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14.12.2011

Dr. Lütz über die fehlende Bereitschaft, Organe zu spenden und die Unsicherheit der Angehörigen

"Es ist eine Zumutung, wenn jemand keinen Organspendeausweis hat"

Die Zahl der möglichen Organspender in Deutschland ist offenbar deutlich kleiner als bisher angenommen. Ein Grund ist der Widerstand von Angehörigen gegen eine Organentnahme bei Verstorbenen, die sich zuvor nicht erklärt haben. Dr. Manfred Lütz, Theologe, Arzt und Mitglied im Direktorium der Päpstlichen Akademie für das Leben, sieht im domradio.de-Interview vor allen Dingen die fehlende Aufklärung der Menschen zum Thema Hirntod als ursächlich.

Manfred Lütz: Als Bestsellerautor wurde er einem breitem Publikum bekannt (© ddp )

Manfred Lütz: Als Bestsellerautor wurde er einem breitem Publikum bekannt (© ddp)

domradio.de: Überrascht Sie das, dass die Zahl der potentiellen Organspender in Deutschland kleiner ist als bislang angenommen?
Dr. Lütz: Nein, das überrascht mit nicht. Wir hatten 1997 eine öffentliche Debatte über die Frage, ob der Hirntot der Tod des Menschen ist, die damals sehr schlecht gelaufen. Die Leute sind misstrauisch geworden, weil die Öffentlichkeit nicht richtig aufgeklärt ist über die Situation des Hirntods. Die Leute sind verunsichert, wenn jemand nach dem Tod noch beatmet wird. Das ist ja auch tatsächlich kontraintuitiv, nach dem Tod kann man ja nicht mehr beatmet werden, sonst ist man ja nicht tot. Und in der Tat ist aus meiner Sicht der Hirntod nicht der eigentlich Tod des Menschen! Allerdings ein Zeitpunkt, zu dem man Organe entnehmen kann, ohne dass man ihn tötet. Aber das ist etwas schwieriges, dass man der Öffentlichkeit erklären müsste. Das ist aber damals nicht geschehen, weil man einfach mit dem simplen Satz "Der Hirntod ist der Tod des Menschen" vorgegangen ist, und dass ist vielen Menschen nicht plausibel und unter anderem damit hat das Zögern vieler Menschen zu tun.

domradio.de: Was glauben Sie, weshalb ist der Widerstand so groß unter den Angehörigen?
Dr. Lütz: Es ist ja auch eine verfassungsrechtliche Frage, dass wir hier in Deutschland nicht diese Wegelagereilösung wie in Österreich haben. Dort können ihnen Organe entnommen werden, wenn sie keine gegenteilige Erklärung haben. Das geht natürlich nicht. Ein Angehöriger hat natürlich das besondere Problem, in einer so intimen Frage dann über die Organe des gerade gestorbenen geliebten Angehörigen zu entscheiden. Deswegen finde ich auch wichtig, einen Organspendeausweis zu haben, um die Angehörigen nicht in diese unangenehme Position zu bringen. Damit müsste man an die Öffentlichkeit gehen. Ich finde es im Grunde eine Zumutung, wenn jemand keinen Organspendeausweis hat. In dem kann ja er ja auch eine Spende ablehnen. Aber wenn man es offen lässt, stellt man möglicherweise die Angehörigen vor eine Entscheidung, die sie völlig überfordert.

domradio.de: Wer ist denn nun gefordert?
Dr. Lütz: Wir brauchen eine neue Debatte über die Frage, ob der Hirntod der Tod des Menschen ist und ob man dann spenden kann, was da genau vorliegt. Es ist nicht so, dass da eine Leiche weiter beatmet wird , dass ist unplausibel. Es haben ja schon hirntote Mütter noch ihr Kind bekommen. Es gibt bestimmte Dinge, die den Leuten spanisch vorkommen. Wenn sie Angehörige zu ihrem hirntoten Angehörigen bringen, der ist noch gut durchblutet, der fühlt sich noch warm an, das Herz schlägt noch und sagen, das ist eine Leiche, dann hat der Angehörige das untergründige Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt. Und das Gefühl teile ich durchaus.

