Der Augsburger Weihbischof Anton Losinger
Der Augsburger Weihbischof Anton Losinger

Anton Losinger ist Weihbischof und Dompropst im Bistum Augsburg und Mitglied des Deutschen Ethikrates.

28.01.2014

Weihbischof Losinger präzisiert Forderungen nach Verbot von Sterbehilfe "Hilfe zum Leben statt Hilfe zum Suizid"

Die Kirche sollte Menschen stärker die Angst vor dem Sterben nehmen, fordert Weihbischof Losinger. Im domradio.de-Interview begrüßt das Ethikrats-Mitglied die Regierungspläne zum Verbot der Suizidbeihilfe.

domradio.de: Herr Weihbischof, wie beurteilen Sie die neue parlamentarische Initiative zum Thema Selbsttötung?

Weihbischof Losinger: Wir haben auch aufgrund erschreckender Umfrageergebnisse eine Situation, in der Menschen für sich in der Sterbehilfe eine Lösung für ihr eigenes Lebensende sehen. Das ist in nicht wenigen Fällen eine sehr angstgetriebene Situation. Und hier ist in der Tat der Vorstoß von Gesundheitsminister Gröhe positiv zu bewerten, gewerbliche und organisierte Sterbehilfe zu verbieten. Denn die Rechtslage in Deutschland ist ja so, dass die Suizidbegleitung zunächst nicht strafbar ist, sondern nur Tötung auf Verlangen strafbar ist. Die Bundesregierung mit dieser Initiative und die deutsche Bischofskonferenz sind sich einig, dass jegliche organisierte Beihilfe zur Selbsttötung und insgesamt aktive Sterbehilfe verboten werden sollten.

domradio.de: Die Deutschen würden aber mehrheitlich die Möglichkeit einer aktiven Sterbehilfe begrüßen, müsste da nicht die Politik reagieren und sie erlauben?

Weihbischof Losinger: Wir müssen die Hintergründe einer solchen Umfrage genau beleuchten, denn wir müssen erkennen, dass Menschen in dieser letzten Phase ihres Lebens in nicht wenigen Fällen angstgeleitet argumentieren. Im deutschen Ethikrat hatten wir einmal die Frage gestellt, warum Menschen für sich aktive Sterbehilfe erbitten. Die Antworten waren: Angst vor großen Schmerzen und Angst davor, einsam und ein Pflegefall zu werden. Gegen beides hätten wir als Kirche hervorragende Angebote, und deswegen wirbt die katholische Kirche sehr stark für Hilfsangebote für Menschen in dieser Lage.

Es braucht eine palliativmedizinische Versorgung: den Menschen muss die Angst vor großen Schmerzen genommen werden. Und wir müssen darüber informieren, dass die palliativmedizinische Forschung in diesem Bereich heute sehr viel tun kann. Und das Angebot an Hospizen muss gestärkt werden in unserer Gesellschaft. Wir müssen Menschen in dieser letzten Lebensphase einen freiheitlichen, behüteten und begleiteten Raum anbieten, in dem sie die vielleicht wichtigste Phase ihres Lebens auch leben dürfen.

domradio.de: Wie kann die Kirche ganz konkret vor Ort helfen?

Weihbischof Losinger: Die Kirche ist sehr stark involviert mit Krankenhäusern, Institutionen und der Beratung, gerade im Bereich Hospiz und palliative Versorgung. Darüber hinaus muss die Kirche auch sehr stark bewusstseinsbildend tätig werden gegenüber den Betreibern einer Kultur des Todes, die hinter einer aktiven Sterbehilfe steckt.

Es sind drei Elemente, die auch im Blick auf diese Gesetzesinitiative bedacht werden müssen: Erstens sind wir sind gegen jede Form kommerzieller Sterbehilfe-Angebote. Zweitens sind wir auch gegen den ärztlich assistierten Suizid, denn der Arzt im Krankenhaus darf nicht vom Helfer zum Vollstrecker mutieren. In dieser Sache sind wir uns mit der Ärztekammer absolut einig. Und drittens müssen wir jegliche aktive Sterbehilfe verhindern und verbieten. Gleichzeitig müssen wir aber dabei den Menschen klar machen, dass jeder Mensch ein natürliches Recht darauf hat, auch sterben zu dürfen. Gerade dort, wo ein Lebensbogen sich dem Ende zuneigt, müssen Menschen nicht mit der Angst leben, dass sie künstlich über alle Maßen hinaus am Leben erhalten werden. Die Vorstellung eines Lebens an Schläuchen macht den Menschen nicht selten Angst macht. Deshalb votiere ich dafür, dass die Kirche sich auch darum kümmern muss, dass in einer solchen zum Teil angstbesetzten Situation Menschen gestützt und beraten werden. Wir brauchen also nicht eine Hilfe zum Suizid, sondern eine Hilfe zum Leben.

domradio.de: Die Große Koalition will da nun tätig werden. Haben Sie das Gefühl, dass unter der neuen Regierung etwas mehr auf die Stimme der Kirche gehört wird in ethischen Fragen?

Weihbischof Losinger: Das ist nicht allein die Frage der Kirche und ihrer Stimme, sondern auch der Sensibilitäten der Menschen. Wir sehen eine demographische Struktur unseres Landes, in der immer mehr Menschen älter werden, sich mit dieser Frage auch in ihrer Patientenverfügung beschäftigen und äußern. Deshalb erkennt die Bundesregierung in der Tat, das dies eine kommende Frage ist. Neben dem alten Leutheusser-Schnarrenberger-Entwurf, der ja ausschließlich die gewinnorientierte Sterbehilfe sanktionieren wollte, ist der jetzige Entwurf einer breiten Ächtung jeglicher organisierter Beihilfe zum Suizid sehr viel besser und weitergehend.

Aber selbst wenn es im Bundestag zu einer Abstimmung kommt unter Aufhebung des imperativen Mandats, also mit Bezug auf das Gewissen eines jeden einzelnen Abgeordneten, dann muss auch hier klar sein, dass aktive Sterbehilfe in diesem Sinne nicht denkbar ist. Ich hielte es für ein äußerstes Problem, wenn ein Abgeordneter unter Berufung auf sein Gewissen über das Lebensrecht eines anderen Menschen entscheiden würde.

Das Interview führte Mathias Peter.

(dr)

Ethik und Moral

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