14.07.2014

Pax Christi zum Besuch des Außenministers im Nahen Osten "Die Menschen im Gazastreifen leben im Gefängnis"

Raketen und Artillerie. Der Konflikt im Gazastreifen eskaliert. Frank-Walter Steinmeier, deutscher Außenminister, reist zunächst nach Jordanien, um die Lage zu beruhigen. Wiltrud Rösch-Metzler, Bundesvorsitzende von Pax Christi, im domradio.de-Interview.

domradio.de: Was glauben Sie, was erhofft sich Steinmeier denn von Jordanien? Welche Rolle könnte dieses Land spielen?

Rösch-Metzler: Jordanien hat ja auch einen Friedensvertrag mit Israel, das heißt, die jordanische Regierung kommt durchaus als Gesprächspartner für die israelische Regierung und die palästinensische Regierung in Frage. Man muss sehen, dass ja Ägypten bisher verhandelt hatte und Ägypten dieses Mal gesagt hat, sie kommen nicht weiter, sie wollen nicht weiterkommen.

domradio.de: Warum kommen sie nicht weiter?

Rösch-Metzler: Es hängt damit zusammen, dass es einen Regierungswechsel gab in Ägypten. Es war so, dass der vorherige Präsident Mursi einen guten Draht auch zur Hamas im Gazastreifen hatte, weil die Hamas ja ursprünglich auch aus der Muslim-Bruderschaft abstammt. Insofern gab es gute Beziehungen. Die jetzige Regierung - man weiß ja, dass die sehr hart auch die Muslim-Brüder in Ägypten selber verfolgt hat - steht der Hamas etwas ferner. 

domradio.de: Jordanien ist aber weiterhin Vermittler, erkennt ja auch diese Einheitsregierung von Palästina an. Was glauben Sie, warum?

Rösch-Metzler: Das ist wichtig, diese Einheitsregierung anzuerkennen. Das ist ja eine erfreuliche Geschichte in dieser konfliktreichen Region, dass sich eben die Palästinenser auf einem Versöhnungsprozess bewegen, dass die PLO und die Hamas zusammen diese Regierung gebildet haben, die von den meisten Ländern anerkannt wird.

domradio.de: Steinmeier besucht ja noch mehrere Orte. Er will heute und am Dienstag bei seinen Treffen, zum Beispiel auch in Amman, in Jerusalem und in Ramallah ein bisschen ausloten, was da möglich ist und was nicht. Sehen Sie denn überhaupt noch eine Möglichkeit, wie man in diesem verfahrenen Konflikt irgendwie wieder zu Bewegung kommen könnte?

Rösch-Metzler: Im Moment ist es ja schrecklich, was die Zivilbevölkerung in Gaza erleiden muss. Ich hab jetzt heute gelesen, es sind 166 Tote bereits. Die UN hat gesagt, es sind drei Viertel Zivilisten, also auch Kinder und Frauen darunter. Es sind natürlich hunderte von Verletzten in den Krankenhäusern dort. Es ist eine schreckliche Situation. Es war letzte Woche schon so, dass es nur noch eine Stunde Wasser gab und nur sechs Stunden Strom dort und das auch nicht überall im Gazastreifen. Die humanitäre Lage ist furchtbar. Die Menschen haben total Angst, die Kinder sind traumatisiert von den Bombardierungen, die jede Nacht stattfinden, die auch tagsüber stattfinden. Es ist einfach schrecklich und das muss dringend gestoppt werden.

domradio.de: Und es bekommt natürlich nochmal größere Aufmerksamkeit, wenn jetzt unser Außenminister hinfährt. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat sich auch nochmal eingeschaltet. Was glauben Sie, muss vielleicht die internationale Gemeinschaft da jetzt noch mehr eingreifen?  

Rösch-Metzler: Es ist wichtig, dass die internationale Gemeinschaft die Ursache des Konflikts nicht aus dem Blick verliert. Die Ursache im Gazastreifen ist eben das Eingesperrtsein, die Unfreiheit, die dort herrscht; Blockade nennen wir das von außen, dass es eben keinen freien Warenverkehr gibt. Es gibt keinen freien Personenverkehr. Es ist wie im Gefängnis und die Menschen rufen nach Freiheit. Die wollen nicht länger eingesperrt bleiben. Diese Ursache, die Besatzung und die Blockade, muss im Blick bleiben bei den Verhandlungen, die Steinmeier jetzt führt in Jerusalem, in Ramallah und in Jordanien.

Das Gespräch führte Verena Tröster.

(dr)

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