Weihbischof Anton Losinger
Weihbischof Anton Losinger

04.11.2014

Weihbischof Losingers Beitrag zur Sterbehilfe-Debatte "Die allermeisten Suizide sind angstgetrieben"

Der Fall Brittany Maynard in den USA zeigt: das selbstbestimmte Lebensende bewegt die Menschen. Der Bundestag stimmt bald über ein neues Sterbehilfe-Gesetz ab. Der Augsburger Weihbischof Dr. Anton Losinger, Mitglied im Deutschen Ethikrat, im domradio.de-Interview.

domradio.de: Das ist ein Fall, der sehr zu Herzen ging. Millionen Menschen haben den Fall Brittany Maynard im Internet verfolgt. Ein vielgeklicktes Video hat es gegeben. Ein besonderer Fall, der noch mal eine neue Dimension aufmacht, oder?

Losinger: Ohne Zweifel. Dieser ganz konkrete Fall von Brittany Maynard, einer, der Menschen emotional sehr stark berührt. Und auch in Menschen die Frage erzeugt, wie muss ich im Blick auf meine eigene Lebenssituation, wenn ich in eine solche vielleicht schmerzvolle und nicht überschaubare Lebensendlage komme, entscheiden. Das entscheidende Problem, das ich an Brittany Maynard sehe, ist, dass ein solcher Einzelfall uns darüber hinwegtäuschen könnte zu realisieren, dass es in den allermeisten Fällen, wo Menschen über ihren Freitod nachdenken, nicht um eine Heldentat von Selbstbestimmung und Freiheit geht, sondern die allermeisten Suizide sind angstgetrieben. Und gerade dort, wo Menschen, im Blick auf ihr eigenes Lebensende über Suizid nachdenken, ist es häufig die Angst davor, große Schmerzen erleiden zu müssen. Oder zweitens die Angst davor, ein Pflegefall zu werden. Und vor allem drittens, die Angst davor, allein zu sein und allein gelassen zu werden. Genau gegen diese Ängste vorzugehen, da scheint mir der Schlüssel zu sein, dass Menschen auch in schwieriger Lage den Mut zum Leben und zum Fertigwerden mit ihrer Situation entdecken.

domradio.de: Gerade an diesem Punkt: Wie könnte da die Kirche helfen, diese Angst zu nehmen?

Losinger: Nicht nur die Kirche, sondern eine ganze Reihe von sozialen Institutionen in unserer Gesellschaft haben wichtige und gute Elemente erarbeitet. Zum Beispiel erstens die Palliativversorgung von Patienten, die mit Schmerzen zu tun haben. Und gerade in den Anhörungen im Bundestag im Bundestag wurde immer wieder deutlich, was gerade auch Ulrich Montgomery (Präsident der Bundesärztekammer, Anm. der Red.) auch letzthin betonte. Der sagte, wenn bei einem Patienten mit einer guten palliativmedizinischen Versorgung die Angst vor Schmerzen genommen wird, tritt in den allermeisten Fällen ein solcher Patient von dem Wunsch des Suizids zurück. Oder zum Beispiel die breite Hospizbewegung. Sie ist doch angetreten, um Menschen in der Situation ihres nahenden Lebensendes einen betreuten, behüteten Freiraum anzubieten. Dass Menschen die vielleicht wichtigste Phase ihres eigenen Lebens, nämlich die ihres Sterbens, in Freiheit und guter Betreuung erleben dürfen. Oder, wenn ich schließlich das Phänomen Angst vor dem Alleinsein anspreche: Es gibt ja nicht selten diese wirklich bestürzenden Berichte, dass vor noch wenigen Jahrzehnten in mancher Klinik das Sterben in der Besenkammer der Fall war. Nein, wenn auch hier die Angst vor dem Alleinsein genommen wird und Menschen bereit sind, mit anderen Menschen diesen Weg des Lebensendes zu gehen, dann denke ich, ist eine Phase der Ermutigung und auch des Wahrnehmens dieser eigenen Lebenssituation gegeben.

domradio.de: Damit wären wir bei ganz praktischen Lösungen, wie man mit dem Thema Lebensende, würdevolles Sterben umgehen kann. Es wird ja auch in der Politik heftig diskutiert. Jetzt hat sich Renate Künast, die Grünen-Politikerin, gemeldet. Sie ist Vorsitzende des Justiz-Ausschusses des Bundestages. Sie wird zitiert mit dem Satz: Wir brauchen mehr Fürsorge und nicht mehr Strafrecht. Freuen Sie sich über so einen Satz?

Losinger: Ich würde es für sehr problematisch halten, wenn der Staatsanwalt bei der ärztlichen Betreuung von Menschen in ihrer Lebenssituation ständig mit am Krankenbett stünde. Das würde auch dem ärztlichen Ethos nicht entsprechen und das würde auch der Situation, in der ein solcher Mensch ist, nicht gerecht werden. Aber dass wir Fürsorge brauchen, ist vollständig klar. Wir dürfen uns nicht von der Illusion verleiten lassen, zu meinen, es sei Aufgabe des Staates, die größtmögliche Autonomie und Selbstbestimmung eines Menschen auf dem Weg in den eigenen Tod zu befördern, sondern ein Staat hat auch Fürsorgepflicht, Menschen beizustehen, dass sie solche Lebenssituationen in einer menschlich angemessenen Weise erleben können und dürfen. Zu dieser Fürsorge, würde ich sagen, gehört auch, dass der Staat eine Umwelt organisiert, in der Menschen das behütete Lebensende für sich selber erleben dürfen und nicht auf Drucksituationen von außen reagieren - und seien es die eigenen Angehörigen und Nachbarn, die einen Menschen dazu bringen, dass er auf der schiefen Ebene abgleitet.

domradio.de: Haben Sie damit auch Hoffnung auf ein Votum der Politik, auf ein Votum des Bundestages für eben mehr Fürsorge, für mehr Sterbebegleitung - in welcher Art auch immer?

Losinger: Auch der Deutsche Ethikrat hat in einer Stellungnahme mit dem Titel "Demenz und Selbstbestimmung", wo vor allem auch die Pflegesituation von dementiell erkrankten Menschen in den Blickpunkt geriet, sehr stark dieses Element der Fürsorgepflicht der Gesellschaft für einzelne Menschen in dieser Situation betont. Nur so können Menschen in Würde und auch in einer angemessenen Umgebung diesen wichtigen Schritt des eigenen Lebensendes in einer betreuten Umgebung gehen. Überall dort, wo Drucksituationen erzeugt werden, dort wird es sehr schwer für Menschen. Nicht zuletzt erleben das nicht wenige Kranke, bei denen auch die eigene Lebensumgebung sogar einen solchen Druck auszuüben in der Lage ist.

Das Gespräch führte Matthias Friebe. Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Weder domradio.de noch das Erzbistum Köln machen sich Äußerungen der Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen zu eigen.

(dr)

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