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Nachrichten-Ticker

27.4.2008

Zivil und ungehorsam

Vor fünf Jahren starb Dorothee Sölle

Wenn sich Protestanten an das Jahr 1968 erinnern, fällt vor allem ein Name: Dorothee Sölle. Die umstrittene Theologin, die vor fünf Jahren am 27. April starb, hat den eigentlichen evangelischen Beitrag zur 68er-Bewegung geleistet.

Sie initiierte das „Politische Nachtgebet“. Unerschrocken trat die zierliche, lebensbejahende und radikal denkende Frau für eine politische Theologie ein. Sie kämpfte für Arme und Unterdrückte, gegen Militarismus und Kapitalismus. Und damit stand sie damals oft quer zu ihrer Kirche.

Heute gilt Sölle als eine der weltweit bekanntesten Theologinnen des 20. Jahrhunderts. Am 30. September 1929 in Köln geboren, studierte sie Theologie, Philosophie und Literaturwissenschaft in Köln, Freiburg und Göttingen und wurde 1971 habilitiert. Ein Lehrstuhl in Deutschland blieb ihr allerdings verwehrt, zu krass wich sie - immer politisch links - von Positionen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ab.

So reagierte die EKD empört, als Sölle den westlichen Kirchen 1983 auf der Vollversammlung des Weltkirchenrats in Vancouver „Militarismus“ und eine „Apartheidstheologie“ gegenüber der Dritten Welt vorwarf. Die Amtskirche distanzierte sich. Professorin war Sölle, Streiterin für die feministische Theologie, inzwischen aber doch geworden - in den USA. Von 1975 bis 1987 lehrte sie Systematische Theologie in New York.

Das „Politische Nachtgebet“
Auch das „Politische Nachtgebet“, das vor allem junge Leute anzog, war umstritten. Erstmals fand es im September 1968 auf dem Katholikentag in Essen statt, danach bis 1972 monatlich in der Kölner Antoniterkirche und immer wieder unter großem Zulauf auf evangelischen Kirchentagen. Die Form hatte sich aus ökumenischen Andachten in Köln entwickelt: Die Nachtgebete waren eine Mischung aus traditionellen liturgischen Elementen, Gebet und Gesang sowie politischer Information und Diskussion. Die Themen reichten von Baader-Meinhof bis zum Putsch in Chile.

Für Sölle gehörten Glauben und politisches Handeln zusammen. „Theologisches Nachdenken ohne politische Konsequenzen kommt einer Heuchelei gleich. Jeder theologische Satz muss auch ein politischer sein“, schrieb sie in ihrem Buch „Gegenwind“ (1995). Inspiriert von lateinamerikanischen Befreiungstheologen und dem Schriftsteller Ernesto Cardenal reiste sie auf Einladung der Sandinistischen Bewegung 1984 nach Nicaragua, wo sie mit einer Friedensgruppe aus den USA die Wahlen beobachtete, später besuchte sie auch El Salvador.

Als prominenteste Aktivistin der Friedensbewegung wandte sich Sölle in den 70er Jahren gegen den Vietnamkrieg sowie in den 80ern gegen den Nato-Doppelbeschluss zur Nachrüstung. Nach Sitzblockaden vor den NATO-Mittelstreckenraketen in Mutlangen wurde sie wegen „versuchter Nötigung“ verurteilt, später wurden diese Urteile teils wieder aufgehoben. Aufgrund ihres Muts verkörpert Sölle für viele bis heute das „politische Gewissen des Protestantismus“, so die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen.

Eine Theologie der radikalen Diesseitigkeit
In ihren theologischen Werken vertrat Sölle eine Theologie der radikalen Diesseitigkeit und eine Entmythologisierung der Bibel. Gott sei kein „allmächtiger Vater“, sondern auf die Menschen und ihr Handeln angewiesen, erläuterte sie in ihrem Buch „Zur Umkehr fähig“. Die Mutter von vier Töchtern wehrte sich dagegen, Leid als „gottgegeben“ hinzunehmen. Aufgabe der Christen sei es, aus dem Leiden Kraft zu ziehen und die Welt zum Guten zu verändern.

Dass Sölle Beten und Tun als Einheit begriff, kommt auch in ihren Gedichten zum Ausdruck. „Du hast mich geträumt gott / wie ich den aufrechten gang übe /...“, schrieb sie in „loben ohne lügen“, ihrem letzten Lyrikband. Freunden und Weggefährten galt sie als „Gotteslehrerin“ und „politische Mystikerin“. Insgesamt gab sie mehr als 40 Bücher heraus, auch gemeinsam mit ihrem zweiten Ehemann, dem früheren Benediktinermönch Fulbert Steffensky. Zu den bekanntesten gehören „Politische Theologie“ (1971), „Zivil und Ungehorsam“ (1990) sowie „Mystik und Widerstand: du stilles Geschrei“ (1997).

In der evangelischen Kirche hat die unbequeme Theologin ihre Spuren hinterlassen. So würdigte der frühere EKD-Ratsvorsitzende Manfred Kock bereits kurz nach ihrem Tod die „atemberaubende Radikalität“, mit der Dorothee Sölle die Nachfolge Jesu gelebt habe. Sie sei prägend für ihn selbst gewesen, so Kock, und für den Weg der Kirche.
(Renate Kortheuer-Schüring / epd)


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