Journalist und USA-Experte Martin Klingst
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Papst Franziskus und Barack Obama (Archiv)
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Gute Laune: Bedford-Strohm, Obama und Merkel  auf dem Evangelischen Kirchentag 2017
Gute Laune: Bedford-Strohm, Obama und Merkel auf dem Evangelischen Kirchentag 2017

04.08.2021

Welche Rolle spielt der Glaube für Barack Obama? Die Suche nach der religiösen Identität

Der ehemalige US-Präsident Barack Obama wird an diesem Mittwoch 60 Jahre alt. Religion spielte und spielt für ihn eine Rolle, weiß Martin Klingst. Das habe er aus einem ganz bestimmten Grund in seiner Amtszeit aber nie groß betont.

DOMRADIO.DE: Obama ist Mitglied der progressiven "United Church of Christ". 2007 hat er seinen Wahlkampfauftakt ums Präsidentenamt auch am Altar einer schwarzen Kirche in Selma, Alabama gehalten. Spielt Religion für ihn persönlich also eine große Rolle?

Martin Klingst (Journalist und USA-Experte, 2007 bis 2014 Washington-Korrespondent für "Die Zeit"): Ja. Allerdings ist er sehr spät dazu gekommen, das muss man sagen. Er ist nicht in einem sehr religiösen Haus aufgewachsen. Seine Großeltern waren Methodisten, Baptisten, aber nie sehr religiös. Seine Mutter eigentlich gar nicht. Die war eher esoterisch angehaucht und den Anthroposophen zugetan. Sein Vater war mal Muslim, trat dann später zur Anglikanischen Kirche über, er war aber auch kein besonders religiöser Mann. Barack Obama war sicherlich in seinen jungen Jahren eher Agnostiker. Zur Religion kam er erst nach seinem Studium, als er als Sozialarbeiter nach Chicago zog und dort dann in Pastor Jeremiah A. Wright einen geistigen Mentor fand, der ihn in die "Trinity United Church of Christ" holte, der ihn dann taufte und dann auch später seine Ehe mit Michelle Obama schloss und auch die beiden Töchter getauft hat. Ein religiöser Mentor für Obama, obwohl der später politisch ziemlich umstritten wurde, und Obama sich dann auch von ihm distanziert hat.

DOMRADIO.DE: Während seiner Amtszeit ist Obama aber nie wirklich in eine Kirche in Washington eingetreten und hat auch sonst immer versucht, zu nahe Beziehungen zu den verschiedenen Religionsgemeinschaften zu vermeiden. Ist das eine bewusste Strategie gewesen?

Klingst: Ja, er wollte sich nicht auf eine Seite schlagen. Deshalb hat er sich in Washington keiner Gemeinde angeschlossen. Er ist häufiger mal in Kirchen gegangen, auch zu Gottesdiensten. Er hat sehr das Gespräch mit religiösen Führern aller Religionen geschätzt, auch den geistigen Austausch. Es gab immer das Ritual der Familie Obama, auch in den Präsidentenjahren im Weißen Haus, vor dem Abendessen ein kleines Dankgebet zu sprechen. Das wurde immer gemacht. Großen Eindruck hat sicher auch seine Trauerreden in Charleston, South Carolina hinterlassen, wo er beim Gottesdienst für die Opfer eines rassistischen Amoklaufs das Kirchnelied "Amazing Grace" angestimmt hat, in dem die erstaunliche Gnade Gottes in schweren Zeiten beschworen wird.

Er hat sich immer wieder auf religiöse Dinge bezogen, hat das religiöse Gespräch geliebt, hat auch immer religiöse Stunden im Weißen Haus abgehalten, religiöse Führer zu sich geladen. Aber er wollte sich nie auf eine Seite schlagen. Ein Philosoph, auf den er sich immer wieder auch gerne berufen hat, war Reinhold Niebuhr. Das war ein einflussreicher protestantischer Theologe aus einer amerikanisch-deutschen Pastorenfamilie. Niebuhr plädierte für den christlichen Realismus, in dem sich keine Religion über die andere stellt. Das ist, glaube ich, auch Obama sehr wichtig gewesen. Auch in seiner politischen Amtsführung. Niebuhr hat auch immer gesagt, dass Machtausübung zu einem moraldefizitären Verhalten führen kann und das war Obama auch immer im Bewusstsein. Und daran hat er versucht, sich zu halten.

DOMRADIO.DE: Aber er hat nie ein wirklich enges Verhältnis zu den Katholiken aufgebaut. Er hat eine Zeit lang eine katholische Schule besucht und auch sein erster Job als Sozialarbeiter in Chicago war bei einer katholischen Gemeinde. Darüber hinaus gab es nicht viel Kontakt, oder?

Klingst: Seine ersten Schritte hat er sicherlich in der katholischen Gemeinde gemacht. Er hat sehr gute Kontakte zu vielen Priestern gehabt, auch gerade von seinen frühen Tagen als Sozialarbeiter. Aber der katholischen Kirche selbst hat er sich nicht angeschlossen. Ich glaube, das hängt auch damit zusammen, dass er sicherlich mit manchem in dieser katholischen Kirche haderte. Vor allem mit der Frage des Rechts auf Abtreibung. Ich glaube auch, dass er eher etwas suchte, was seine eigene Identität als Afroamerikaner ein bisschen stabilisieren könnte. Sein ganzes frühes Leben war er auf der Suche nach der eigenen Identität und dazu kam die Suche nach der religiösen Identität. Und das zusammenzuschließen war natürlich eher in einer sogenannten schwarzen Kirche wie der "Trinity United Church of Christ" möglich.

DOMRADIO.DE: Im Moment gibt es in Amerika Streit zwischen der katholischen Bischofskonferenz und dem ebenfalls katholischen Präsidenten Biden, weil seine Partei eine liberale Abtreibungspolitik unterstützt. Deswegen wurde ihm zeitweise sogar angedroht, ihn von der Kommunion auszuschließen. Solche Diskussionen gab es bei Obama aber eigentlich nicht in der Dimension, obwohl er ja die gleichen Positionen vertreten hat. Liegt das nur daran, dass er nicht selber katholisch war?

Klingst: Das lag natürlich zum Teil daran, dass er nicht katholisch war. Man kann ihn deshalb natürlich auch nicht vom Sakrament ausschließen. Aber sicherlich gab es diesen Konflikt immer. In der Abtreibungsfrage hat sich Obama ja auch erst relativ spät erklärt und nicht von Anfang an. Er hat zwar immer damit geliebäugelt, aber dass er ganz klar gesagt hat, dass er für das Recht auf Abtreibung ist, das hat ihn einige Überwindung gekostet, genauso wie auch die Akzeptanz einer Eheschließung zwischen gleichgeschlechtlichen Ehepartnern. Auch das war bei Obama eher ein spätes Bekenntnis.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

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