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9.8.2009

Vom Rinnsal zum viertgrößten Strom Europas

Die Urgeschichte des Rheins hält viele Überraschungen bereit

Der Kölner Dom, das ehemalige Zisterzienserkloster Eberbach oder die romanische Kirche im elsässischen Ottmarsheim. All diese bedeutenden Bauwerken haben eines gemeinsam: ihre Nähe zum Rhein. Dass es zu all dem kommen konnte, ist ein echtes Wunder der Natur.

Wohl kein anderer Fluss ist im Laufe der Jahrhunderte so inbrünstig besungen worden wie der gut 1.300 Kilometer lange Strom mit seiner Vielzahl an Sehenswürdigkeiten und der abwechslungsreichen Landschaft. Im 19. Jahrhundert machten ihn Engländer wie der Maler William Turner zu einem der ersten modernen Touristenziele überhaupt. Deutschen Dichtern galt der Fluss zur gleichen Zeit als Symbol der nationalen Einheit.

Angefangen hat „der gute alte Vater Rhein“ als eher bescheidenes Rinnsal, wie der Wiesbadener Wissenschaftsautor Ernst Probst erläutert. Demnach bestand der „Ur-Rhein“ aus einzelnen Teilabschnitten, die erst in Jahrmillionen durch geologische Veränderungen der Landschaft miteinander verbunden wurden. Damals wie heute lag die Mündung an der Nordseeküste. Allerdings verlief dieses Gebiet vor rund 23 Millionen Jahren quer durch das heutige Nordrhein-Westfalen.

Entwicklung von acht Millionen Jahren
Es sollte noch einmal acht Millionen Jahren dauern, bis sich das Meer endgültig auch aus dem Mainzer Becken und dem Oberrheingraben zurückzog. Damit waren die geologischen Voraussetzungen für die Entstehung eines Flusssystems gegeben. In der immer noch rätselhaften Geschichte von Europas viertgrößtem Strom ist nach Ansicht von Experten der Abschnitt des „Ur-Rheins“ in Rheinhessen ein wichtiges Mosaikstück. Er floss ab dem Raum Worms - rund 20 Kilometer weiter westlich als heute - auf die sogenannte Binger Pforte zu. Auf seinem Weg berührte er weder die Gegend von Oppenheim und Nierstein noch die Städte Mainz, Wiesbaden und Ingelheim.

Nach heutiger Erkenntnis glich dieser Teil des „Ur-Rheins“ zu dieser Zeit einem kurzen Mittelgebirgsfluss von schätzungsweise 400 Kilometern Länge. Seine Quellen lagen südlich des Kaiserstuhls, seine Mündung im unteren Niederrheingebiet. Die maximale Breite betrug etwa 45 bis 60 Meter, ähnlich wie heute die Nahe in Rheinland-Pfalz.

Imposante Tierwelt am Ufer
Imposanter war da schon die Tierwelt, die sich am Ufer tummelte.
Anfang des 19. Jahrhunderts entdeckten Forscher Überreste des Rüsseltiers Deinotherium giganteum. Das „riesige Schreckenstier“ war verwandt mit dem heutigen Elefanten. Es lebte in enger Nachbarschaft zu löwengroßen Säbelzahnkatzen, Bärenhunden, Tapiren, mindestens drei Nashornarten und sogar Menschenaffen, die heute nur noch in Afrika und Asien vorkommen.

Die biologische Vielfalt werten Wissenschaftler als Hinweis auf die günstigen Lebensbedingungen im Mainzer Becken. Vor allem der kleine Ort Eppelsheim ist durch zahlreiche Funde weltberühmt geworden und gehört zusammen mit dem Pariser Montmartre zu jenen Fossillagerstätten, mit deren wissenschaftlicher Auswertung die Erforschung ausgestorbener Säugetierarten in Europa begonnen hat. Seit 2001 informiert das Dinotherium-Museum des Ortes über die spektakulären Funde aus den Anfangstagen des Flusses.

Unterdessen dauerte es eine weitere Ewigkeit, bevor der „Ur-Rhein“ sich in sein heutiges Bett vorgearbeitet hatte. Im Obermiozän, vor etwa acht bis fünf Millionen Jahren, sank der nördliche Oberrheingraben so tief ab, dass sich der Rhein dem tiefsten Niveau folgend in östliche Richtung verlagerte. In der Gegend des heutigen Mainz verband er sich schließlich mit dem Main. Später erweiterte er dann sein Einzugsgebiet durch den Anschluss des Alpenrheins bis zum Bodensee. Zuletzt schnitt sich der Rhein vor rund 800.000 Jahren etwa 100 Meter tief in den so genannten Mittelrhein-Canyon ein. Und schuf damit die Grundlage für das heutige Weltkulturerbe mit seinen Burgen und Weinbergen zwischen Bingen und Koblenz.
(Robert Luchs / kna)


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