick nehmen, statt ihnen den Rücken zuzukehren. Die aktuelle Ausrottungswelle ist in ihren Ausmaßen so groß wie beim Aussterben der Dinosaurier. Eine Theologie, die die Natur über Jahrhunderte als hübsche Kulisse oder als Ressourcenlager gesehen hat und die Tiere weiterhin zu seelenlosen Automaten degradiert, ist mitverantwortlich für diese ökologische Katastrophe und dafür, was in den Schlachthöfen passiert. Und sie kommt immer noch nicht auf die Idee, die ökologische Katastrophe, die auch eine soziale Katastrophe ist, in den Mittelpunkt zu stellen.

KNA: Dabei gibt es zahlreiche Aufrufe dazu ...

Hagencord: Papst Franziskus sagt in "Laudato si": Wir müssen den Schrei der Erde hören, wir müssen alles tun, um unseren Planeten retten. Das ist seit fünf Jahren päpstliche Lehre, die in den kirchlichen Obrigkeitsbüros aber nicht anzukommen scheint. In den kommenden zehn Jahren werden nach Berechnungen von Wissenschaftlern die Kipppunkte erreicht, ob es um das Abschmelzen der Polkappen geht, die Versteppung des europäischen Südens oder die Abholzung der Regenwälder. Danach haben wir es mit Katastrophen zu tun, mit Wasser- und Lebensmittelmangel, mit unfassbaren Flüchtlingsströmen. Und womit beschäftigen sich die Kirchen? Mit der Frage, wer mit wem am Altar stehen darf.

KNA: Woran hakt es?

Hagencord: An der herkömmlichen Theologie. Ich habe Respekt vor allen, die an den Hochschulen lehren. Dennoch sind die Theologischen Fakultäten verkommen zu Erfüllungsgehilfen einer hierarchisch verfassten, männlich dominierten Kirche. Durch das Instrument des "Nihil Obstat" hat das Lehramt dafür gesorgt, dass in den vergangenen 40 Jahren niemand auf einen Lehrstuhl gekommen oder gar Bischof geworden ist, der sich schwerpunktmäßig mit Schöpfungstheologie, feministischer Theologie oder Befreiungstheologie beschäftigt.

KNA: Was müsste also geschehen?

Hagencord: Ich setze nicht mehr auf dieses hierarchische System. Ich setze auf die Zivilgesellschaft, auf die Gemeinden, Schulen und Verbände, auch auf junge Menschen. Sie sind sehr offen für einen anderen theologischen Ansatz. Auch drängen aus diesem Bereich viele darauf, die kirchliche Infrastruktur in den Blick zu nehmen: Die Kirchen gehören zu den größten Grundbesitzern. Sie hätten die Macht, ab morgen zu sagen, keine Tierfabriken mehr auf Kirchenland. Sie könnten in den Kantinen von Schulen oder Seniorenheimen eine gesunde vegetarische Ernährung einführen und mit Landwirten zusammenarbeiten, die entsprechende Kriterien erfüllen. Diese Macht wird nicht genutzt.

Das Interview führte Paula Konersmann.

Quelle:
KNA
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