Der Papst am Rande seiner Weihnachtsansprache mit Kardinälen
Der Papst am Rande seiner Weihnachtsansprache mit Kardinälen

21.12.2015

Franziskus' Weihnachtsansprache 2015 im Wortlaut Der "Katalog der notwendigen Tugenden"

Papst Franziskus erinnerte die römische Kurie am Montag in seiner traditionellen Weihnachtsansprache an ihre Vorbildfunktion. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) dokumentiert Auszüge der Rede in einer Übersetzung von Radio Vatikan.

Liebe Brüder und Schwestern,

mit Freude spreche ich euch meine herzlichsten Glückwünsche für ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein frohes neues Jahr aus (...). Euch allen und euren Angehörigen gelten mein Gedenken und mein Dank.

(...) Im vergangenen Jahr haben wir uns in Vorbereitung auf das Sakrament der Versöhnung mit einigen Versuchungen und Krankheiten auseinandergesetzt - dem "Katalog der Kurienkrankheiten" - die jeden Christen, jede Kurie, Gemeinschaft, Kongregation, Pfarrei und kirchliche Bewegung befallen könnten. Krankheiten, die Vorbeugung, Überwachung, Pflege und in einigen Fällen leider schmerzhafte und langwierige Eingriffe erfordern. Einige dieser Krankheiten sind im Laufe dieses Jahres aufgetreten. Sie haben dem gesamten Leib nicht unerhebliche Schmerzen zugefügt und viele Menschen innerlich verletzt. Ich halte es für meine Pflicht zu bekräftigen, dass dies ein Anlass zu aufrichtigen Überlegungen und entscheidenden Maßnahmen war und weiter sein wird. Die Reform wird mit Entschlossenheit, klarem Verstand und Tatkraft fortgeführt werden, denn: "Ecclesia semper reformanda" (die Kirche ist stets zu erneuern).

Dennoch können die Krankheiten und sogar die Skandale nicht die Effizienz der Dienste überdecken, die die Römische Kurie mühevoll mit Verantwortung, Engagement und Hingabe für den Papst und die ganze Kirche leistet, und das ist ein wirklicher Trost. (...) Es wäre eine große Ungerechtigkeit gegenüber all den anständigen und gewissenhaften Personen, die in der Kurie mit uneingeschränktem Einsatz, mit Ergebenheit, Treue und Professionalität arbeiten, nicht einen tief empfundenen Dank und eine gebührende Ermutigung zum Ausdruck zu bringen. (...) Überdies sind die Widerstände, die Mühen und das Fallen der Menschen und der Amtsträger auch Lektionen und Chancen zum Wachsen und niemals Anlass zur Entmutigung. (...).

(...) Im Kontext des Jahres der Barmherzigkeit und der Vorbereitung auf Weihnachten, das bereits vor der Tür steht, möchte ich euch also ein praktisches Hilfsmittel anbieten, um diese Zeit der Gnade fruchtbringend zu leben. Es handelt sich um einen unerschöpflichen "Katalog der notwendigen Tugenden" für die, die in der Kurie Dienst tun, und für alle, die ihre Weihe oder ihre Arbeit für die Kirche fruchtbar machen wollen. (...)

1. Missionsgeist und pastorale Grundhaltung

Der Missionsgeist ist das, was die Kurie schöpferisch und fruchtbar macht und dies auch in Erscheinung treten lässt; er ist der Beweis für die Wirksamkeit, die Effizienz und die Echtheit unseres Schaffens. (...) Jeder Getaufte ist Missionar der Frohen Botschaft (...). Die gesunde pastorale Grundhaltung ist eine unentbehrliche Tugend vor allem für jeden Priester. Sie ist das tägliche Bemühen, dem Guten Hirten zu folgen, der sich um seine Schafe kümmert und sein Leben hingibt, um das Leben der anderen zu retten. (...)

2. Eignung und Scharfsinn

Die Eignung verlangt die persönliche Anstrengung, die notwendigen und geforderten Voraussetzungen zu erwerben, um die eigenen Aufgaben und Tätigkeiten bestmöglich auszuführen, mit Verstand und Intuition. Sie steht gegen Empfehlungsschreiben und Bestechungsgelder. Der Scharfsinn ist die Geistesgegenwart, um die Situationen zu verstehen und mit Weisheit und Kreativität in Angriff zu nehmen. (...)

