8.1.2010
„Ethik ist eine Art Religionsersatz ohne Religion geworden“
Theologe und Ethiker Mieth zieht Bilanz
Mit einem Festakt verabschiedet die Universität Tübingen an diesem Freitag den renommierten katholischen Ethiker Dietmar Mieth, der sich aus der aktiven Lehrtätigkeit zurückzieht. Im Interview zieht er Bilanz und beschreibt zentrale ethische Problemfelder der Zukunft.
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KNA: Herr Professor Mieth, täuscht der Eindruck, dass ethische Hürden derzeit leicht fallen - wie beispielsweise das Verschieben des Stichtags für die Verwendung von embryonalen Stammzellen?
Mieth: Ethische Grundsätze sind oft dann zurückgedrängt worden, wenn ein Nützlichkeitsversprechen dagegen steht. Wir halten Ordnungsgrundsätze nicht mehr aufrecht, wenn es das Versprechen gibt: Das wird langfristig allen nützen! Aber diese Zukunftsgläubigkeit, die es auch in wirtschaftspolitischen Fragen gibt, muss man mit gebührendem Abstand sehr genau betrachten. Ich beklage hier eine mangelnde Transparenz. Oft sind bei neuen Entwicklungen sehr schnell plakative Heilsversprechen an der Hand, die dann von den Medien aufgegriffen, aber zu wenig kritisch aufgearbeitet und hinterfragt werden.
KNA: Auch in der Stammzellforschung, die ja die Hoffnung auf Heilung schwerer Krankheiten schürt?
Mieth: Ich bin sicher, die embryonale Stammzellforschung wird ihren Schwung weiter verlieren, weil sich immer mehr die Erkenntnis durchsetzt, dass sich die weitgefassten Therapieversprechungen nicht erfüllen. Es gibt Embryologen, die bereits sagen, dieser Forschungszweig sei tot. Etwa weil sich bestimmte Entwicklungsschritte hin zu heilenden Zellen im Labor nicht nachvollziehen lassen.
KNA: Ein anderes Thema: Wir leben in einer alternden Gesellschaft.
Wo liegen hier die ethischen Herausforderungen?
Mieth: Unsere Zivilisationsgesellschaft steht hier vor großen Problemen. Ein Aspekt ist, dass die schwere Lage eines behinderten Altseins nicht missbraucht werden darf, um eine „Selbstabschaffung durch Selbstbestimmung“ zu propagieren. Kranke und Pflegebedürftige könnten in eine Lage kommen, in der ihnen suggeriert wird, Selbstbestimmung bestehe darin, der Gesellschaft nicht weiter zur Last fallen zu dürfen.
KNA: Ist der solidarische Staat angesichts der Überalterung der Gesellschaft in Gefahr?
Mieth: Eine solidarische Gesellschaft darf sich nicht allein auf den Ruf nach dem Staat zurückziehen, sondern es muss mehr ehrenamtliches Engagement geben. So sollten die vielen fitten jungen Alten ihre gewonnene Freizeit als Sozialzeit für die weniger Gesunden verstehen, in deren Lage auch sie selbst sehr schnell geraten könnten.
KNA: Ist es ethisch, in der Finanzmarktkrise milliardenschwere Rettungsschirme über Banken zu spannen, aber zu wenig gegen wachsende Kinderarmut zu tun?
Mieth: Politiker würden sagen, das ist keine Alternative, man muss beides tun. Aus meiner Sicht aber hat Politik bereits im Vorfeld der Finanzkrise versagt. Es sind horrende Fehler gemacht worden, zum Beispiel weil bei Geldanlagen im Ausland nicht das deutsche Recht angewandt wurde. Auch die internationale Aufgabe der Finanzkontrolle ist bisher gescheitert.
KNA: Hat aber auch der Sozialstaat angesichts von mehr als zwei Millionen armen Kindern in Deutschland versagt?
Mieth: Es geht schlicht um Prioritätensetzungen im Sozialbereich. Wir müssen entscheiden, wo gespart werden soll, damit der Skandal armer Kinder in Deutschland nicht weiterbesteht. Ich kann zwar nicht die verwaltungstechnischen Detailfragen entscheiden. Aber ich würde zum Beispiel einmal prüfen, ob man die deutschen militärischen Einsätze nicht anders lenken könnte, um eine freiere Hand für Soziales und für den Kampf gegen Kinderarmut zu gewinnen.
KNA: Sie haben in Tübingen seit 1990 ein interdisziplinäres Ethik-Zentrum aufgebaut und das „Europäische Netzwerk für biomedizinische Ethik“ geleitet. Finden heute umfassendere Ethikdebatten statt als zu Beginn Ihrer akademischen Laufbahn?
Mieth: Ja, ich denke Ethik ist eine unabweisbare Adresse geworden in der öffentlichen und wissenschaftlichen Debatte. Verantwortungsfragen können nicht mehr einfach so beiseite geschoben werden. Auch wenn nicht alle Ethikkommissionen mit der erforderlichen Sorgfalt und dem notwendigen Niveau diskutieren. Zugleich muss man die Kehrseite sehen. Ethik ist auch zu einer Art Religionsersatz ohne Religion geworden. Das hat zur Folge, dass eine tiefere Verankerung in der eigenen Identität ausbleibt. Man kann, denke ich, keine moralische Identität finden, ohne sich religiösen Fragen zu stellen.
KNA: Was unterscheidet einen christlichen von einem religionslosen oder atheistischen Ethiker?
Mieth: Eine theologische Ethik sollte sich dadurch auszeichnen, dass sie ein schnell ansprechendes Gespür für neu auftauchende ethische Fragen, insbesondere für Ungerechtigkeiten, einbringt. Sie ist eine starkes Eingangsmotiv für die Entdeckung von Verantwortung in einer sich schnell verändernden Welt. Ferner gehört dazu ein tiefes Bewusstsein von Endlichkeit und Fehlerfähigkeit des Menschen sowie die Frage nach Sinn und Grenzen von Ethik überhaupt. Schließlich kann sie sich nicht nur am Schreibtisch bewähren: Mithandeln stärkt das Mitdenken. Das alles lässt sich im christlichen Menschenbild zusammenfassen.
Das Gespräch führte Volker Hasenauer.
(kna)