domradio.de: Wie steht die katholische Kirche zur Hirntodfrage und zur Organspende?
Dr. Lütz: Es gab damals die Debatte auch in der Kirche. Kardinal Meisner war gegenüber der Definition "Hirntod gleich Tod" sehr skeptisch, es gab die Erklärung von Papst Johannes Paul II., der Hirntod "scheine" der Tod des Menschen zu sein, das war sehr vorsichtig formuliert. Die Kirche kann aus ihrer Kompetenz in dieser Frage überhaupt keine Entscheidung treffen. Was die Kirche sagen kann, ist: "Man darf nicht jemanden töten, um an seine Organe zu kommen". Organspende ist durchaus auch möglich, wenn man davon ausgeht, dass der Hirntod nicht der Tod des Menschen ist. Wenn jemand hirntod ist, muss man die Apparate sofort abstellen! So jemand kann niemals wieder zu Bewusstsein kommen, das ist die Sterbephase. Wenn man einen Organspendeausweis hat , dann bleibt man länger am Leben, weil man noch intensiv beatmet wird, damit die Organe lebensfrisch entnommen werden können. Und dann wird später erst abgestellt. Wenn man Organspender ist, lebt man länger, weil noch die Organe entnommen werden und dann erst die Apparate abgestellt werden.

Das Interview führte Monika Weiß.

Hintergrund
Die Zahl der möglichen Organspender in Deutschland ist offenbar deutlich kleiner als bisher angenommen. Es gebe keineswegs ein erhebliches Potenzial an Spendern in den Krankenhäusern, die nur aus organisatorischen Gründen nicht erreicht werden, berichtet die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) am Dienstag unter Berufung auf ein unveröffentlichtes Zwischengutachten des Deutschen Krankenhaus Instituts für die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO).

Als ein Grund wird genannt, dass der Widerstand von Angehörigen gegen eine Organentnahme bei Verstorbenen erheblich höher sei als von der DSO ausgewiesen. Darüber hinaus führten die feste Verankerung der Palliativmedizin sowie ein verstärktes Interesse an Therapiebegrenzungen dazu, dass viele Menschen so behandelt werden, dass eine spätere Organentnahme nicht mehr möglich ist. So wäre für eine Organentnahme vielfach eine Intensivtherapie mit Beatmung notwendig; viele Angehörige wünschten aber stattdessen bei Patienten mit schwersten Hirnschädigungen und absehbarem Tod den Verzicht auf intensivmedizinische Maßnahmen.

Laut FAZ warnt das Krankenhaus Institut deshalb die Intensivärzte vor sehr früher Eröffnung einer Todesprognose, weil sie bei den Angehörigen zu einem "verfrühten Wunsch nach Einstellung der Intensivtherapie" führe. Die Zeitung zieht daraus den Schluss, dass Menschen mit Bereitschaft zur Organspende nicht eine frühzeitige Einstellung der Behandlung drohe, wie vielfach befürchtet werde. Im Gegenteil: "Wer seine Bereitschaft zur Organspende erklärt, droht als beatmeter Patient auf einer Intensivstation zu landen, obwohl es dafür keine medizinische Indikation mehr gibt, außer dem Ziel, die Organe des Betreffenden zu erhalten".

Das Bundeskabinett hatte im Juni einen Gesetzentwurf zur Änderung des Transplantationsgesetzes beschlossen. Darin werden die Krankenhäuser ausdrücklich verpflichtet, den Hirntod möglicher Organspender zu melden und aktiv an einer Organentnahme mitzuwirken. In jeder Klinik soll es künftig auch einen Transplantationsbeauftragten geben. Er soll potenzielle Organspender melden sowie die Verbindungsstelle zwischen Krankenhaus, Transplantationszentren und DSO einnehmen. Zudem soll er das Krankenhauspersonal informieren und beraten.

( dr / kna )