3. Spiritualität und Menschlichkeit

Die Spiritualität ist das Rückgrat jeglichen Dienstes in der Kirche und im christlichen Leben. Sie ist das, was all unser Wirken nährt (...). Die Menschlichkeit ist das, was die Wahrhaftigkeit unseres Glaubens verkörpert. Wer seine Menschlichkeit aufgibt, der gibt alles auf. Die Menschlichkeit ist das, was uns von den Maschinen und den Robotern unterscheidet, die nichts empfinden und sich nicht innerlich anrühren lassen. Wenn es uns schwer fällt, ernstlich zu weinen oder herzlich zu lachen, dann hat unser Niedergang und der Prozess unserer Verwandlung von einem «Menschen» in etwas anderes begonnen. (...)

4. Vorbildlichkeit und Treue

Der selige Papst Paul VI. erinnerte die Römische Kurie an «ihre Berufung zur Vorbildlichkeit» - Vorbildlichkeit, um die Skandale zu vermeiden, die die Menschen innerlich verletzen und die Glaubwürdigkeit unseres Zeugnisses bedrohen. Treue gegenüber unserer Weihe, gegenüber unserer Berufung.(...)

5. Vernünftigkeit und Liebenswürdigkeit

Die Vernünftigkeit dient dazu, übermäßige Gefühlsbetontheit zu vermeiden, und die Liebenswürdigkeit dazu, Übertreibungen in der Bürokratie sowie beim Erstellen von Programmen und Plänen zu vermeiden. (...). Jede Übertreibung ist ein Zeichen irgendeiner Unausgeglichenheit.

6. Wohlwollende Besonnenheit und Entschiedenheit

Die wohlwollende Besonnenheit macht uns vorsichtig im Urteil und fähig, uns impulsiver und übereilter Handlungen zu enthalten. Es ist die Fähigkeit, durch achtsames und verständnisvolles Handeln dem Besten, das in uns, in den anderen und in den Situationen liegt, zum Durchbruch zu verhelfen. (...) Die Entschiedenheit ist das Handeln mit zielbewusstem Willen, einer klaren Perspektive und dem Gehorsam gegenüber Gott (...).

7. Liebe und Wahrheit

Liebe und Wahrheit sind zwei untrennbar verbundene Tugenden des christlichen Lebens: die Wahrheit in Liebe tun und die Liebe in der Wahrheit leben (...) Die Liebe ohne Wahrheit wird nämlich zur Ideologie des destruktiven "Alles-Gutheißens", und die Wahrheit ohne Liebe zur blinden "Buchstaben-Justiz".

8. Ehrlichkeit und Reife

Ehrlichkeit ist die Rechtschaffenheit, die Stimmigkeit und das Handeln in absoluter Aufrichtigkeit gegenüber uns selbst und gegenüber Gott. Wer ehrlich ist, handelt redlich nicht nur unter dem Blick des Aufsehers oder des Vorgesetzten; der Ehrliche fürchtet nicht, überrascht zu werden, denn er hintergeht niemals den, der ihm vertraut. (...) Reife ist das Bemühen, zur Harmonie zwischen unseren physischen, psychischen und spirituellen Fähigkeiten zu gelangen. Sie ist das Ziel und das Ergebnis eines Entwicklungsprozesses, der nie endet und der nicht von unserem Alter abhängt.

9. Achtung und Demut

Die Achtung ist die Gabe edler und feinfühliger Seelen; sie ist den Menschen eigen, die sich stets um eine rechte Berücksichtigung der anderen, der eigenen Rolle, der Vorgesetzten und der Untergebenen, der Akten und der Dokumente, der Schweigepflicht und der Vertraulichkeit bemühen; Menschen, die verstehen, aufmerksam zuzuhören und höflich zu sprechen. Die Demut ist hingegen die Tugend der Heiligen und der von Gott erfüllten Menschen: Je mehr sie an Bedeutung gewinnen, umso stärker wird in ihnen das Bewusstsein, dass sie nichts sind und ohne die Gnade Gottes nichts tun können (...).

