Gottesdienst-Vorbereitungen
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01.02.2016

Nach Äußerungen zu Schusswaffeneinsatz gegen Flüchtlinge Mehr sonntägliche Gutpredigten

Bischöfe und Priester sollten gerade jetzt die christliche Botschaft wirksam werden lassen, sagt der Katholik Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung. "Hier geht es darum Menschen zu schützen."  

domradio.de: Hätten Sie das vor einem Jahr für möglich gehalten, dass ein Politiker fordert, dass auf Flüchtlinge an der deutschen Grenze geschossen wird?

Heribert Prantl (der Leiter des Ressorts Innenpolitik bei der Süddeutschen Zeitung): Es passiert da etwas ziemlich Furchtbares, die Art und Weise wie sich die Debatte verändert ist schon mehr als bemerkenswert. Es werden jetzt Dinge öffentlich gesagt, die vor einem halben Jahr noch nicht hätten gesagt werden können. Die Art und Weise wie die AfD, wie Pegida, wie deren zum Teil abstruse Forderungen via Talkshow-Maschinerie in die Gesellschaft hineindringen, ist gefährlich. Die gesellschaftliche Debatte und Stimmung verändern sich. Da muss schon massiver entgegengehalten werden als bisher. Es kann nicht sein, dass mit der Weiterverbreitung und der Diskussion von abstrusen Redereien solche Redereien weiter veredelten werden und immerhin für diskutierenswert erachtet werden. Man kann im Zusammenhang von Flüchtlingen nicht von dem Schiessbefehl reden.

domradio.de: Glauben Sie, dass es für diese Forderung tatsächlich eine Anhängerschaft in Deutschland gibt jenseits des rechtsextremen Spektrums?

Prantl: Ich glaube nicht, dass es diese Anhängerschaft gibt, aber schon die Tatsache, dass man sich mit solchen Thesen beschäftigt, halte ich für gefährlich. Was Zweitens hinzukommt, ist, was die Veränderung der gesamten Stimmung gegen Flüchtlinge betrifft. Für die anderen Parteien CSU, CDU, SPD gilt immer, man kann hinter den Forderungen der AfD deutlichst zurückbleiben.

Die AfD erfüllt in gewisser Weise auch eine Funktion bei der massiven Verschärfung des Rechts, bei der massiven Verschärfung des Ausländerrechts, des Asylrechts, des Strafrechts, der Rechtsordnung. Man kann die ganz kreischenden Töne der AfD überlassen und dann sagen, wir machen ja weniger. Allein die Tatsache, dass es weniger ist, macht eine sehr scharfe Politik schon zu einer vermeintlich erträglichen. Das ist eine ungute Situation.

domradio.de: Kardinal Woelki wurde in der vergangenen Woche von der Zeitung "Die Welt" als "Gutprediger" bezeichnet. Welchen Impuls erwarten Sie sich, als Katholik und Mitglied des Ethikrates der Hamburger Akademie für Publizistik, von der Kirche in dieser Diskussion?

Prantl: Ich erwarte mir ganz viel: jeden Sonntag solche Gutpredigten und auch ein Anreden gegen dieses saudumme Gerede vom Gutmenschen, von Gutpredigt. Hier geht es darum Menschen zu schützen, hier geht es darum eine christliche Botschaft auch in der praktischen Politik wirksam werden zu lassen. Die Bischöfe und die Priester sollen sich nicht auslachen lassen, wenn es darum geht, der Bergpredigt im Umgang mit Flüchtlingen Heimat zu geben. Wenn es darum geht, darauf hinzuweisen, dass Jesus ein politischer Flüchtling war und dass bei Matthäus steht, was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, dass habt ihr mir getan. Das sind lauter Botschaften, die in der aktuellen gesellschaftlichen Situation eine Rolle spielen müssen.

Da darf sich die Kirche, da dürfen sich die christlichen Kirchen nicht ins Bockshorn jagen lassen von einem vermeintlichen Pragmatismus und von einer neuen Linie der Politik.

Auch bei hohen Zahlen gilt es die Menschlichkeit zu achten, auch bei hohen Zahlen gilt es den hungernden Gutes zu tun. Es mag sein, dass die Worte der Bibel ein bisschen ältlich klingen, aber wer die Probleme von heute sieht, der weiß, sie sind nicht ältlich. Da geht es um ein Jahrhundertproblem. Ich glaube, hier gibt es ganz große Aufgaben für die christlichen Kirchen, für die Bischöfe, für die Katholiken, für die Protestanten für ein Klima zu sorgen, das freundlich ist und freundlich bleibt und dem angemessen ist, was dieses gewaltige Problem des 21. Jahrhunderts ist. Es ist ja nicht so, dass die Flüchtlinge aus einem Gaudium herauskommen. Es werden die Fluchtursachen nicht dadurch beseitigt, dass ein Horst Seehofer oder sonst jemand in der Politik große Töne spukt und Härte fordert.

Es ist eine neue Politik erforderlich und ich sehe an der Seite einer solchen neuen Politik auch die Kirchen im Versuch christliche Botschaft aktuell politisch anzuwenden.

Das Interview führte Christian Schlegel.

(dr)

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