06.07.2018

Die Mär der gewollt geschlossenen Grenzen
Gedrehte Stimmung?

Ob sich die Stimmung zum Thema Aufnahme von in Seenot geratener Flüchtlinge wirklich gedreht hat stellt DOMRADIO.DE Chefredakteur Ingo Brüggenjürgen in Frage. Für ihn ist das Nein zur Aufnahme nicht nur aus christlicher Sicht falsch, sondern viel grundsätzlich allein schon aus humanitärer.

Ja, es stimmt, die breite Mehrheit in Deutschland geht nicht mehr davon aus, dass die hochgejubelte MANNSCHAFT so schnell wieder Fußball-Weltmeister wird …;-) Und für die Meinung, dass Deutschland einen Bundesinnenminister hat, der zuerst an das Land, dann an seine Partei und erst ganz zum Schluss an sich selber denkt, dürfte sich nicht einmal mehr die berühmte kleine Minderheit finden lassen. Auch in der Flüchtlingspolitik, so hört man – vom breiten Medienecho vielfach verstärkt – habe sich die öffentliche Meinung grundlegend geändert. Aha! Das würde also bedeuten: 80 Millionen Deutsche sind mehrheitlich der Meinung, dass über 1400 ertrunkene Flüchtlinge im Mittelmeer alleine in den letzten sechs Monaten kein Problem sind? In den letzten Jahren weist die Statistik inzwischen sogar 35.000  Schutzsuchende auf, die auf dem größten Friedhof Europas qualvoll ertrunken sind. Gott sei Dank werden ihre Leichen jetzt in den Sommerferien nicht an unseren beliebten Badestränden angespült… Nein, Europas Bürger wollen bestimmt in Sicherheit leben. Wenn es eben geht, möchte man auch auf den hart erarbeiteten Wohlstand, also z.B. auch den Urlaub, nicht verzichten. Aber ich weiß als geborener Deutscher und überzeugter Europäer, dass die Mehrheit rund um mich herum es nicht gutheißt, wenn europäische Häfen keine Schiffe mit geretteten Flüchtlingen an Land gehen lassen. Dass die Mehrheit es auch nicht OK findet, wenn der besagte deutsche Innenminister nicht einmal aus humanitären Gründen ein Angebot zur Aufnahme dieser Flüchtlinge abgibt.

Bei der Aufnahme von Flüchtlingen in Europa geht es übrigens längst nicht mehr um christliche Werte wie Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Es sind die einfachsten humanitären Werte, die hier bedroht sind oder schon mit Füßen getreten werden. Es ist geradezu jämmerlich und erbärmlich, wenn eine Union, die sich nicht „Alternative für Deutschland“, sondern „christlich sozial“ nennt, wochenlang mit sich selbst beschäftigt, anstatt vernünftige und langfristige Lösungen in der Flüchtlingsfrage anzugehen. Es ist wirklich armselig, wenn gerade wir Deutsche, die doch millionenfache Flucht und Vertreibung im Zweiten Weltkrieg zu verantworten haben, jetzt nur noch Abschottungsmaßnahmen und immer bessere Grenzsicherungen im Blick haben.

Nein, in meinem Namen darf man gerne den Hunger und das Elend dieser Welt bekämpfen und viel mehr humanitäre Entwicklungshilfe leisten. Aber bitte nicht Ländern wie Libyen Millionen für Auffanglager und Abschottungsmaßnahmen überweisen, nur damit Menschen, die aus Not und Elend und vor Krieg und Terror fliehen, um Gottes Willen nicht in unser geliebtes Europa kommen. Nein, Gottes Wille kann das nicht sein! Und es ist auch nicht der Wille der Mehrheit. Hier hat sich keine Stimmung gedreht! Jetzt aber gilt es, nicht länger hilflos zuzusehen, wie unsere christlichen und humanitären Werte nicht nur im geliebten Mittelmeer baden gehen. Wie wollen wir denn in Europa unsere Werte bewahren, wenn wir unsere Brüder und Schwestern und damit unsere Seelen nicht retten?

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