Msgr. Robert Kleine, Stadt- und Domdechant
Msgr. Robert Kleine
Dom und Hauptbahnhof in Köln
Dom und Hauptbahnhof in Köln

05.01.2016

Stadtdechant Kleine ruft nach Übergriffen an Silvester zur Zivilcourage auf Im Schatten des Domes

Nach den Übergriffen an Silvester in nächster Nähe des Kölner Domes appelliert Monsignore Kleine an die Bürger, in kritischen Situationen einzugreifen. Gleichzeitig warnt er davor, ganze Gruppen und Nationen für die Taten verantwortlich zu machen.

domradio.de: Erst nach einigen Tagen ist das ganze Ausmaß der Vorfälle der Silvesternacht sichtbar geworden. Was ist Ihre Reaktion darauf?

Monsignore Robert Kleine (Dom- und Stadtdechant): Ich bin erschüttert und es ist unfassbar, was geschehen ist. Sie haben Recht, dass das ja erst nach und nach publik wurde. Zuerst war von einer Panik, die da war, die Rede und von Diebstählen und jetzt sehen wir, dass Frauen quasi zum Freiwild einer Horde geworden sind, die sich da zusammengerottet hat. Ich denke, dass da jetzt der Rechtsstaat gefordert ist. Man muss mit allen Mitteln, die zur Verfügung stehen, dafür sorgen, dass so etwas ein einmaliges furchtbares Ereignis in Köln war. Wir sind immer stolz darauf, dass wir eine offene und tolerante und lebensfrohe Stadt sind. Und auch die Menschen, die betroffenen Frauen, wollten einfach nur Silvester feiern, in das neue Jahr hineinfeiern. Dass das ausgenutzt wird, das ist unmöglich! Und da muss man zusammen mit Politik und mit der Polizei - und das strebt ja unsere Oberbürgermeisterin jetzt an - dafür sorgen, dass sich vor allem an den Karnevalstagen so etwas nicht wiederholt und das Köln jetzt nicht dafür steht, dass es hier rechtsfreie Räume gibt - vor allem im Schatten des Domes.

domradio.de: Warum ist es denn überhaupt möglich, dass da so ein rechtsfreier Raum entstanden ist. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Msgr. Kleine: Ich höre nur von der Polizei, dass die auch von dieser Art der Bedrängung - bis hin zur Vergewaltigung - selbst überrascht waren. Das ist eine ganze neue Art, die man sich nicht vorstellen konnte. Dass man zusammenkommt und dann in einer so großen Gruppe Frauen bedrängt. Dass man ausraubt, dass man sexuell demütigt und übergriffig wird - das hat sich bisher meiner Vorstellungskraft entzogen. Und jetzt muss man gucken, wie man damit umgeht. Dass eine verstärkte Präsenz der Polizei gerade an diesen Festtagen, die vor uns liegen, gewährleistet ist. Aber es muss, glaube ich, auch noch mal insgesamt geschaut werden, wie man mit denen umgeht, die schon polizeilich bekannt sind- damit es zu solchen Zusammenrottungen erst gar nicht mehr kommt. Das war ja der Polizei schon auch zur Kenntnis gegeben worden, dass sich da etwas anbahnt. Aber ich glaube, über das Ausmaß hat sich da keiner Gedanken machen können.

domradio.de: Die Vorfälle sind ja im Schatten des Domes passiert, was kann vielleicht auch die Kirche tun, damit so etwas nicht noch mal passiert?

Msgr. Kleine: Es ist erschütternd, weil auf der Seite des Hauptbahnhofs ja auch unser Plakat am Dom hängt, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, und da werden dann solche würdelosen Dinge begangen und Frauen ihrer Würde beraubt. Was wir als Kirche tun können? Es ist sicherlich auch das Plädoyer noch einmal an alle, aufmerksam zu sein. Natürlich, wenn so große Versammlungen sind, ist es schwierig, aber wenn kleinere Gruppen da sind, muss es Zivilcourage geben, dass man versucht, auch einzugreifen. Dass man sich wehrt und meldet. Dass wir nicht die Augen verschließen und dass wir als Stadtgesellschaft auch aufstehen und sagen "So geht es nicht! Das lassen wir uns in unserer Stadt nicht bieten!"

domradio.de: Es gab Berichte, dass die Täter aus dem arabischen und nordafrikanischen Raum kommen. Wie kann man nun verhindern, dass die Flüchtlinge, die hierhin kommen und die harmlos sind, in einen Topf geworfen werden mit solchen Verbrechern?

Msgr. Kleine: Ich denke, das ist die große Gefahr und da muss man ganz klar trennen. Es gibt nicht "die". Es gibt keine Pauschalverurteilungen, es sind immer Einzelne, wenn auch eine große Anzahl, aber es sind Einzeltäter und ich kann nicht eine ganze Gruppe oder eine ganze Nation und Nationalität dafür verantwortlich machen. Das wurde ja auch von Seiten der Polizei und des Innenministeriums betont. Das darf nicht dazu führen, dass auf der anderen Seite wieder Scharfmacher und Populisten die Vorfälle zur Hetze gegen unsere Flüchtlinge ausnutzen.

Das Interview führte Mathias Peter.

(dr)

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