Justin Trudeau, Premierminister von Kanada, spricht mit einer jungen Tänzerin
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Crystal Fraser, Historikerin an der Universität von Alberta und Angehörige der indigenen Gruppe der Gwichyà Gwich'in
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Kanada, Kamloops: Die ehemalige Kamloops Indian Residential School
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Kanada: Gedenkstätte für Massengrab indigener Kinder
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Mahnwache nach Massengrab-Fund bei Schule in Kanada
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31.07.2021

Knochenfunde in Kanada erschüttern Land und Kirche Zeugen eines "kulturellen Genozids"

Die Großtante von Crystal Fraser starb in einer kanadischen Umerziehungsanstalt für Kinder von Ureinwohnern. Nun schockieren Monat für Monat neue Knochenfunde das Land. Der dunkle Teil der kanadischen Geschichte könnte auch Premier Trudeau schaden.

Als Ende Mai die Überreste von mehr als 200 Kindern von Ureinwohnern bei einem früheren Internat in Westkanada entdeckt wurden, war Crystal Fraser nicht überrascht. "Wir wissen seit Jahrzehnten, sogar mehr als einem Jahrhundert, dass viele unserer Vorfahren und unmittelbaren Familienmitglieder nicht von den Internatsschulen nach Hause kamen", sagt sie. Fraser ist Historikerin an der Universität von Alberta und auch Angehörige der indigenen Gruppe der Gwichyà Gwich'in.

Doch was sie hat kommen sehen, rüttelt weite Teile Kanadas dieser Tage auf: Knochen von über 1000 Menschen wurden seit Ende Mai durch den Einsatz neuer Technologie im Umkreis ehemaliger Anstalten gefunden. Diese Umerziehungs-Internate für Töchter und Söhne von Ureinwohnern sollten "den Indianer im Kind töten", wie Fraser es ausdrückt. Lange hatte das als weltoffen geltende Kanada seine dunkle Geschichte ignoriert. Nun erhöhen die Knochenfunde den Druck auch auf Ottawa.

"Ein System des Völkermords"

Die Internate in Kanada existierten mehr als 100 Jahre. Ihren Anfang nahmen sie mit einer ersten Schule des Franziskanerordens im 17.
Jahrhundert. Ein System aber entstand erst nach der Gründung der kanadischen Föderation 1867 - die von der Regierung 2008 eingesetzte Wahrheits- und Versöhnungskommission zählte 139 Schulen, die indigene Kinder zwangsweise besuchen mussten. Die letzten wurden 1996 geschlossen, schätzungsweise 150 000 Kinder waren betroffen.

"Wir wissen nun, dass es ein System des Völkermords war", erklärt Expertin Fraser. Körperliche und sexuelle Misshandlungen waren bei den von der Kirche betriebenen Anstalten an der Tagesordnung. Die Kinder wurden unter anderem dafür geschlagen, wenn sie sich in ihrer Sprache unterhielten. Die Wahrheits- und Versöhnungskommission nannte das Vorgehen in ihrem Abschlussbericht "kulturellen Genozid".

Schätzungen liegen bei zehntausenden Toten 

Mit dem System hatten die kanadischen Siedler Fraser zufolge versucht, die freien indigenen Völker einzugemeinden, ihnen heteronormative Vorstellungen, Sprache und den Kapitalismus aufzudrängen. Brutale Behandlung und Überfüllung der Institutionen führten dabei zu vielen Toten: Die Schüler seien unter anderem an Krankheiten, Unterernährung oder bei Unfällen zum Beispiel mit kaputten landwirtschaftlichen Geräten gestorben.

"Es würde mich nicht wundern, dass wenn man das Gelände jeder Internatsschule in Kanada durchsucht, die Zahl der Toten in den Zehntausenden liegen könnte", so Fraser weiter. Die Sterblichkeitsrate habe in einigen Institutionen in bestimmten Jahren bei bis zu 70 Prozent gelegen. Nun wird überall im Land auf früheren Schularealen mit neuartiger Radartechnik nach nicht gekennzeichneten Gräbern gesucht.

Kirchen in Brand gesteckt oder verwüstet

Bis jetzt wurden dabei mehr als 1500 Tote in mehren kanadischen Provinzen entdeckt - und jede neue Entdeckung sendet Schockwellen durch Land. "Ich weiß, dass diese Entdeckungen nur den Schmerz verstärken, den Familien, Überlebende und alle indigenen Völker und Gemeinschaften bereits empfinden", sagte Ministerpräsident Justin Trudeau. Doch während der Premier versuchte zu beruhigen, reagierten Andere mit offener Wut.

Mehrere Kirchen, die auf dem Land indigener Gruppen stehen, wurden in Brand gesteckt oder verwüstet. Trudeau - selbst Katholik - verurteilte die Gewalt, äußerte sich aber auch verständnisvoll: Die Wut sei "real und völlig verständlich angesichts der beschämenden Geschichte, deren wir uns alle bewusster werden". In einem eher symbolischen Schritt machte er mit Mary Simon zudem die erste Indigene zur Generalgouverneurin - und damit zur Vertreterin von Königin Elisabeth II. als Staatsoberhaupt.

Premier Trudeau nimmt Vatikan ins Visier

Trudeau handelt dabei auch als Wahlkämpfer: Denn der Ausgang bei möglicherweise bald stattfindenden vorgezogenen Neuwahlen könnte auch davon abhängen, wie gut er jetzt bei den Ureinwohnern abschneidet.
Deren große Hoffnung auf echte Anerkennung ist schon lange enttäuscht. Viele Indigene sagen, sie fühlten keine starke Verbindung zu dem Land, in dem sie leben. "Ehrlich gesagt bezeichne ich mich nicht als Kanadierin", meint auch Crystal Fraser.

Während Kritiker Trudeau vorhalten, seinem Wahlversprechen der umfassenden Aussöhnung nicht genügend Taten folgen zu lassen, nahm der Premier auch den Vatikan ins Visier: Papst Franziskus solle nach Kanada reisen und sich gegenüber den Ureinwohnern entschuldigen, forderte er. Das Kirchenoberhaupt selbst nannte die Funde "erschütternd" und sagte: "Mögen die politischen und religiösen Autoritäten in Kanada weiterhin mit Entschlossenheit zusammenarbeiten, um Licht in dieses traurige Ereignis zu bringen".

Papst empfängt Ende des Jahres Überlebende

Zum Stand der Ermittlungen durch die katholische Kirche und der Rolle des Vatikans bei der Aufklärung gab es zunächst keinen Kommentar. Im Dezember soll der Papst eine Delegation Indigener aus Kanada empfangen, darunter Überlebende aus den Internaten.

Crystal Fraser spricht derweil von ihrer Trauer darüber, was alles hätte sein können, wenn die Kinder nicht gestorben wären - über die Leben, die nie gelebt wurden. Eines davon sei das ihrer Großtante, die in einer der Anstalten an einer Krankheit starb. "Soweit ich weiß, wurde ihre Leiche nie geborgen", so Fraser. Doch die Radar-Untersuchungen würden irgendwann auch an diesem Internat durchgeführt. Es scheint nur eine Frage der Zeit.

Benno Schwinghammer und Natalie Skrzypczak
(dpa)

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