Kirchenbänke leeren sich
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18.05.2015

Soziologe: Individualisierung macht es Kirche schwer Auf schleichendem Rückzug

Gegen die Moderne kommt die Kirche oft nicht an: Dass Religion langsam, aber sicher an Bedeutung verliert, sei kaum aufzuhalten, sagt der Religionssoziologe Detlef Pollack. Dabei haben die Menschen oft nichts gegen Kirche.

domradio.de: Was ist Ihr Fazit: Je moderner eine Gesellschaft, desto unwichtiger wird die Religion? Kann man das so sagen?

Prof. Detlef Pollack: So eindeutig kann man das nicht sagen, es gibt da keinen zwangsläufigen Zusammenhang, eher einen Wahrscheinlichkeitszusammenhang. Der besagt, dass moderne Gesellschaften sehr vielfältig sind, sehr viele Angebote in Freizeit, Beruf, Familie, etc. bereithalten und dass die Menschen, wenn sie diese Angebote wahrnehmen und daran Interesse zeigen, zunehmend von religiösen Fragen abgezogen werden und von der Beteiligung an religiösen Veranstaltungen. Die Moderne ist eine attraktive Alternative zu vielen religiösen Gemeinschafsformen.

domradio.de: Hängt die Religiosität der Mitglieder einer Gesellschaft eher von persönlichen Erlebnissen und Entscheidungen ab - oder eher von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen?

Pollack: Sowohl als auch. Menschen sind vor allen getrieben von dem, was sie persönlich erfahren haben, was ihnen wichtig ist, und welche religiösen Erlebnisse sie möglicherweise gehabt haben. Zugleich gibt es auch gewisse gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die diese Erlebnisse und Erfahrungen begünstigen, und die drücken sich durch gewisse Regelmäßigkeiten und Muster aus: Wenn Menschen z.B. höher gebildet sind, neigen sie oft eher dazu, sich kirchlich zu engagieren. Deshalb sind die sozialen Umstände auch mitverantwortlich für religiöse Bindungen.

domradio.de: Was sind denn Faktoren, die Religiosität in einer Gesellschaft fördern?

Pollack: Religion wird sehr stark gefördert, wenn sich religiöse Identitäten mit nicht religiösen Interessen verbinden. Wenn z.B. zunächst säkulare Erziehungsaufgaben in religiöser Verantwortung wahrgenommen werden oder wenn sich bestimmte politische Interessen mit religiösen Identitäten verbinden. Religion ist auch eine Möglichkeit in der Gesellschaft Anerkennung zu finden. Immer dann, wenn Religion also anknüpft an diese gesellschaftlichen, sozialen, politischen oder wirtschaftlichen Interessen, dann ist sie auch in der Lage, die Menschen zu bewegen.

domradio.de: Was hingegen macht´s der Religion eher schwer?

Pollack: Wenn Sie isoliert ist. Für Religionsgemeinschaften ist es in der Moderne schwer, mit den Ansprüchen des einzelnen Individuums auf Selbstbestimmung umzugehen. Die Religionsgemeinschaften wollen die Menschen ja in eine bestimmte Richtung beeinflussen, sie wollen Lehren verkünden, und dass die Menschen an bestimmten Riten teilnehmen. Viele Menschen fühlen sich da eher bevormundet und bestehen auf ihrer Entscheidungsfreiheit. Die Individualisierung also macht es Religionsgemeinschaften schwer.

domradio.de: Sie kommen in Ihrer Studie zu dem Schluss, dass sich der Rückzug des Religiösen in unseren westlichen Gesellschaften schleichend vollzieht - wie äußert sich das?

Pollack: Schleichend, weil die Moderne die Religion nicht unbedingt komplett in Frage stellt, sondern viele interessante und attraktive Versuchungen bereitstellt, die die Menschen von der Aufmerksamkeit auf religiöse Fragen abziehen. Die Aufmerksamkeitsverschiebung vom Religiösen zum Säkularen hat die Konsequenz, dass sich die Menschen schleichend von der Religion abwenden, auch wenn sie sie gar nicht prinzipiell in Frage stellen.

domradio.de: Wenn sich Menschen von den Kirchen abwenden, weil die ihnen gleichgültig geworden sind - welchen Handlungsspielraum haben da in Ihren Augen die Kirchen? Können die überhaupt etwas tun, um diesen Trend zu stoppen - oder wenigstens zu verlangsamen?

Pollack: Das versuchen sie ja seit Jahrzehnten mit durchaus guten Methoden. Sie sind viel liberaler, dialogischer und weltoffener geworden, sie gehen auf die Menschen zu. Aber es hat nicht viel gefruchtet. Auch das Bild der Kirche hat sich nicht stark verändert. Die Kirchen sind den oben genannten Prozessen der Individualisierung relativ hilflos ausgeliefert. Das schließt nicht aus, dass sie an bestimmen Stellen doch vieles tun können, z.B. aktuell in der Flüchtlingsfrage. Diakonische und caritative Aufgaben wahrnehmen. In dem Maße, in dem sich Religion als gesellschaftlich relevant in der Lage ist anzubieten, werden auch die Kirchen wahrgenommen und können die Kirchen auch etwas tun.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(dr, dpa)

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