Entscheidung: Bei der Sterbehilfe ist der Fraktionszwang aufgehoben
Entscheidung: Bei der Sterbehilfe ist der Fraktionszwang aufgehoben
Weihbischof Anton Losinger
Weihbischof Anton Losinger

25.08.2014

Weihbischof Losinger zum Sterbehilfe-Gesetz "Es geht um das humane Antlitz unserer Gesellschaft"

Der Deutsche Bundestag stimmt über einen neuen Gesetzesentwurf zur Sterbehilfe ab. Der Fraktionszwang ist dabei aufgehoben. Der Augsburger Weihbischof Anton Losinger, Mitglied im Deutschen Ethikrat, im domradio.de-Interview.

domradio.de: Herr Weihbischof, die Bundeskanzlerin hat gesagt, sie wünsche sich eine sehr restriktive Regelung jedweder Sterbehilfe. Ich könnte mir vorstellen, Sie stimmen ihr da zu.

Losinger: Voll und ganz stehe ich hinter dieser Position. Ich meine auch, dass es mit dem Gesetzentwurf  zum Verbot der organisierten, aktiven Sterbehilfe im Bundestag um eine Weichenstellung ganz grundsätzlicher Art geht. Nämlich sozusagen um das Kronsilber einer Demokratie und eines Rechtsstaates, wo die Unantastbarkeit der Würde und des Lebensrechts  in jeder Lebensphase garantiert sein muss. Und ich würde sagen, das ist in der Tat ein Charakteristikum eines humanen Antlitzes einer Gesellschaft, dass diese Anspruchssituation auf das Lebensrecht in jeder Phase bestehen bleiben muss - vom ersten Augenblick an, wie wir es bei der Frage der Diskussion um PID hatten, bis hin zu der Frage eines hoffentlich friedlichen Sterbens.

domradio.de: Es gibt natürlich auch die Gegenposition im Bundestag. Renate Künast von den Grünen zum Beispiel, sie befürwortet gemeinnützige Sterbehilfevereine. Haben die, Herr Weihbischof, nicht auch eine Berechtigung, gerade in den Fällen, wo so gar kein Ausweg mehr am Horizont erscheint?

Losinger: Viele derjenigen, die eine solche Lebensendsituation, vielleicht auch unter Schmerzen, vielleicht auch unter der Situation einer demenziellen Erkrankung als nicht erträglich betrachten, sehen darüber hinweg, wie oft die ganz individuelle Lebenssituation und die existenzielle Lage eines Menschen am Lebensende doch noch einmal ganz anders ist. Deshalb hat sich die Kirche auch immer wieder ganz deutlich gegen jede Form der kommerziellen Sterbehilfe geäußert. Ein Geschäft mit dem Tod anderer Menschen darf es nicht geben. Auch wenn man das auslagert, sozusagen in gemeinnützige Vereine, die dann sozusagen als Nonprofit-Unternehmen agieren würden, ist das generelle Problem nicht gelöst, nämlich der unbedingte Schutz des Lebensrechtes auch in einer solchen Situation. Des Weiteren bewegt das natürlich auch die Frage des Handelns der Ärzte. Die Kirche hat sich immer wieder gleichermaßen gegen eine ärztliche Suizidhilfefunktion ausgesprochen und deswegen immer wieder auch gefordert, dass der ärztlich assistierte Suizid verboten bleiben muss.

domradio.de: Das heißt, Sie freuen sich darüber, wenn die Ärzte in ihrer Berufsordnung schreiben: "Wir dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten".

Losinger: Ich bin sehr froh und mit dem Präsidenten der Bundesärztekammer Ulrich Montgomery  komplett einer Meinung, wenn er sagt, dass der Arzt im Krankenhaus ein Heiler,  und nicht ein Vollstrecker ist und dass deswegen in der ärztlichen Berufsordnung, wie auch in dem Bestand des hippokratischen Eides, diese Situation als eine der feststehendsten im ärztlichen Ehrenkodex ist. Ob die Frage des Verbotes des ärztlich assistierten Suizids ins Strafrecht muss oder nicht, ist eine andere Situation. Im Prinzip denke ich, darüber sind wir mit dem in aller breitesten Fläche einig.

domradio.de: Das heißt, wenn ich Sie richtig verstehe, geht es Ihnen nicht  um Sterbehilfe, sondern um Sterbebegleitung  in Palliativ- und Schmerzmedizin. Was sagen Sie Kritikern, die Ihnen dann vorwerfen werden, dass durch Palliativmedizin unter Umständen das Leid sogar verlängert wird?

Losinger: Die palliativmedizinische Versorgung ist einer der ganz großen Errungenschaften im Blick auf den Umgang mit schwierigen Lebensendsituation. Wir haben im Deutschen Ethikrat auch schon einmal gefragt, warum erbitten Menschen für sich aktive Sterbehilfe. Die Antworten waren zwei Angst generierte Phänomene. Nämlich erstens die Angst vor großen Schmerzen und zweitens die Angst vor dem Pflegefall. Gegen beides hätten wir im Sinne auch der Empfehlungen der Kirche und auch im Sinne des Engagements im Sozialbereich, wie wir es immer wieder leisten, zwei gute Antworten. Das erste in der Tat die palliativmedizinische Versorgung, Schmerzmedizin, Ausbildung der Ärzte und Förderung dieses Wissenschaftszweiges, um Menschen diese Angst vor Schmerzen zu nehmen. Und das zweite wäre das Hospiz. Damit Menschen in dieser letzten Phase ihres Lebens, die vielleicht auch die wichtigste für sie persönlich sein kann, in einer behüteten, freien Umgebung liebevoll begleitet werden dürfen. Dass unter Umständen eine erfolgreiche palliative Medizin, eine Schmerzmedizin, vielleicht sogar eine lebensverlängernde Wirkung haben kann, weil der Schmerzdruck von einem solchen Menschen physiologisch genommen werden kann - das ist in der Tat eine interessante medizinische These, die noch nicht geklärt ist. Unter Umständen ist es aber auch so, dass Schmerzmeditation eine mögliche lebensverkürzende Wirkung auf einen Patienten haben kann. Auch dieses ist im Sinne der Ethik der Kirche erlaubt und richtig.

domradio.de: Es dauert noch ein bisschen bis im Bundestag das Gesetz zur aktiven Sterbehilfe abgestimmt wird. Was glauben Sie, wie wird der Bundestag entscheiden? Zurzeit sieht es ja so aus, als wären die Abgeordneten quer durch die Fraktionen sich uneinig.

Losinger: Ich denke, dass es wahrscheinlich wohl mehrere Gruppenanträge geben wird. Ich denke, dass auch eine gewisse innere Betroffenheit von Menschen, die andere Menschen in einer Schmerzsituation sehen, bei manchem der Abgeordneten vorherrschen wird. Ich würde mich einer ganz klaren Empfehlung anschließen, die auch  dem entspricht, was die Bundeskanzlerin mit der restriktiven Haltung fordert und was auch der Gröhe-Entwurf beinhalten. Eine Gesellschaft zeigt ihr wahres humanes Antlitz immer daran, wie sie mit den Schwächsten in ihrer Mitte umgeht. Das trifft für mich in ganz besonderer Weise auf Menschen in einer solchen Lebensendsituation zu, mit palliativer Versorgung. Ich würde dem Bundestag in aller Deutlichkeit raten, sich zu diesem humanen, menschenliebenden Prinzip zu bekennen.

Das Gespräch führte Matthias Friebe.

(dr)

Ethik und Moral

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