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Nachrichten-Ticker

10.9.2008

Forderung nach dem nächsten Sündenfall

Reproduktionsmediziner beklagen das Embryonenschutzgesetz und fordern Selektion

Führende Reproduktionsmediziner fordern erneut die Lockerung des Embryonenschutzgesetzes in Deutschland. So solle bei im Reagenzglas entstehenden Mehrlingsschwangerschaften die Auswahl von Embryonen nach mikroskopischer Beurteilung möglich werden, heißt es in einem am Dienstag in Berlin vorgelegten Gutachten für die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung. Das Wort „Selektion“ wird tunlichst vermieden.

Der „Bestaussehendste“ möge gewinnen. Der Begriff macht es anschaulich. Nach der Befruchtung von Eizellen im Reagenzglas sollen - geht es nach dem Willen des Lübecker Fortpflanzungsmediziners Klaus Diedrich - die medizinischen Fachleute Aufbau und Struktur der entstandenen Embryos begutachten. Und dann soll der „morphologisch Bestaussehendste“ in den Mutterleib eingepflanzt werden. Allein - das widerspricht dem deutschen Embryonenschutzgesetz (ESG).

Diedrich, bis 2004 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), und fünf andere Autoren legten am Dienstag in Berlin ein sogenanntes Gutachten vor. Es mündete, wenig überraschend, ein Mal mehr, in der gemeinsamen Forderung nach Änderung des Embryonenschutzgesetzes von 1991 und nach einem Fortpflanzungsmedizingesetz.

Im Kern geht es um eine in einer Reihe von Ländern zulässigen Methode, die freilich das ESG verbietet. Anderenorts - etwa in Schweden oder Belgien - gibt es eine „Embryonenauswahl“. Im Anschluss wird der Mutter ein Embryo eingepflanzt; die anderen werden eingefroren oder später „sterben gelassen“.

Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung, die das „Gutachten“ in Auftrag gegeben hatte, legte bei der Vorstellung keinen großen Wert auf eine kontroverse Debatte. Während der zweieinhalbstündigen Veranstaltung meldete sich nicht ein Kritiker oder, wie es hier hieß, Bedenkenträger. Auf dem Podium saßen stattdessen sieben vermeintliche Diskutanten, die mehr oder weniger einmütig für Liberalisierung plädierten.

Das war für kräftige Worte kein Hindernis. So kam in zwei Beiträgen die Klage über „Fundamentalisten“ oder den - ohne dass das negativ gemeint sei - „fundamentalistischen Blick“. Die Vertreterin von „Pro Familia“, Dorothee Kleinschmidt, erklärte geradezu zu katholischem Sondergut, dass es unmöglich sei, „Embryonen wegzuwerfen“. Es gebe aber viele Menschen mit einem „gradualistischen Menschenbild“. Da widersprach ihr auch der frühere SPD-Forschungspolitiker Wolf-Michael Catenhusen nicht, der das Thema nun im Stiftungskontext pusht und Gremien der Evangelischen Kirche in Deutschland angehört.

Anliegen der Mediziner ist es, den hohen Anteil an Zwillings- oder Drillingsschwangerschaften nach künstlicher Befruchtung zu verhindern. Sie seien, meinte der Lübecker Reproduktionsmediziner Georg Griesinger, eine „medizinische Katastrophe“; sie seien „das Hauptproblem“. Deshalb soll die sogenannte elektive Single-Embryo-Transfers (eSET) zur Anwendung kommen. Achtung: Es heißt, auch wenn das dem ein oder anderen Fürstreiter immer mal rausrutschte, nicht „selektiv“. Weil die Auswahl sich an der Disposition der Mutter orientiere - und sicher auch, weil Begriffe wie selektiv oder Selektion im Deutschen immer noch merkwürdig klingen. Dass diese Auswahl zu Lasten jener gehen, die nicht „bestaussehendst“ sind, wurde nicht thematisiert. „Fremdnützig“ sei dieses Vorgehen jedenfalls nicht, hieß es.

Diedrich schwärmte auch von dem Erfolg deutscher Mediziner, die im vorigen Jahr einer 64-Jährigen noch zum Neugeborenen verhalfen. Das zeige, dass die Gebärmutter eben grundsätzlich „fantastisch ausgestattet“ sei - aber eigentlich doch grundsätzlich nicht darauf angelegt, „zwei Kinder zur Geburt auszutragen“.

So blieb die Diskussion ebenso merkwürdig kämpferisch wie langweilig. Dabei ist die Problemlage klar. Viele Abgeordnete kennen aus persönlichen Gesprächen oder Briefen die Nöte der Eltern, die ins Ausland gehen und dort eine medizinische Hilfe suchen, die in Deutschland nicht erlaubt ist. In mehreren Bundestagsfraktionen befassen sich Fachpolitiker intern mit der schwierigen Frage des Umgangs mit Kinderwunsch, Menschenwürde und Menschenrecht. Darum ging es diesmal nicht. Und die Vergleichbarkeit von schwedischen Zahlen und deutschen Werten - bei unterschiedlichen Gesundheitssystemen oder Gebär-Alter - stellte auch niemand in Frage.

Eine einzige Abgeordnete, Marlies Volkmer (SPD), befand sich im Saal der Ebert-Stiftung. Im Verlauf des Gesprächs wehrte sie sich erkennbar dagegen, als eSET-Befürworterin vereinnahmt zu werden. Man solle, meinte die Ostdeutsche irgendwann, bitte nicht „bei jungen Leuten den Eindruck erwecken, sie hätten ewig Zeit mit der Familienplanung; die Reproduktionsmedizin wird es schon richten“.


(Christoph Strack / kna)


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