Uri Avnery
Uri Avnery
Gedenken an 20. Todestag von Jitzhak Rabin
Gedenken an 20. Todestag von Jitzhak Rabin

02.11.2015

Uri Avnery zur Lage Israels 20 Jahre nach der Ermordung Rabins "Frieden ist ein Schimpfwort geworden"

Wäre der damalige Ministerpräsident Jitzhak Rabin nicht ermordet worden, gäbe es heute Frieden in Israel, meint der israelische Publizist und Friedensaktivist Uri Avnery. Stattdessen sei Frieden 20 Jahre nach Rabins Tod ein Schimpfwort.

Jitzchak Rabin war Verteidigungsminister und Ministerpräsident Israels. Über Jahre hinweg war Rabin einer der wichtigsten Entscheidungsträger in außen- und sicherheitspolitischen Fragen des Staates Israel. Das Amt des Ministerpräsidenten hatte er zweimal inne, erstmals von 1974 bis 1977 und nochmals von 1992 bis zu seiner Ermordung am 4. November im Jahre 1995. 1994 erhielt Rabin gemeinsam mit seinem damaligen Außenminister Schimon Peres und dem damaligen Chef der Palästinensischen Autonomiebehörde, Jassir Arafat, den Friedensnobelpreis.

Der 92-jährige Uri Avnery ist ein israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist. Er war in drei Legislaturperioden Parlamentsabgeordneter in der Knesset.

KNA: Herr Avnery, wäre Rabin nicht ermordet worden...

Uri Avnery: ... dann wäre wahrscheinlich auch Jassir Arafat nicht ermordet worden, und beide hätten wahrscheinlich Frieden geschlossen.

KNA: Wie sehen Sie stattdessen die Lage im heutigen Israel?

Avnery: Äußerst schlimm und von Tag zu Tag schlimmer! Wir haben diesen Gaukler Benjamin Netanjahu, der genau das Gegenteil will von dem, was Rabin wollte. Rabin ist zu dem Schluss gekommen, dass wir Frieden brauchen und dass Frieden möglich ist. Der Mann, den wir heute haben, will keinen Frieden. Er sieht den Frieden als Gefahr, und darum entfernen wir uns davon - Tag für Tag.

KNA: Sie vertraten die Idee, dass es eine hebräische Nation geben müsse statt einer jüdischen.

Avnery: Was sich hier im Land entwickelt hat ab den 1920er, 30er Jahren, war ganz klar eine neue Nation innerhalb des jüdischen Volkes, geboren aus den geopolitischen Umständen. Es ist lächerlich zu glauben, dass eine neue Gemeinschaft, territorial gegründet, mit einer erneuerten Sprache, in einem ganz anderen politischen Raum dasselbe sein kann wie eine in aller Welt zerstreute religiöse Gemeinde ohne geopolitische Interessen, verbunden durch religiöse Tradition. Das ist wie ein Löwe und eine Gazelle: Wenn die Gazelle bedroht ist, flieht sie. Der Löwe steht und kämpft. Beide Wege haben sich bewährt, aber sie sind verschieden. Rabin war für mich ein Prachtexemplar dieser neuen Nation.

KNA: Der späte Rabin?

Avnery: Rabin hat sich nicht verändert. Er war ein anständiger Typ und geistig autark. Wenn er mit einem Problem konfrontiert war, analysierte er es und fand die logische Antwort. Er war kein Mann, den man beeinflussen konnte, leider. Es hätte mir großes Vergnügen bereitet, wenn ich mir sagen könnte, ich hätte ihn beeinflusst, Ich glaube aber, dass er Schritt für Schritt selbst mit 70 Jahren zu dem Ergebnis gekommen ist, zu dem er kam. So kam Oslo zustande.

KNA: Oslo ist mit Rabin gescheitert.

Avnery: Oslo war ein historischer Durchbruch: Krieg mit den Palästinensern hatten wir vom ersten Tag an, als die Zionisten ankamen. Das umzudrehen, war gewaltig. Nur: Wenn man eine Schlacht gewinnt, fängt die Aufgabe erst an. Diese Idee war Rabin fremd. Er war ein Mann ohne Fantasie, ein taktischer General, der jeden Schritt gut vorbereitet. Es war die falsche Taktik in diesem historischen Moment. Rabin hat die Gelegenheit versäumt. Wenn man die Front durchbricht und stehen bleibt, gibt man dem Feind Zeit, eine neue Front zu bilden. Genau das ist passiert: Die Rechten haben eine neue Front gebildet; die Hetze gegen den Frieden, gegen Rabin, wurde von Tag zu Tag stärker - bis zu jenem unglückseligen Abend des 4. November.

KNA: Der Abend, an dem der Friedensprozess ermordet wurde?

Avnery: Eindeutig! Es gab keinen zweiten Rabin. Alles, was er vertreten hat, ist zerbrochen. Die Werte des Staates heute hätte Rabin von Grund auf abgelehnt. Die Weltanschauung der heutigen Herrscher Israels ist: Territorium ist wichtiger als Frieden. Frieden ist beinahe ein Schimpfwort geworden. Selbst Friedensanhänger benutzen es nicht mehr, sie sprechen über ein politisches Endabkommen. Frieden wird heute von der Mehrheit in Israel als eine Gefahr betrachtet.

KNA: Gäbe es nicht mit Reuven Rivlin wieder eine Person, die für Frieden ansprechbar ist?

Avnery: Ganz im Gegenteil. Rivlin ist extrem rechts. Er ist für die Annexion der besetzten Gebiete, mit allen Rechten für die Araber und einer großen Freundschaft für sie, aber ohne Staat Palästina. Rivlin ist ein sehr sympathischer Kerl, aber er denkt gar nicht an einen Frieden, der bedeutet, dass wir Gebiete abgeben.

KNA: Ist denn eine Einstaatenlösung endgültig vom Tisch?

Avnery: Die Einstaatenlösung haben wir ja schon. Aber auch unter der optimistischsten Vorstellung: Das wäre ein Staat eines ständigen Bürgerkriegs - das Gegenteil von Frieden. Können Sie sich vorstellen, dass zwei Völker nach einem Krieg von 150 Jahren, mit zwei verschiedenen Sprachen, zwei verschiedenen Religionen, zwei verschiedenen Vergangenheiten plötzlich im selben Staat zusammenleben?

KNA: Was dann?

Avnery: Ich bin für eine Vereinigung, für eine Föderation von Israel und Palästina, für eine Konföderation im Nahen Osten überhaupt, basierend auf Eigenstaaten, wie die EU. Ich nannte sie vor 50 Jahren "semitische Union".

KNA: Werden Sie die ersten Schritte in diese Richtung noch erleben?

Avnery: Meine Memoiren sind unter dem Titel herausgekommen: Optimistisch. Heute sieht es so schlimm aus wie nie. Aber es wird passieren. Aus einem einzigen Grund: weil es keine andere Lösung gibt. Es ist nicht die beste Lösung - es ist die einzige.

Das Interview führte Andrea Krogmann

(KNA)

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