28.6.2010
Suchtexperten raten Eltern zum Schutz der Kinder zu offenem Umgang
Alkohol nicht tabuisieren
Im internationalen Vergleich des Pro-Kopf-Konsums von Alkohol liegt Deutschland hinter Ungarn und Irland mit an der Spitze. Schon das Konsumverhalten von Kindern und Jugendlichen lässt Alarmglocken schrillen. Experten raten nun zu einem offenen Umgang mit der Bedrohung.
Bild
Links
Mehr als 25.000 junge Menschen zwischen zehn und 20 Jahren mussten 2008 wegen einer Alkoholvergiftung stationär im Krankenhaus behandelt werden.
Das entspreche einem Anstieg von 170 Prozent seit dem Jahr 2003, heißt es dazu im Jahrbuch Sucht 2010 der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) in Hamm. Junge Menschen würden immer früher auffällig, sagte DHS-Sprecherin Christa Merfert-Diete dem epd: „Jugendliche haben erkannt, wie leicht es ist, an Alkohol heranzukommen.“ Sie kritisiert die allgemeine Verfügbarkeit alkoholischer Getränke: „Der Zugang muss dringend minimiert werden.
Zugang zu Alkohol viel zu einfach
Alkohol sollte es nicht jederzeit an Tankstellen und Kiosken zu kaufen geben.“ Auch Kinder kämen heute zu schnell an Alkohol heran. Viele beginnen ihre „Trinkkarriere“ zu Karneval oder auf großen Volksfesten wie Schützenfesten oder der Dorfkirmes, wenn fast jeder trinkt und die Ausschankregeln besonders locker gehandhabt werden.
„Das Einstiegsalter ist in den vergangenen 20 Jahren ständig niedriger geworden“, bestätigt auch Michael Klein, Leiter des Deutschen Instituts für Sucht- und Präventionsforschung der Katholischen Hochschule in Köln. Bei einer Erhebung unter Kölner Jugendlichen stellten Klein und seine Kollegen fest, dass bereits in der Gruppe der bis elf Jahre alten Kinder 21 Prozent Alkohol ausprobiert hatten. Bei den Elf- bis Zwölfjährigen waren es schon 24 Prozent. Und unter den 16-Jährigen hatten 85 Prozent Erfahrung mit Alkohol. „Auffällig ist, dass das Alter, in dem regelmäßig Alkohol konsumiert wird, deutlich unter der legalen Altersgrenze liegt“, sagt
Klein: „Dafür gibt es nur zwei Erklärungen: Der Alkoholkonsum wird von den Eltern toleriert, oder aber den Jugendlichen gelingt es, sich trotz ihres Alters Alkohol zu besorgen.“
Keinen völligen Verzicht auf Alkohol predigen
Klein kritisiert die „Alkohol-permissive“ Haltung vieler Eltern und anderer erwachsener Bezugspersonen: Viele nähmen Alkohol nicht als ein potenziell sehr gesundheitsschädliches Suchtmittel, sondern vor allem als ein gesellschaftlich völlig akzeptables Genussmittel wahr. „Eltern haben früher sehr viel mehr darauf geachtet, dass Kinder keinen Alkohol bekommen“, sagt auch Merfert-Diete von der DHS.
Seinen Kindern einen völligen Verzicht auf Alkohol zu predigen, hält Klein für unrealistisch. „Stattdessen sollte in der Familie eine realistische, auf mäßiges Trinken abgezielte Alkoholerziehung stattfinden“, sagt er. Eltern sollten ihren Kindern einen kontrollierten Umgang mit Alkohol beibringen und mit ihnen die Wirkungsweise von Alkohol besprechen. Deswegen hält er es für wichtig, dass der erste Kontakt mit Alkohol in der Familie stattfindet und nicht tabuisiert wird. Ob dies von jungen Menschen angenommen wird, hänge von der Glaubwürdigkeit der Eltern ab: „Bei Regelverstößen müssen Eltern Konsequenz zeigen.“ Merfert-Diete glaubt, dass Jugendliche oft sogar dankbar sind für klare Regeln im Umgang mit Alkohol: „Weil es dann auch weniger Auseinandersetzungen und Rechtfertigungen gegenüber der Clique gibt.“
Lebenskompetenz vermitteln
Für das beste Präventionsmittel hält es Klein, Jugendlichen Lebenskompetenz zu vermitteln: mehr Selbstbewusstsein im Umgang mit Altersgenossen, mehr Zivilcourage, um auch Nein sagen zu können, und die Fähigkeit, Stress auch ohne Alkohol zu bewältigen. Gleichzeitig fordert der Psychologe und Psychotherapeut vom Gesetzgeber, das legale Alter, in dem Alkohol gekauft werden darf, von 16 auf 18 Jahre heraufzusetzen.
Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen fordert zudem eine deutliche Einschränkung der Alkoholwerbung. „Am besten sollte man sie ganz abschaffen“, meint Merfert-Diete. Denn es sei empirisch eindeutig nachgewiesen, wie sehr Kinder und Jugendliche in ihrem Konsumverhalten von Werbung beeinflusst würden. Sie kritisiert das positive Lifestyle-Image, das dem Alkoholkonsum durch Werbung anhaftet.
(Barbara Driessen / epd)