10. Großherzigkeit und Aufmerksamkeit

Je mehr wir auf Gott und seine Vorsehung vertrauen, desto großherziger und freigiebiger sind wir, da wir wissen: Je mehr man gibt, desto mehr empfängt man. In der Tat ist es nutzlos, alle Heiligen Pforten sämtlicher Basiliken der Welt zu öffnen, wenn die Tür unseres Herzens für die Liebe verschlossen ist, wenn unsere Hände sich dem Geben verschließen, wenn unsere Häuser der Gastfreundschaft verschlossen sind und wenn unsere Kirchen sich der Aufnahme verschließen. Aufmerksamkeit bedeutet, auf die Details zu achten, unser Bestes zu geben und in Bezug auf unsere Laster und Verfehlungen niemals die Zügel schleifen zu lassen. (...)

11. Unerschrockenheit und Regsamkeit

Unerschrocken zu sein bedeutet, sich (...) angesichts von Schwierigkeiten nicht ängstigen zu lassen; es bedeutet, wagemutig und entschlossen und ohne Lauheit zu handeln (...). Die Regsamkeit ist dagegen die Fähigkeit, mit innerer Freiheit und Beweglichkeit zu handeln, ohne sich an die materiellen Dinge zu klammern, die vergänglich sind. (...) Regsam sein bedeutet, immer unterwegs zu sein, ohne sich jemals dadurch zu belasten, dass man unnötige Dinge anhäuft und (...) ohne sich von der Geltungssucht beherrschen zu lassen.

12. Vertrauenswürdigkeit und Nüchternheit

Vertrauenswürdig ist derjenige, der seine Pflichten ernsthaft und zuverlässig einzuhalten weiß, wenn er beobachtet wird, vor allem aber, wenn er allein ist; derjenige, der in seiner Umgebung ein Gefühl der Ruhe verbreitet, weil er niemals das Vertrauen enttäuscht, das ihm geschenkt wurde. Die Nüchternheit (...) ist die Fähigkeit, auf Überflüssiges zu verzichten und der herrschenden Konsum-Mentalität zu widerstehen. (...) Nüchternheit bedeutet, die Welt mit den Augen Gottes zu betrachten - mit dem Blick der Armen und auf der Seite der Armen. (...)

Um das zu begreifen, wollen wir uns von dem wunderschönen Gebet innerlich anrühren lassen, das dem seligen Oscar Arnulfo Romero zugeschrieben wird, jedoch erstmalig von Kardinal John Dearden gesprochen wurde:

"Ab und zu hilft es uns, einen Schritt zurückzutreten und aus der Ferne zu schauen. Das Reich liegt nicht nur jenseits unserer Bemühungen, sondern auch jenseits unserer Horizonte. In unserem Leben gelingt es uns nur, einen kleinen Teil zu vollbringen von jenem wunderbaren Unterfangen, das das Werk Gottes ist.

Nichts von dem, was wir tun, ist vollständig. Das besagt, dass das Reich weit über uns selbst hinausgeht. Keine Aussage drückt all das aus, was gesagt werden kann. Kein Gebet gibt den Glauben vollständig wieder. Kein Credo führt zur Vollkommenheit. Kein Pastoralbesuch bringt alle Lösungen mit sich. Kein Programm erfüllt voll und ganz die Sendung der Kirche. Keine Zielsetzung erreicht ihre vollständige Verwirklichung.

Es geht um dies: Wir streuen Samen aus, die eines Tages aufgehen werden. Wir begießen bereits ausgesäte Samen und wissen, dass andere sie pflegen werden. Wir legen den Grund für etwas, das sich entwickeln wird. Wir bringen den Sauerteig ein, der unsere Fähigkeiten vervielfachen wird. Wir können nicht alles tun, doch es zu beginnen schenkt ein Gefühl der Befreiung.

Es gibt uns die Kraft, etwas zu tun, und es gut zu tun. Es kann unvollendet bleiben, doch es ist ein Anfang, ein Schritt auf einem Weg. Eine Chance, dass die Gnade Gottes eintritt und den Rest tut. Mag sein, dass wir nie seine Vollendung sehen, doch das ist der Unterschied zwischen dem Baumeister und dem Handlanger. Wir sind Handlanger, nicht Baumeister, Diener, nicht Messias. Wir sind Propheten einer Zukunft, die uns nicht gehört."

(KNA)

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