Erzbischof Koch mit Flüchtlingen im Zentrum für Migranten, Lesben und Schwule
Erzbischof Koch mit Flüchtlingen im Zentrum für Migranten, Lesben und Schwule

15.01.2016

Erzbischof Koch will sich für homosexuelle Flüchtlinge engagieren In Sicherheit und Freiheit

Berlins Erzbischof Heiner Koch hat sich mit homosexuellen Flüchtlingen getroffen und will sich für sie einsetzen. Welche diskriminierenden Erfahrungen sie auch in Deutschland gemacht haben, habe ihn erschüttert, so der Erzbischof bei domradio.de.

domradio.de: Schwule, Lesben und Transsexuelle, die aus ihrer Heimat geflohen sind: Was haben Sie von denen gestern gehört?

Erzbischof Heiner Koch (Erzbistum Berlin): Ich hab vor allem Menschen erlebt, die eine doppelte Not und Angst haben. Es ist zunächst die Flüchtlingsgeschichte. Die überwiegende Zahl der Menschen, die ich gestern getroffen habe, kam aus Syrien. Was sie über die Situation dort, über die unmenschlichen Verhältnisse, den Terror und die Aussichtslosigkeit, beschrieben haben, war dramatisch.

Hinzu kommt zweitens, dass sie vor allem wegen ihrer sexuellen Prägung geflohen sind. Sie konnten dort nicht mehr in Freiheit leben. Das Wort Freiheit ist gestern so oft gefallen wie selten in Diskussionen, die ich erlebt habe. Sie hoffen, hier in einem Land zu leben, dass ihnen Freiheit auch in sexueller Hinsicht ermöglicht. Dabei ging es gar nicht um die Frage der praktizierten Sexualität, sondern darum, ob man mit seinem Menschsein angenommen wird.

Erschütternd war schon, wie sehr sie in dieser Frage enttäuscht sind. Welche Erfahrungen sie gesammelt haben, dass sie in ihrer sexuellen Prägung abgelehnt worden sind.

domradio.de: Und das in Deutschland?

Erzbischof Koch: Ja,  in Deutschland. Und zwar sehr unterschiedlich. Sie haben sich sehr kritisch geäußert über das Verhalten der Sicherheitsleute bei ihrer Registrierung. Auch über die Unfähigkeit, mit ihrer persönlichen Situation umzugehen. 

Aber es ist natürlich auch die Ablehnung und Diskriminierung, die sie von Mitflüchtlingen erfahren, die für sie überhaupt kein Verständnis haben und sie manchmal sogar als Abschaum behandeln - so haben es die Flüchtlinge selbst bezeichnet. 

domradio.de: Respektlosigkeit, Ablehnung oder sogar Gewaltandrohungen: Wie kann man die gleichgeschlechtlich orientierten Flüchtlinge vor diesen Situationen schützen?

Erzbischof Koch: Wir brauchen besondere Ansprechpartner, an die sie sich wenden können - wie das Zentrum für Migranten, Lesben und Schwule. Zentren, von denen sie wissen, dass sie dort eine Sicherheit erfahren, dass sie angenommen sind und gehört werden. Wir müssen das Thema aber auch in unseren politischen Gesprächen zum Thema machen. Diese Gruppe muss wahrgenommen und begleitet werden.

Vor allem brauchen sie aber Menschen, die ihnen zuhören. Das ist natürlich auch eine Frage an uns als Kirche. Heute Vormittag bin ich beim Caritasverband unseres Bistums. Wir werden uns fragen, wie wir den Erwartungen der Menschen entsprechen können. Es war für mich schon sehr bewegend, wie sie sich gestern bei der Kirche und der Caritas für die besondere Wertschätzung bedankt haben. Das war schon großartig, dass sie im Bereich der Kirche keine negativen Erfahrungen gemacht haben. Es war auch schön, dass sie das vor dem Lesben- und Schwulenverband gesagt haben, weil die Beziehungen zwischen der Kirche und dem Verband nicht ganz einfach sind.

domradio.de: Spätestens seit der Familiensynode wissen wir, dass Schwule und Lesben auch in der katholischen Kirche einen festen Platz haben. Was kann denn die Kirche aktiv tun für Homosexuelle und Transgender unter den Flüchtlingen?

Erzbischof Koch: Ich werde mit dem Caritasverband in Berlin schauen, was wir da tun können und tun müssen. Als Institution werden wir auf jeden Fall Menschen in den Institutionen, die wir verantworten, schulen. Wir müssen sie schlicht und ergreifend sensibilisieren. Mir scheint aber genauso wichtig sein, dass wir in unseren Gemeinden Menschen finden, die diese Flüchtlinge mit ihrer sexuellen Prägung herzlich annehmen. Menschen, bei denen sie sich wohlfühlen. Das Dritte ist natürlich die mittelfristige und langfristige Integration.

Das Interview führte Daniel Hauser.

(dr)

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