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4.2.2012

Ein pensionierter Pfarrer erinnert an die Opfer der Hexenprozesse

Wahn im Namen Gottes

Nach heutigen Schätzungen fielen dem Hexenwahn der frühen Neuzeit bis zu 60.000 Frauen, Männer, sogar Kinder zum Opfer, fast die Hälfte davon in Deutschland. Ein Pfarrer aus Unna kämpft für späte Gerechtigkeit, denn noch lange sind nicht alle Opfer rehabilitiert.

Zehntausende wurden Opfer der Hexenjagd (© dapd )

Zehntausende wurden Opfer der Hexenjagd (© dapd)

Ende Mai 1597 brach Katarina Bernburg unter der Folter zusammen. Ihren Anklägern sagte sie, was sie hören wollten: Ja, mit dem Teufel habe sie geschlafen, sein Glied sei blau, klein und kalt, und auf Hexentänzen habe sie sich vergnügt, gestand die ältere Frau, offenbar halb wahnsinnig vor Angst und Schmerzen. Tage später wurde Katarina Bernburg im Harzort Wernigerode wegen Unzucht mit dem Leibhaftigen lebendig verbrannt.

"Es gibt schreckliche Berichte über Verurteilte, die noch auf dem Weg zum Scheiterhaufen ihre Unschuld beteuerten und Gott und Maria um Rettung anflehten", erzählt Hartmut Hegeler. Für die Opfer der Hexenprozesse will der pensionierte evangelische Pfarrer aus Unna späte Gerechtigkeit: "Möglichst viele Städte sollten diese Menschen rehabilitieren." Zusammen mit gleichgesinnten Bürgern hat er bundesweit an Stadträte appelliert, die alten Urteile zu revidieren, auch in Wernigerode.

Nach heutigen Schätzungen fielen dem Hexenwahn der frühen Neuzeit bis zu 60.000 Frauen, Männer, sogar Kinder zum Opfer, fast die Hälfte davon in Deutschland. Oft genügte eine anonyme Denunzierung, um ins Räderwerk der Justiz zu geraten. Motive waren häufig persönlicher Streit, Habgier, aber auch echte Überzeugung in einer Zeit, die bei Unheil schnell Teufel, Dämonen und ihre menschlichen Helfershelfer am Werk sah. Ob religiöse Verunsicherung, soziale Umbrüche oder das ungewöhnlich kalte Klima - die Gründe der europäischen Massenhysterie vom 16. bis 18. Jahrhundert sind bis heute nicht ganz geklärt.

Standardvorwurf gegen die katholische Kirche
"Rund ein Dutzend Orte haben "ihre" Hexen bisher rehabilitiert", berichtet Hegeler. Meist sind es kleinere Landgemeinden wie Kammerstein in Bayern, Hofheim in Hessen oder Rüthen im westfälischen Sauerland, wo allein 100 Menschen ihren "Teufelsbund" mit dem Leben bezahlten. Als erste Großstadt folgte 2011 Düsseldorf. Mitte Februar entscheidet nun der zuständige Kölner Ratsausschuss, ob über Hegelers Rehabilitationsantrag für die 1627 getötete Katharina Henot verhandelt wird. Die einflussreiche Patrizierin, für die in der Stadt längst Denkmäler stehen, wurde wohl Opfer einer Geschäftsintrige.

Seit langem zählt die Hexenverbrennung zu den Standardvorwürfen gegen die katholische Kirche. Heißt es doch schon in der Bibel: "Eine Hexe sollst Du nicht am Leben lassen" (Ex 22,7). Berüchtigt ist die Hetzschrift "Der Hexenhammer" (1486) des Dominikaners Heinrich Kramer. "Die Kirche hatte zweifellos eine Mitschuld an den Exzessen", so Kirchenhistoriker Arnold Angenendt. Federführend bei den Todesurteilen seien aber weltliche Gerichte gewesen, die sich freilich auf die Religion beriefen. "Der Inquisition ging es um die Suche nach Häretikern. Die Hexenprozesse waren vielen Inquisitoren juristisch zu willkürlich." Mancher Papst habe die Vorgänge nördlich der Alpen gar mit Entsetzen quittiert, sagt der emeritierte Münsteraner Professor. Laut dagegen protestiert oder untersagt haben sie das Vorgehen offenkundig nicht, dafür aber Priester wie der berühmte Friedrich von Spee oder der evangelische Pfarrer Anton Praetorius.

"Uns geht es um die moralische Anerkennung von Unrecht"
"Auch in protestantischen Gegenden loderten die Scheiterhaufen", sagt Hegeler. Aus beiden Kirchen gibt es inzwischen deutliche Schuldeingeständnisse. So sprachen die Dominikaner von einem "dunklen und bedrückenden Kapitel" ihrer Geschichte. Auch den Kölner Kardinal Joachim Meisner bat Hegeler jüngst um eine Verurteilung des grausamen Geschehens. Derzeit prüfen auch Experten des Erzbistums den Fall Henot. Wichtiger für Hegeler bleiben aber die Städte. "Verblüffend, auf wie viel Widerstand man da manchmal stößt." Von Nestbeschmutzung sei gelegentlich die Rede gewesen.

Dabei geht es ihm nicht um Rehabilitation im juristischen Sinn. Schon weil sich die Rechtsnachfolge oft gar nicht mehr klären lässt. "Uns geht es um die moralische Anerkennung von Unrecht." Den Einwand, das nütze doch niemandem mehr und gehorche nur moderner Gedenkmanie, lässt er nicht gelten: "Noch heute werden Menschen als Hexen getötet, etwa in Afrika. Wer die Opfer der Vergangenheit rehabilitiert, sensibilisiert auch für die Opfer der Gegenwart."

( Christoph Schmidt / kna )