25.11.2011
Katholische Kirche begrüßt Organspende-Debatte
Ein Zeichen ganz besonderer Nächstenliebe
domradio.de: Herr Weihbischof, begrüßen Sie den Vorschlag der Fraktionen im Bundestag?
Weihbischof Losinger: Die Kirche hat schon seit langem immer wieder fortlaufend in den Dokumenten gesagt, das Organspende ein Zeichen ganz besonderer Nächstenliebe sein kann, dass zur Rettung des Lebens anderer Menschen beiträgt. Deshalb ist diese Initiative, die durch die Bundesregierung auch durch die verschiedenen Parteien im Bundestag jetzt in Gang gesetzt ist, richtig. Wir sehen ja dieses große Problem das 3/4 der Menschen der Bundesrepublik sagen: "Ich wäre im Grunde gerne bereit ein Organ zu spenden" und weniger als 1/4 hat überhaupt einen Organspendeausweis. Diese Lücke zu schließen, dazu könnte diese Regelung beitragen. Deshalb kann ich sagen: Die Richtung stimmt, wir müssen nur noch sehen wie Einzelelemente der Lösung im Endeffekt ausschauen.
domradio.de: Bei dem aktuellen Vorschlag kann man ja auch diese Erklärung verweigern und "Nein" sagen. Meinen Sie, dass dann der moralische Druck so groß werden könnte, dass sich viele nicht trauen, "Nein" zu sagen?
Weihbischof Losinger: Das ist genau einer der Ansatzpunkte. Bei dieser sogenannten Erklärungslösung hat man ja wohl drei Möglichkeiten. Entweder anzukreuzen "Ja", das wäre dann identisch zu dem, was man bisher bei einem Organspendeausweis macht, oder "Nein", oder das dritte Kästchen. Was wird das bedeuten? Bedeutet das: Wer sagt "ich weiß es nicht" oder "ich weiß es noch nicht", er der dann automatisch Organspender, oder ist er keiner, wie verfährt man damit? Das muss geklärt sein, denn unter der bisherigen Regelung in Deutschland, die ja eine erweiterte Zustimmungslösung ist und eine schriftliche Erklärung jedes Organspenders voraussetzt, halte ich es für auch vor dem Grundgesetz problematisch, wenn jemand, der sagt "ich weiß es nicht", automatisch zum Organspender gemacht würde.
domradio.de: Was müsste aus Ihrer Sicht noch geklärt werden?
Weihbischof Losinger: Es gibt weitere Elemente, die geklärt werden sollten. Zum Beispiel müsste dieses Gesetz sich der Frage annehmen: Wie verbessern wir die Organisation der Meldung von Organen nach Eurotransplant? Wir sehen ja, dass derzeit nicht wenige der Kliniken nicht mitmachen und deshalb eine ganze Reihe von Organen die eigentlich verpflanzt werden könnten, nicht verpflanzt werden. Ich würde die Behauptung wagen, dass ein bedeutender Schritt zur Lösung des Organspendeproblems auch schon darin besteht, die organisatorischen Voraussetzungen zu verwirklichen.
domradio.de: Jetzt befürchten viele Kritiker der Organspende, wenn ich ankreuze "Ja, ich spende meine Organe", dann wird vielleicht für mich nicht alles getan wenn ich mal einen Unfall habe oder krank werde, im Sterben liege, weil Ärzte es auf meine Organe abgesehen haben. Finden Sie diese Befürchtungen zu überzogen?
Weihbischof Losinger: Diese Befürchtungen halte ich für überhaupt nicht zutreffend, weil das gesamte Verfahren der Organentnahme, der Organverpflanzung und auch der Zuteilung der Organe ganz genau gesetzlich geregelt ist, auch überprüft ist und von den Ärzten, die das machen, auch entsprechend gehandhabt wird. Ich sehe hier keinen Einfallspunkt. Aber ich meine, dass ein damit im Zusammenhang stehendes Problem auch noch einmal angedacht werden müsste. Denn neben der Frage "bin ich als Organspender etwa jemand, bei dem früher die Instrumente abgeschaltet werden" ist einer der großen Angstgeneratoren die Frage: "Wie ist das mit dem Hirntod?". Und ich denke, dass gerade diese Diskussion jetzt wieder neu in der Wissenschaft aufgebrochen ist. Sogar der Deutsche Ethikrat wird sich demnächst wieder in einem Bioethikforum diesem Thema widmen. Ich glaube, wir brauchen eine offene, transparente klare Diskussion über diese Frage "Hirntod".
domradio.de: Es sterben ja etwa 1.000 Menschen pro Jahr, weil sie auf ein Organ warten. Wenn die jetzt vorgesehene Regelung in Kraft tritt und doch nicht die erhoffte Steigerung an Spendern erreicht wird, welche Möglichkeiten sehen Sie dann noch, um mehr Spender zu bekommen?
Weihbischof Losinger: Nun, es gibt in der Medizin eine ganze Reihe von Fortschritten auch im Bereich anderer medizinischer Techniken, die unter Umständen hier eine Entlastung bringen können. Aber um das Thema Organspende, Organverpflanzung wird man mittelfristig sogar auf längere Sicht nicht herumkommen. Deshalb sehe ich die Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Dialogs. Man muss miteinander sprechen und Vertrauen schaffen. Auch die Medizin muss sich erneut den Menschen widmen, dass sie bereit sind eine solche Organspendebereitschaft zu unterzeichnen. Sollte durch den Gesetzesentwurf ein Problem auftauchen in der Richtung, dass Menschen sagen: "Wir werden unter unnötigen Druck gesetzt", dann sehe ich die Gefahr, dass sozusagen die Kugel nach hinten losgehen könnte.