1915: Armenische Flüchtlinge in Syrien
1915: Armenische Flüchtlinge in Syrien

20.04.2015

Historiker Hesemann fordert Anerkennung des Genozids an den Armeniern "Das Totschweigen eines Völkermords legitimiert den nächsten"

Der Historiker Michael Hesemann nennt das Massaker an den Armeniern die blutigste Christenverfolgung der Geschichte. Im Interview mit domradio.de fordert er die Türkei aber auch Deutschland auf, das anzuerkennen.

domradio.de: Für Ihr Buch zum Völkermord an den Armeniern haben sie auch Zugang zum Vatikanischen Geheimarchiv erhalten. Welche neuen Erkenntnisse haben Sie da gewonnen?

Michael Hesemann (Historiker): Vor allen Dingen, dass es eben keine – wie die Türken behaupten – Niederschlagung eines Aufstandes und keine Präventivmaßnahme war, sondern ein lange vorbereiteter Völkermord. Es bestand einfach der Plan, die Türkei in einen homogenen Nationalstaat umzuwandeln und da störten ethnische und religiöse Minderheiten. Die wurden dann als potentielle Unruhestifter betrachtet und darum wurde der Plan geschmiedet, dass man die Minderheiten im Kernland auf blutige Art und Weise loswird. 

domradio.de: Warum tauchen diese Informationen ausgerechnet im Vatikan auf. Hatte der Vatikan die Ereignisse vielleicht deshalb besonders im Auge, weil es sich um eine große christliche Gemeinschaft handelt und es letztenendes ja auch religiös motiviert war, was da passierte?

Hesemann: Ja natürlich, der Völkermord an den Armeniern war die größte und blutigste Christenverfolgung der Geschichte und darum war der Vatikan natürlich von Anfang an alarmiert. Denn es ging eben um Christen – sogar um katholische Bischöfe und Priester - die da ermordet wurden. In dem Moment, in dem klar wurde, in welchem Ausmaß die Geschehnisse dort stattgefunden haben, hat der Apostolische Delegat in Konstantinopel alles Menschenmögliche versucht. Im September 1915 hat dann der Heilige Vater, Papst Benedikt XV., mit einem Handschreiben den Sultan, das damalige Staatsoberhaupt der Türkei, um Gnade für die Armenier und die anderen verfolgten Christen gebeten. Der Erfolg war, dass der Brief sechs Wochen lang nicht übergeben werden konnte. Sechs Wochen lang versuchte der Apostolische Delegat vergeblich, einen Termin beim Sultan zu bekommen. Danach waren die Deportationen schon abgeschlossen.

domradio.de: Die Türkei ordnet das Ganze ja immer gerne in den großen Zusammenhang des ersten Weltkrieges ein, auch um das, was da passierte nicht als Völkermord deklarieren zu müssen. Was genau haben diese Ereignisse mit dem Ersten Weltkrieg zu tun?

Hesemann: Der Erste Weltkrieg galt als Vorwand, dass man die geschmiedeten Pläne endlich durchführen konnte. Das ist keine Hypothese von mir, sondern das war die direkte Aussage des türkischen Innenministers und Hauptverantwortlichen für den Völkermord an einen deutschen Botschaftsmitarbeiter. Die Aussage finden wir im Archiv des Auswärtigen Amtes in Berlin. Das war ein geplanter Völkermord und man hat einfach nur die Situation des Ersten Weltkrieges als Vorwand genommen – dass man mit der gesamten Welt im Krieg stand, mit Ausnahme der deutschen und österreichischen Verbündeten.

domradio.de: Sie haben gerade schon die deutsche Seite mit ins Spiel gebracht. Es wird viel diskutiert über eine deutsche Mitschuld. Worin besteht diese Mitschuld oder kann man es tatsächlich eine Mitschuld nennen?

Hesemann: Definitiv. Einmal dienten deutsche Generäle auch im Generalstab des türkischen Heeres. Es waren auch deutsche Offiziere direkt an der Niederschlagung und am Völkermord beteiligt. Im Übrigen trifft die Deutschen natürlich eine Schuld durch Wegschauen und Totschweigen der Ereignisse. Deutschland hat die historische Verantwortung, dass es dafür sorgt, dass der Völkermord auch anerkannt wird. Da darf man eben keine Rücksicht auf Ankara nehmen, wie es leider geschieht. Bei der Gedenkfeier im Petersdom war ja nicht einmal die deutsche Botschafterin Frau Schavan vertreten. Und es ist einfach eine Schande, wie auch Frau Merkel erklärt hat, die Ereignisse seien eine bilaterale Angelegenheit zwischen Armenien und der Türkei. Im Gegenteil: Deutschland war von Anfang an informiert, Deutschland war mit der Türkei verbündet und trägt darum eine Mitverantwortung. Deutschland hätte die historische Aufgabe, zur Aufklärung des Völkermordes an den Armeniern beizutragen.

domradio.de: Glauben Sie, dass diese Mitschuld der Grund dafür ist, dass sich die deutsche Bundesregierung bis jetzt darum drückt, diese Ereignisse als Völkermord zu bezeichnen? Mittlerweile gibt es 22 Staaten, die es so benennen. Selbst der Papst hat das getan. Warum die deutsche Bundesregierung bis jetzt nicht?

Hesemann: Bei Deutschland spielen natürlich zwei Faktoren eine Rolle. Einmal die Mitschuld und man will nach wie vor die Regierung in Ankara nicht erzürnen. Wir haben ja auch jede Menge türkische Mitbürger und da fürchtet Frau Merkel vielleicht auch um Wählerstimmen. Ich kann es nicht beurteilen, was die Hauptmotive sind. Aber ich denke, Wahrheit steht immer über der Diplomatie. Darum habe ich auch die offenen Worte des Heiligen Vaters als Sieg der Wahrheit über die Diplomatie bezeichnet. Deutschland darf sich nicht länger vor der Verantwortung drücken. Gerade, weil wir Deutschen es waren, die die furchtbarste Konsequenz aus dem Totschweigen des Völkermordes an den Armeniern gezogen haben, nämlich seine Wiederholung. Adolf Hitler hat vor dem Einmarsch in Polen den deutschen Generälen gesagt: "Sie können ruhig barbarisch, unbarmherzig und erbarmungslos vorgehen. Weil, wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier." So legitimiert das Totschweigen eines Völkermordes den nächsten. Und man darf nicht wegschauen. Man darf auch heute, wo wieder Christen in Nordsyrien und im Nordirak ermordet werden, nicht zum Tagesgeschehen übergehen. Man muss handeln und Verantwortung übernehmen, sonst macht man sich mitschuldig.

 

Michael Hesemann ist Historiker. Sein Buch "Völkermord an den Armeniern" ist im Herbig-Verlag München erschienen.

 

Das Interview führte Ina Rottscheidt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Weder domradio.de noch das Erzbistum Köln machen sich Äußerungen der Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen zu Eigen.

(dr)

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