14.02.2013

Theologe Hagencord: Fleisch essen ist keine Privatsache "Keine seelenlosen Automaten"

Vor einem gedankenlosen Fleischkonsum warnt der Theologe Rainer Hagencord. Damit unterstütze man das System der industriellen Tierhaltung. Im domradio.de-Interview blickt er auf den aktuellen Pferdefleisch-Skandal.

domradio.de: Wie sehen Sie diesen Skandal?

Rainer Hagencord: Ich sehe das mit verschiedenen Brillen. Als erstes setze ich mir die Brille des Tieres auf, also dieses Pferdes. Das Schicksal der Tiere, die hier in irgendwelchen Produkten landen, wird kaum in den Blick genommen. Wir wissen inzwischen, dass die Pferde oftmals kilometerlang durch Europa gekarrt werden, um irgendwo geschlachtet zu werden und das Fleisch wird dann wiederrum irgendwo anders hingetragen. Das ist die Brille der Globalisierung: der Fleischmarkt. Die Erzeugung des Fleisches wird immer undurchsichtiger, wo wird was geschlachtet und was wird wohin transportiert und dann wundert es auch nicht, dass plötzlich Pferdefleisch auftaucht, wo Rindfleisch darauf steht. Etwas zynisch kommt mir manchmal die Frage: Wer sagt denn, dass nicht nächste Woche doch Hundefleisch aus China auf unserem Teller liegt? Vielleicht gibt es dann mal endlich eine Empörung all derer, die noch so selbstverständlich Fleisch essen.

domradio.de: Im aktuellen Skandal ist vorallem von einer Täuschung der Verbraucher die Rede. Ist das ein reines „Verbraucherproblem" oder steckt da mehr dahinter?

Hagencord: Das frage ich mich auch. Das Phänomen der industriellen Tierhaltung und Fleischerzeugung ist hier wieder in den Blick gekommen und dass das ein sehr diffiziles Feld ist, das wissen ja inzwischen tatsächlich alle. Das Fleischessen ist keine Privatsache mehr, man unterstützt damit ein ganzes System der industriellen Tierhaltung, der sogenannten Massentierhaltung, Soja aus Brasilien wird zugefüttert, die Tiere werden mit Antibiotika versorgt, damit sie überhaupt in den engen Ställen leben können. Also das ganze System der industriellen Tierhaltung und Fleischerzeugung kommt hier noch einmal ins Blickfeld.

domradio.de: Wenn wir auf den Skandal schauen, wie ist es denn um unser Bewusstsein und den Umgang mit tierischen Produkten bestellt?

Hagencord: Mir fällt ein Wort von Rupert Sheldrake ein. Er hat gesagt, wir haben in unserer Kultur nur noch zwei Kategorien von Tieren: Die einen verwöhnen wir mit Haustierfutter und die anderen werden dazu verarbeitet. Das ist ein bisschen überspitzt, aber tatsächlich kann man das ja wahrnehmen. Die eine Branche boomt ja ohne Ende, was da für Katzen und Hunde ausgegeben wird, geht in die Milliarden. Da sind die Menschen bereit unendlich viel für ihre Lieblinge auf dem Schoß auszugeben und die Puten, Hühner, Schweine und Rinder werden oftmals in Bedingungen gehalten, die weder von einer Würde der Tiere beleuchtet sind noch von einem Respekt vor diesen Tieren, die ja auch Emotionalität, soziale Kompetenz haben.

domradio.de: Was heißt das für konkret: Wie müssen wir mit Fleisch umgehen, um das Tier zu respektieren?

Hagencord: Ich glaube als erstes müssen wir uns das ins Bewusstsein rufen, dass da tatsächlich ein Schwein, in diesem Fall sogar ein Pferd sein Leben gelassen hat, wissend, dass es sich hier um Tiere handelt, die uns sehr nahe sind durch ihre Emotionalität, durch ihre Physiologie, durch all das, was Haustierbesitzer ja kennen. Und ein ganzes System steht im Hintergrund und ich als Verbraucher kann mich entscheiden, will ich ein solches System weiter unterstützen oder will ich eher eine regionale Landwirtschaft unterstützen, will ich Tierhalter unterstützen, die das Tierwohl im Blick haben. Das sind Fragen, die sich mir jetzt schon stellen.

domradio.de: Oft siegt am Ende der Preis über das gute Gewissen. Sollte dieser Skandal für die Gesellschaft ein Anlass sein, um über den Umgang mit Tieren nachzudenken?

Hagencord: In einer Gesellschaft, die sich immer noch als christlich versteht, wenn auch nicht mehr so kirchlich, aber christliche Grundlagen sind ja Grundlagen unseres Denkens und in ein christliches Menschen- Natur-Schöpfungsbild gehören auch die Mitgeschöpfe. Ich bin immer wieder überrascht wie stark die Tiere biblisch vorkommen, in welcher Wertschöpfung sie vorkommen, wie stark das vergessen ist in der Kirche, in der christlichen Kultur. Ein neuer Blick auf die Tiere als Mitgeschöpfe würde unser Leben bereichern und würde auch stimmig mit verhaltensbiologischen Daten sein, wonach Tiere, auch Puten, Hühner, Schweine und Rinder keine seelenlosen Automaten sind, sondern mit sozialer Kompetenz mit Gefühlen, mit Bewusstseinsansätzen. Also da kann die Frage, was ist das Tier für mich, ganz neu in den Mittelpunkt gerückt werden.

Das Interview führte Christian Schlegel (domradio.de)

 

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